Mädchen-Rache ist ein ewiger Fluch – der thailändische Horrorfilm „Shutter“

Text: Nimrod | Ressort: Film | 6. Januar 2005

An dieses bleiche Gesicht auf dem Erinnerungsfoto kann sich niemand erinnern. Die ungesunde Farbe passt nicht zwischen all die rotbäckig grinsenden Hochschulabgänger, wie sie mit leuchtenden Augen ihre Zertifikate in die Kamera halten. Die Bleiche ist teilnahmslos, teilnahmslos und ungepflegt. Fettig hängen Strähnen ihres ebenholzfarbenen Haares über die eingefallenen, schneeweißen Wangen. Nein, so beginnt kein Märchen. So fängt er an, ein weiterer Horrorfilm, der sich für seine deutliche Inspiration durch den Sadako-Mythos kein bisschen geniert.


Geisterfotos sind mitnichten Doppelbelichtungen, das strengt das elaborierte Marketing um den Thai-Erfolg SHUTTER sehr nachdrücklich an. Sie sind sogar ein erstaunlich weit verbreitetes Phänomen. Sehr scholastisch auftretende Persönlichkeiten belehrten und prädispositionierten das Publikum zu dieser paranormalen Erscheinung, die thailändische Regisseur Banjong Pisonthanakun zum Ausgangspunkt seines nicht nur an den heimatlichen Kinokassen erfolgreichen Horrorwerkes macht. Es sei nicht so, bekräftigen die „Wissenschaftler“, dass sich Fotografien, wie sie der junge Fotograf Tun entwickelt hat, in jedem Familienalbum finden, aber gar nicht selten registrieren Film und Kamera, was das menschliche Auge nicht sehen kann … oder nicht sehen will. Die Geister sind unter uns, um uns herum, mit uns, überall. Nicht jeder Geist jedoch verweilt. Nur die, deren Werk unvollendet ist, und solche, für die das ziellose Wandern unter den Lebenden eine Strafe ist. Vor allem aber spuken als Geister jene, denen Unrecht getan wurde, die der Gedanke an Rache und die Hoffnung auf Vergeltung an das Diesseits fesselt.
Seit dem unglaublichen – und nichtsdestoweniger verdienten – internationalen Erfolg von Hideo Nakatas „Ringu“ sind diese Rachegeister bevorzugt weiblich, kreidebleich und haben einen unmöglichen Haarschnitt. Die Loden hängen ihnen fettig und strähnig übers Gesicht, und das ist gut so, denn wehe dem, den die toten Blicke treffen. Die aus dem Fernseher krauchende Furie Sadako ist mit beeindruckender Geschwindigkeit zur Ikone des modernen Geisterhorrors geworden. Hemmungslos wurde und wird das Schema in aufgesetzt variierten Sujets plagiiert. Die Ernüchterung des Publikums hat sich natürlich längst eingestellt. Das heißt nicht, dass die Welle baldigst abebben wird, nur dass die Plagiate noch billiger und schlechter werden.
Als zweifelsfreie Ausgeburt des Trends steht SHUTTER dieser prognostizierten Abwärtsspirale jedoch entgegen. Die rachsüchtige, langhaarige Geisterfrau – solchgestalt ist auch der Alb, der den Fotografen Tun nicht mehr ruhen lässt, und schnell verlässt Regisseur Banjong Pisonthanakun das so sorgsam und hübsch schaurig eingeführte Terrain der Geisterfotos, um seiner Bedrohung einen unmittelbareren, dreidimensionalen Charakter zu verleihen. Ein billiger Ausverkauf der eigenen, ja durchaus innovativen Idee, den man dem Regisseur sofort als absolut peinlich vorwerfen müsste, wäre es ihm nicht so ausgezeichnet gelungen, diesen Schritt in eiskaltem, unablässig das Rückgrat hinab perlendem Angstschweiß sich selbst erklären zu lassen.
Mit dem ersten Blick auf die von der Präsenz der Geisterfrau berührten Fotografien öffnet sich für den Protagonisten ein lange sorgfältig verschlossenes Fenster in die eigene Vergangenheit, die eigene Schuld. Wie eine Schlinge zieht sich die dunkle Bedrohung um ihn zusammen, würgt das Leben aus seinen engsten Freunden, und zwingt ihn, in Todesangst, dazu, sich und seiner Verlobten sukzessive seine Verstrickung in das todbringende Phänomen einzugestehen. Der Spuk ist das Mädchen, mit dem er an der Hochschule heimlich liiert war. Sie hat ihn geliebt, sicher etwas intensiver als er sie, und zu plötzlich hat er sie verlassen. Nur weil ihn seine Freunde wegen der Beziehung aufgezogen hatten. Das Mädchen hat das nicht verkraftet, gesteht er. Sie sei nie wieder zur Schulen gekommen. Um den Zirkel zu schließen reisen der Fotograf und seine Verlobte in das Dorf des Mädchens und finden dort bestätigt, was sie schon dunkel geahnt haben. Die Verstoßene hat sich umgebracht. Durch die Einäscherung des von ihrer verschrobenen Mutter konservierten Leichnams soll der Geist endlich Ruhe finden. Der schmale, lange Schornstein qualmt. Der Abt betet. Ein Ende, wie es sich fürs Thai-Kino geziemt … doch die Schuld geht tiefer, ist schrecklicher noch, als es bisher eingestanden wurde. Und auch nach einem weiteren Showdown, der seinem Publikum den Atem zwischen den ausgerenkten Kiefern gefrieren lässt, gesteht der Regisseur dem Protagonisten keine Katharsis zu, und lässt ihm die Schuld buchstäblich und nicht exorzierbar im Nacken sitzen. Es ist unglaublich und unbedingt sehenswert wie Banjong Pisonthanakun seinen SHUTTER aus dem Dreck der Nachgeborenen reißt.

Eine deutsche DVD Veröffentlichung von „Shutter“ ist für Februar angekündigt.

Noch tiefer in die Welt des asiatischen Geisterhorrors für Donis mit dem zweiten Teil seiner diesbezüglichen Aufarbeitung in PNG 67.

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