Fetish 69 – Neue Stadien des Verfalls

Text: Nimrod | Ressort: Kunst, Musik | 6. Oktober 1999

I thought I would mutate (transform)

Into a different thing

Get a gentle core under scarified skin

But I still walk this empty roads

with clenched fist in my coat

(„Incompatible“ on Geek, Fetish 69, 1999)


Oberflächlich liegen zwischen ihrem Debüt „Antibody“ und dem nun vorgelegten Album „Geek“ durchaus ein paar Welten. Fast scheint es, als hätten Fetish 69, ihre Musik neu entdeckt. Doch unter der zeitgemäßen Kosmetik, pulsiert der selbe schwarze Kern.

Rock ist tot…

…In Österreich interessiert sich wirklich niemand mehr für Rock“, versucht sich Christian Fuchs in der Erklärung der musikalischen Metamorphose, die seine Band Fetish 69 in der Dekade ihres Bestehens durchlebt hat. So sehr ihr neues Album „Geek“ „zwischen alle Schubladen fällt“, entsprach ihr 91er Debüt fast sämtlichen Koordinaten, der damals populären Synthese aus kalten Industrial-Gerüsten und harten Metalgitarren. „‘Birch’, unser zweites Album war noch ein Gitarrenalbum. Natürlich gab es viele Samples, aber von der ganzen Rhythmik her, war es schlicht Rock. Das Material war bereits 1994 geschrieben worden und als die Platte dann 1996 endlich erschienen war, lagen unsere Geschmäcker schon ganz woanders. Es war auch immer so, daß die Besetzungen von Fetish 69 aus sehr verschiedenen musikalischen Spektren zusammenkamen. Wir waren nicht fünf ehemalige Metalkids, Industrialfans oder was weiß ich. Wir haben uns für die Alben immer auf einen Sound oder eine Idee geeinigt. Und jeder hat da Abstriche gemacht. Nach ‘Birch’ war es einfach nicht mehr möglich, diese Kompromisse einzugehen. Es standen dann nur die Alternativen, sich entweder aufzulösen oder jedem Mitglied innerhalb des Bandspektrums die Möglichkeit einzuräumen, seine gegenwärtigen musikalischen Vorlieben konsequent einzubringen. Und damit wurde Rock schlicht marginalisiert, denn Rock – egal ob inländische oder ausländische Bands – ist in Österreich wirklich tot. Auch dieses Rock’n’Roll Revival, das seit einem Jahr ja auch in Deutschland wieder aufebbt, gibt’s in Österreich überhaupt nicht. Es existieren dabei überhaupt keine ideologischen Bedenken gegen Rock bei Fetish 69, eher schon eine Langeweile mit den rockimmanenten Standards und eine Gleichgültigkeit gegenüber den sich immer wiederholenden Ausdrucksformen. Aber gerade in Wien findet Rock so gut wie überhaupt nicht mehr statt. Ohne Zweifel hat das auf uns abgefärbt. Nicht von heute auf morgen, nicht weil es der neue Wiener Trend ist, aber als langsamer Prozeß.“

