Der Zentralasiate in der Abstellkammer

Text: | Ressort: Diary | 11. August 2008

Bus kriecht über Pass. Sieht aus wie überall. Graugrüne Ödnis. Gras unter Regenwolken. Mongolei. Und Kasachstan. Der Norden Tibets. Der Berg Ararat, links aus dem Fenster, schindet keinen Eindruck. Der schneebedeckte Vulkan, der Gipfel, an dem die Arche Noahs gestrandet sein soll, versunken in den Wolken. Die Welt ist Wolken. Nebel. Regen fällt. Kleine Dreckhäuser am Straßenrand, tief in der Erde versenkt. Nur Dach. Und eine Fahne Rauch. Alles hübsch ärmlich, sehr pitoresk. Die Sommerhütten kurdischer Schäfer. Die dicke türkische Touristin macht Fotos aus dem Busfenster. Fotografiert die Hütten. Die Wolken. Den Straßenrand. Den Sitz vor ihr. Den Boden des Busses. Ihre Fingernägel. Zehn Fotos in der Minute. Drei Stunden lang. Billige Kamera. Geile Speicherkarte. Zweifellos.

Es regnet. Es regnet. Es regnet. Bis Dogubayazit. Über der Stadt: eine der wichtigsten Attraktionen der Osttürkei, Ishak Pasha Palast. Toller Palast. Tolle Kulisse. Scheiß Licht für Fotos. Keine Touristen. Nur die englische Lesbe vom Vortag. Mit ihrer teuren Ausrüstung. Mit Budget. Mit Zeit. Ein paar Tage warten. Wenigstens noch einen Morgen. Bis sich Ararat enthüllt. Neid. Dogubayazit, die Stadt, ist Kacke. Aber ein gutes armenisches Restaurant. Glückstreffer. Ein vegetarisches Gericht. Lucky us. Zum Mittag nicht Brot und Käse. Keine Pide, zur Abwechslung. Nicht nur Salat. Heute: Gebackene Bohnen in Tomatensoße. Lucky us.

Van, der Salzsee. Glitzert und glänzt in der Abendsonne. Viele, viele Kilometer neben der Straße. Den halben Weg nach Van, der Stadt. Kurdische Studenten im Sitz neben uns. Gutes Englisch. Welcome to Kurdistan, sagen sie. Free Kurdistan, they say. Deutschland ist Scheiße zu den Kurden, sagen sie: Die Deutschen küssen den Türken den Arsch. Ich spiele Empörung: Ich kauf auch Gemüse beim Kurden, wenn der billiger ist. Sag ich. Wir schleichen uns herum, um die Politik. Van ist berühmt für Katzen, weiße Katzen, ein blaues und ein grünes Auge. Am Abend kaufen wir eine Postkarte, mit Katze drauf.

Zu früh für den ersten Bus. Wir wollen weiter. Man beruhigt uns mit Tee. Man tötet Zeit immer mit Tee, hier. Geht gut. Der erste Bus. Nach Gevash. An den See. Nach einer Stunde. Gevash – eine staubige, kleine Stadt. Zwischen Bergkette und Salzsee. Mit einem alten Friedhof. Hübsch gelegen für einen Friedhof. Die Seldschuken haben Krieger und Prinzen verbuddelt. Und tolle Grabsteine aufgestellt. Krähen. Schildkröten. Zwischen den Gräbern. Und ein Torwächter, der aussieht wie ein bulgarischer Kellner. Overdressed für Trinkgeld.

Netter, fetter Ladenbesitzer. Zu etwas Geld gekommen. Fährt uns herum in seinem neuen Auto. Hupt und winkt in die Stadt. Er fährt Parade, in seinem blitzblank neuen Auto. Fährt uns zum Steg am See. Boote zur Insel Akdamar. Ein herrlicher Morgen. Ararat sieht aus wie Fuji, am fernen anderen Ufer des Sees. Wir töten Zeit mit Tee. Wir warten auf Touristen. Die Überfahrt gemeinsam bezahlen. Zu teuer für nur zwei. Für uns zwei. Ich sehe Ararat. Weißgetoppter Kegel. Ich denke an die Lesbe. Und ich fühle: Neid. Keine Zeit. Keine Touristen ist gleich: Keine Insel. Haben bereits Tickets nach Diyarbakir. Die Stadt ist berüchtigt. Keine Lust, mitten in der Nacht dort anzukommen. Die Saison beginnt spät, dieses Jahr. Sagt der Bootseigner. Fängt später an, mit jedem Jahr. Und ist kürzer. Verdammt will er sein, wenn er wüsste, warum das ist. Besser der Spatz in der Hand als leeres Hoffen auf Touristen in einem dicken Bus, sagt er schließlich. Setzt uns über für 20 Lira.

Höllenfahrt nach Diyarbakir. Kontrollen alle paar Kilometer. Es ist heiß. Mein Körper heiß im Fieber. Die Armee findet Schmugglerware. Geschmuggelt von der Crew. Alle verschwinden für zwei Stunden. Verhör. Junge Soldaten bauen den Bus auseinander. Sie finden nichts weiter. Nicht mal den Zentralasiaten in der Abstellkammer. Der Zentralasiate gehört zu einem russischen Zuhälter. Sieht so aus, der Mann, in seinem aufdringlich schicken Anzug. Hat aber einen Türkenpass. Der Zentralasiate hat nichts. Der Bus fährt weiter, in der Dämmerung. Der Zentralasiate sitzt wieder neben dem Mann, der aussieht wie ein russischer Zuhälter. Der Mann drückt einem alten, dicken Busbegleiter ein paar hundert Lira in die Hand. Wir versuchen, nicht immer hinzustarren. Kurz vor Mitternacht: Ankunft in Diyarbakir.

 

In Persona Non Grata # 77 (3. November):
Der Staub unter dem Schnee. Die Stadt Kars hinter den Kulissen Orhan Pamuks

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