Ein ganz besonders schwerer Abschied Hausmusik

Text: | Ressort: Musik | 28. Oktober 2007

Einer der wichtigsten unabhängigen Musikvertriebe Deutschlands mit internationaler Ausrichtung steht am Abgrund. Jegliche Hoffnung auf Halt ist bereits verloren. Ende des Jahres 2007 wird es endgültig soweit sein. Schluss, Ende, ausgeträumt.

Hausmusik war ein mutiges Unternehmen, das mit aller Kraft und Liebe bis zuletzt tapfer dafür kämpfte, musikalische Nischen zu pflegen und ein wertvolles, sowie Scheuklappen freies Musikspektrum anzubieten. Durch den kleinen hauseigenen Plattenladen zu schlendern, hier und da kleine Schätze zu finden und den Jungs beim Packen von Päckchen über die Schulter zu schauen, hat vielen Musikfreunden über 15 Jahre lange Nachmittage vertrieben. In diesem Laden lief alles zusammen, wofür Hausmusik in diesen anderthalb Jahrzehnten gelebt hat – der Einzelhandel, der Mailorder, das Label und der Vertrieb, die Leidenschaft für großartige Musik, uneingeschränkt durch Genre und vordergründig ökonomische Erwägungen. Nicht nur die Wochenzeitung DIE ZEIT stellte fest, dass die gemütlichen Musikstöberecken der Hausmusikfamilie in der Waltherstraße ganz besondere sind. Im Lager von Hausmusik standen Drone-Platten neben Techno-Maxis und experimentelles Gezwitscher neben Songwriter-Alben.

Die Hausmusikcrew, bestehend aus fünf ambitionierten Kämpfern, legte ganz besonderen Wert darauf, genreübergreifend und qualitätssicher veröffentlichende Labels im Programm zu führen, und konnte damit künstlerisch wesentliche Akzente zu setzten. Und wer diese wahnwitzige Gang einmal kennen lernen durfte, wird mir bestätigen können, dass auch sie untereinander hätten nicht unterschiedlicher sein können. Vielleicht war gerade dies das Qualitätsrezept von Hausmusik. Doch wer weiß das schon. Vor allem eines ist jedoch jetzt Gewissheit: Deutschlands Musiklandschaft hat durch das Sterben von Hausmusik ein nicht unwesentliches Maß an Passion und Liebhaberei verloren.

Neben dem exklusiven Vertrieb etlicher Labels nahm Hausmusik ziemlich häufig importierte Musik mit in das Sortiment auf – und das sogar non-exklusiv. Durch den Vertrieb dieser sonst nur schwer in Deutschland erhältlichen Tonträger wurde unsere Musiklandschaft extrem bereichert.
Ein paar Labels, die auch oder gerade mit der Hilfe von Hausmusik in den letzten Jahren sehr wichtig wurden, sind beispielsweise „Constellation”, „Type Records” und auch „Miasmah”, das mittlerweile sogar als das neue ECM gehandelt wird. Als Dubstep seinen Einzug in Deutschland feierte, war Hausmusik von Anfang zur Stelle. Ohne Zweifel, wir haben Hausmusik unglaublich viel zu verdanken.

Hausmusik entstand aus dem Freundeskreises von Wolfgang Petters, dem Gründer von Hausmusik. Die damalige Weilheimer Szene, in der er sich bewegte, spielte in der Gründungsgeschichte Hausmusiks eine sehr große Rolle.
Den Durchbruch erlebte Hausmusik mit dem damaligen Elektronika Hype. Ab diesem Zeitpunkt ging alles ganz schnell. Dem Beispiel von Morr Music folgend, kamen immer mehr fantastische Labels in den Hausmusikvertrieb, und gleichzeitig hielten auch Schritt für Schritt professionelle Strukturen Einzug bei dem anfangs so kleinen und auch ein wenig chaotischen Münchner Label und Vertrieb.
Zuletzt betreute Hausmusik 50 Labels und brachte Tonträger nicht nur in Deutschland, sondern europa- und gar weltweit in die Läden. Als Label hat Hausmusik über den gesamten Zeitraum seiner Existenz insgesamt 75 Tonträger in den Katalog aufgenommen. Erheblich aktiver waren die Münchener als Vertrieb. Labels wie Sunday Service aus Hamburg, Basic Channel aus Berlin und Honest Jons aus London durften mit Hausmusik an der Hand die Welt bereisen und es sich in den Plattenkisten vieler Musikliebhaber gemütlich machen.
Diese und viele andere Schützlinge im Vertrieb von Hausmusik trifft die Schließung des Unternehmens ganz besonders hart. Eine neue Heimat zu finden, wird vor allem die Labels, die Ambient und Experimentelles releasen, vor erhebliche Probleme stellen. Mindestens genau so passioniert wie die Münchener, wird es für viele dieser Labels nun selbstverständlich sein, sich engagiert um neue Vertriebsmöglichkeiten bemühen. Jedoch haben sie durch den Ruin ihres alten Vertriebs sehr viel Geld verloren. Hausmusik wird ihnen nach Möglichkeit einen Prozentsatz ihrer Außenstände zurück zahlen und bietet ihnen Unterstützung beim Finden und Aufbauen neuer Vertriebsstrukturen. Ein kleiner Trost. Immerhin.

„Der Markt für physikalische Tonträger hat sich teilweise dramatisch verkleinert. Allerdings sind sicher auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten Fehler begangen worden. Meiner Meinung nach ist da ein generelles Problem in der Indie-Branche. Es sind zu 90% Autodidakten in Sachen Wirtschaft am Start. Dort sitzt kaum jemand, der zuvor seinen Betriebswirt gemacht hat! Klar machen diese Leute Fehler.” meint Christian Blumberg, Angestellter bei Hausmusik, kritisch, als ich ihn nach der möglichen Ursache des Zerfalls von Hausmusik frage.

Egal wer oder was Schuld an diesem gewaltigen Verlust ist, eines ist klar: Irgendwer muss für uns die Musikauswahl vorab auch weiterhin übernehmen, sich durch die größer und größer werdende Flut an Musikdatenträgern und Künstlern schlängeln und selektieren. Diese Aufgabe werden nicht nur irgendwelche Internetforen übernehmen können, die wahllos hypen. Auch in Zukunft wird es ein paar Leute bedürfen, die mit ihrem profunden Wissen über Popmusik mit dabei sind. Es geht weiter.

Text: Anika Väth
Illustration von Lorin Strohm

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