Diesen Prozeß bei Fetish 69 konsequent zu verfolgen, ist nicht unbedingt leicht. Lange Zeiträume und einige Besetzungswechsel liegen zwischen den Veröffentlichungen. Christian, das einzige verbliebene Gründungsmitglied, nennt die entscheidende Ursache eine ermüdende Labelodyssee: „Wir haben jedes Jahr ein neues Album produziert. Letztendlich aber blieben die in irgendwelchen Schubladen.“ Verwirrend ist auch die Geschichte um die Veröffentlichung von „Geek“. Bereits vor geraumer Zeit von Community Records angekündigt, auf dem Fetish 69 auch ‘Birch’ veröffentlicht hatten, erscheint es in Deutschland erst dieser Tage auf dem neugegründeten Dresdener Doxa-Label. „Warum die Zusammenarbeit mit Community gescheitert ist, kann ich jetzt gar nicht genau sagen. „Geek“ hat in der Produktion von Mario Thaler fertig vorgelegen und das Label hat das Material auch gemocht. Die Veröffentlichung hat sich dann aber ewig hingezogen, weil sich niemand sicher war, wie und wann man das Album vermarkten solle. Uns hat das irgendwann genervt, so daß wir dann unser Material genommen und uns nach etwas Neuem umgeschaut haben. Wir wollten das Album dann eigentlich selbst herausbringen. Wir waren völlig überzeugt von dem Material, sehr stolz, und waren schon der Meinung, daß „Geek“ in unserem Sektor so etwas wie Pionierstatus bekommen könnte. Und dann lag es einfach in der Schublade. Von den Labels kamen Argumente wie: ‘Da ist kein Radiohit drauf’. Oder: ‘Wie sollen wir das vermarkten? Das fällt zwischen alle Schubladen.’ Da war für uns dann einfach Schluß, und wir beschlossen, das Album selbst mit unseren Freunden von Trost Rec. in Wien herauszubringen. Die haben sich innerhalb von drei Tagen entschieden. Alle Mitglieder von Fetish 69 sind ja eigentlich noch in anderen Projekten tätig und mittlerweile hatten wir uns schon fast damit abgefunden, daß Fetish 69 eben das schwer vermarktbare Nebenprojekt ist. Nachdem das Album dann aber draußen war, haben sich sofort Strukturen um die Band gebildet, die uns dann wieder motiviert haben. Manic Music sind an uns herangetreten, als Agentur. Inzwischen sind sie auch unser Management. Und Manic Music haben dann auch den Kontakt zu Doxa hergestellt. Es fanden wieder Konzerte statt und plötzlich waren da auch wieder Leute, die zum Beispiel begannen, eine Fetish 69 Fanpage einzurichten. Videokünstler haben uns angesprochen. Das alles hat uns sehr motiviert.“

Die Ideologie des zerfallenden Körpers

Sieht man von der musikalischen Entwicklung der Band ab, so scheint es dennoch eine Tendenz zu geben, die sich auf allen Veröffentlichungen belegen läßt. „Antibody“ und „Geek“ stellen die signifikanten äußeren Koordinaten des bisherigen Schaffens, beide weisen in ihrer Formalität dennoch deutliche Unterschiede auf. „Antibody“, das sich musikalisch innerhalb des Frühneunziger Industrial-Metal Trends definiert und für das sich die Band zur visuellen Umsetzung der damit geäußerten Brachialität und Radikalität beim Wiener Aktionismus, d.h. einigen Fotografien der Körperkunstwerke von Günter Brus, bedient, erzielt seine Wirkung über die bimedial gelungene Darstellung von Verzweiflung, Tod und Vergänglichkeit, die sich schon ob ihrer künstlerischen Kontextualisierung nicht einfach als billiger Schockeffekt aburteilen läßt. Und auch „Geek“ thematisiert den körperlichen Verfall, den schleichenden sozialen und physischen Tod, allerdings musikalisch als auch visuell weitaus subtiler. Jedoch das Thema bleibt das gleiche. „Dieses Aussenseiter-Thema zieht sich von Anfang an durch. Es ist in gewissem Maße auch die Idee, die dahinter steckt. Ich habe mit Toxic Lounge [deren „Low Down“ via KleinRecords Anfang 2000 erscheinen soll] zum Beispiel noch eine zweite Band, und ich weiß schon genau, wenn ich an einem Text schreibe, daß ist jetzt ein Fetish 69-Text und nicht für irgendwas anderes. Bestimmte Elemente ziehen sich also durch, nur der Blickwinkel darauf ist anders geworden. Als wir anfingen, ist es um die extremsten für mich vorstellbaren Formen gegangen. Eine gewisse Faszination für Serienkiller, Amokläufer, die Deformation von Körpern kann ich da nicht leugnen. Die Texte des neuen Albums sind sehr viel authentischer, sehr viel persönlicher. Mir ging es dabei vor allem darum, die Trennung zwischen künstlicher Bühnenfigur und mir als Person viel stärker aufzuheben. Aber wie bei den vorangegangenen Platten, finden sich auch auf „Geek“ Fetzen aus Filmen, Büchern und Comics. Fetish 69 waren immer sehr stark durch Filme beeinflußt. Für „Antibody“ war es auf jeden Fall „Taxi Driver“ gewesen. Am Ende der Ausbruch, die Katharsis. Vor kurzem, da war „Geek“ allerdings schon längst fertig, habe ich den Film „Happiness“ gesehen und festgestellt, daß dieser Film genau das in seinem Medium umsetzt, was Fetish 69 heute über ihre Musik versuchen. In dem Film passiert an für sich nicht viel, es sind vielmehr zweieinhalb Stunden Beobachtungen von Durchschnittsbürgern in New Jersey. Gegen Ende kommen dann so Sachen raus von einem Familienvater, der von Beruf Psychiater ist, aber außerdem auch ein Kinderschänder.“

