Ricarda Junge. Keine Gewöhnung und kein Gewohntes

Text: | Ressort: Literatur | 31. Juli 2008

Eine schöne Geschichte

Mit dem Begriff Situationismus wird heute in erster Linie der französische Künstler und Autor Guy Debord assoziiert. 1967 beschrieb er in seinem Hauptwerk „Die Gesellschaft des Spektakels“ die moderne Stadt und ihre Umgestaltung zur Bühne des Kapitals. Die Menschen seien zu passiven Zuschauern dieses großen Theaters geworden und die Stadt verselbständige sich immer mehr. „Eine schöne Geschichte“, der dritte Roman der 1979 geborenen Autorin Ricarda Junge, spielt in einer Stadt, die sich permanent verändert. Unnachvollziehbar verschwinden Gebäude, Cafés wechseln ihren Standort und ständig gehen allerorten Dinge verloren. Niemand scheint das Durcheinander zu kontrollieren, geschweige denn sich in diesem Irrgarten orientieren zu können. Die öffentliche Geographie verschwimmt und wird zu einem Schauplatz des Selbstverlusts. Dieser Hintergrund ließe sich durchaus als grotesk zugespitzte Übersetzung situationistischer Theorie ins Erzählerische bewerten. Keine Frage.

Tatsächlich ist diese Geschichte jedoch komplexer, sie ist surrealer und mystischer gelagert. „Man muss sich daran gewöhnen, dass es hier keine Gewöhnung und kein Gewohntes gibt“, denkt sich die todkranke Protagonistin Marie Landski auf einem ihrer täglichen Irrwege durch das Labyrinth eines endzeitlich anmutenden Berlins. Sie arbeitet in einem Hotel, das männlichen Besuchern verschlossen bleibt, quartiert diese aber im dunklen Keller des Gebäudes ein. Stammgäste wie „Blauauge“ oder „Prediger Lex“ hausen hier unter dürftigen Bedingungen, kommunizieren in Reimform, und genügen sich in ihrem skurrilen Dasein. Marie entdeckt einen Geheimgang zum „Nachtasyl“, einer Notunterkunft für gescheiterte Existenzen, in der ihre Freundin Constanze arbeitet. Unerkannt wird sie Zeugin eines absurden Schauspiels – Constanze deckt den Tisch für Unsichtbare – und die vertraute Wirklichkeit gerät gänzlich aus den Fugen. Neben Gegenständen und Haustieren verschwinden auch Menschen, wie Maries Mitbewohnerin oder ihre Chefin zunächst spurlos. Daran vermag auch Maries Freund und Pfleger Peter, ein zum Alltagsphilosophieren neigender Student und Filmemacher, nichts zu ändern. Er dokumentiert die Entwicklungen der Stadt, um herauszufinden, was genau vor sich geht. Ob seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sind, darüber lässt uns Ricarda Junge in Ungewissheit.

Ebenso darüber, wie diese Geschichte eigentlich verstanden werden soll. Die situationistische Lesart würde sicherlich Teilaspekte betreffen, tatsächlich stellt sich Ricarda Junge aber jeder Eindeutigkeit in den Weg. Was wäre beispielsweise, wenn all die recht oberflächlich angelegten Figuren sich ihre Umgebung nur zurechtphantasierten? Gerade im letzten Drittel, wenn die Geschichte auseinander bricht, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, die Autorin habe lediglich sämtliche negativen Elemente des Großstadtlebens zu der Erfahrung einer kollektiven Psychose verdichtet. „Was ist, wenn mit uns etwas nicht stimmt?“, fragt Peter und zieht in Betracht, dass ihre Wahrnehmung krankhaft verzerrt sein könnte. Dass sie alles mit zuviel Tempo sehen, als eine Art Hyperrealität vielleicht. Klar, wenn alle spinnen, dann ist es am Ende auch wieder egal! Oder sollte dieses „Land der letzten Dinge“ doch eher als Mahnung verstanden werden? Vor dem Ausnahmezustand, der alle Bezugsmuster kollabieren lässt? Wir wissen es nicht. Mögen einige Passagen auch allzu bedeutungsschwanger geraten sein. Und mag Ricarda Junge darüber hinaus mit diesem Versuch einer Melange aus Lovestory, Groteske, Gesellschaftskritik und Sci-Fi reichlich hoch geschossen haben, so besticht dieser Roman vor allem durch seine Offenheit. Insbesondere angesichts der vielen schönen Geschichten da draußen, mitsamt ihrer Stringenz und lahmen Logik, sollte man diese Verwirrung schätzen. Unter der Herrschaft von Fakten, Fakten, Fakten ist sie eine Ressource. Allemal. Der Roman glänzt kein bisschen mit Antworten, als einzige unaufgelöste Metapher überstrahlt er alles mit Fragen.

(Ricarda Junge: Eine schöne Geschichte. S. Fischer 2008, 256 S., geb., 17,90 Euro.)

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