Genau diese Aufhebung der vermeintlichen Alltagsgesetze, die tatsächliche Ambivalenz eindeutiger Wahrnehmungen, taucht die mit „Geek“ offenbarte Perspektive von Fetish 69 auf ihre Umwelt in ein surreales Licht, in dem einfach alles eine Fassade für schleichende, hinterhältige Bedrohung sein kann. Im Kontext mit der unlängst geäußerten Forderung der Sofa Surfers, man solle auch elektronische Musik wieder viel stärker politisieren, mag die vielleicht als Inszenierung einer Paranoia mißverstandene Ästhetik von „Geek“ zusätzlich Authentizität erlangen. Noch immer spielt der Rattenfänger Haider in Österreich seine Flöte, und das was sich jahrzehntelang stolz als die politische Mitte definierte, sickert kontinuierlich nach Rechts. Das Statement der Sofa Surfers ist die deutliche verbale Konsequenz auf diesen Trend. Christian Fuchs nennt meine theoretische Annäherung an die im Schaffen von Fetish 69 als grundlegend perzipierte Tendenz – eben jene Inszenierung des Verfalls, des Todes, sich physisch als auch mental äußernder Krankheiten – und die anschließende Mutmaßung, es könne sich dabei um die mehr oder minder bewußte Antithese zur Ideologie des Körpers innerhalb der Rechten, des auch durch die Riefenstahl inszenierten Kultes um den athletischen, gesunden, mental reinen Herrenmenschen handeln, eine der vier, fünf Interpretationen, mit denen er sehr gut leben kann. Seinen Intentionen beim Verfassen der Texte entsprächen diese Assoziationen aber nicht. „Ich mag da eigentlich nicht so gern drüber reden, aber ich war als Kind schon der klassische Außenseiter. Es sind auch einige Bruchstücke meiner Kindheit, die sich jetzt als abstrakte autobiographische Elemente auf dem Album wiederfinden. Mir ist es gelungen, mich mit Musik oder auch Kunst im weiteren Sinne aus dieser Position herauszukatapultieren und mir meine eigene Welt zu bauen. Und ich muß da nicht jeden hereinlassen. Was also einige Leute als destruktiv und negativ sehen, betrachte ich eigentlich als etwas sehr Positives. Es ist nicht nur möglich, die Rolle des „Geek“, in welche dich die Gesellschaft gedrängt hat, zu überwinden, sondern praktisch auch eine Welt zu schaffen, aus der du diese feindliche Umwelt einfach ausschließen kannst. Das liegt gar nicht so weit neben deiner Interpretation.“ Also birgt der aufgrund seiner äußerlichen oder mentalen Andersartigkeit bis an den äußersten Rand des gesellschaftlichen Gefüges gedrängte Geek sogar Potential bereits in sich, dieser Gesellschaft selbst zum Role Model zu werden? „Genau, inzwischen ist ja der Geek schon ein regelrechter Modetrend geworden. Einerseits finde ich es schon etwas befremdlich, andererseits freue ich mich natürlich darüber, daß Schauspielerinnen wie Christina Ricci oder ein Regisseur wie Tim Burton, die ja nun im Grunde Paradegeeks sind, es schaffen, durch ihren Erfolg zu Role Models für wieder andere zu werden.“ „Geek“ also ein Plädoyer für Diversität? „Auf jeden Fall.“

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