„Die Schönheit der Ambiguität.“

Text: | Ressort: Musik | 12. August 2008

Neurosis spielen in der nächsten Woche vier Konzerte in Deutschland. Bereits anlässlich einer Tour zu seinem zweiten Soloalbum „The Wake“ im Frühjahr traf sich Nimrod mit Gitarrist und Sänger Scott Kelly.

Nimrod: In der Musik von Neurosis, vor allem auf Alben wie „Souls at Zero“ und „Enemy of the Sun“, taten sich mir immer ganz besonders schwarze Abgründe auf. Das ging tiefer als die Musik gar, das klangliche Empfinden, berührte etwas Uraltes, etwas Ursprüngliches, etwas betont Archaisches … hast du bessere Worte, das zu beschreiben, was man als die Essenz von Neurosis ausmachen könnte?

Scott Kelly: Ich kann es nicht erklären, aber ich verstehe, was du sagen willst. Ich fühle mich verstanden. Das ist generell der Eindruck, der uns in Europa am stärksten geprägt hat. Anlässlich unserer ersten Tour in Europa spürten wir plötzlich, hier sind Leute, die wissen, um was es bei Neurosis geht. Das passierte in den Staaten viel zögerlicher und vereinzelter. Und bis heute hat sich das noch nicht umgekehrt. Ich denke, dass wir also viel häufiger in Europa unterwegs sein werden. Wir mögen es, in Europa zu spielen. Das gibt uns einfach mehr. Kunst ist hier einfach viel öffentlicher und respektierter.

Hm … diese Transzendenz, von der ich sprach, hat mich in den letzten Jahren auf keinem Album eures eigenen Neurot-Labels so mitgerissen wie auf dem Debüt des Projektes Harvestman deines Bandkollegen Steve von Till. Musik wie Schleusen für die eigenen Imagination, eigenwillig genug, um sich in die Wahrnehmung zu haken, um zu inspirieren, und gleichzeitig von einer Ambiguität, die sehr viel Raum lässt, den man mit eigenen Vorstellungen auskleiden kann.

Darin liegt der Wert dieser Musik. Die Schönheit der Ambiguität. Ich hasse Musik, die sich mir aufdrängt, die mir diktieren will, wie sich sie zu hören habe, was ich denken soll und fühlen. Ich hasse das. Ich hasse solche Musik.

Vor ein paar Monaten hast du mit „The Wake“ dein zweites Soloalbum veröffentlicht. Acht Jahre nach „Spirit Bound Flesh“, dem Solodebüt. Hast du über diese lange Zeit die neuen Stücke gesammelt, vertieft oder ist „The Wake“ eher das Produkt eines Augenblicks, an dem sich kreativ entladen hat, was sich – naheliegend – an dunklen Gefühlen überwältigend aufgebaut hat?

„Remember Me“, das letzte Stück auf „The Wake“, war bereits auf dem Blood and Time Album. Die meisten Stücke auf diesem Album entstanden über die letzten anderthalb Jahre. Vier Stücke schrieb ich in einer Woche – als sich die tragischen Ereignisse tatsächlich um mich überschlugen und Schleusen aufgestoßen haben. Es passierte dann ganz schnell. Ich wollte die Gefühle dieses Moments dokumentieren.

Unter seiner getragenen, akustischen Atmosphäre hört man diesem Album eine Unruhe an … es klingt tatsächlich nach Eindrücken, die überwältigend waren, so als suche der Musiker nun nach dem einen Song, in dem er sich auflösen, dem er sich ganz ergeben, in dem er sich verlieren kann …

Ja, ich glaube daran, dass sich Songs selbst schreiben. Ich glaube daran, dass es vor allem darum geht zu wissen, wann man aufhören muss. Die Songs auf „The Wake“ sind ganz verschieden strukturiert. Strophe – Refrain – Strophe. Oder Strophe … – … hm … was auch immer. Ich weiß es nicht mal. Es passiert. Man muss sich dem Sound unterwerfen, ganz und gar. Und man muss den Zeitpunkt dennoch erkennen, an dem man sich wieder aus dessen Einfluss löst. Ich gehe nie mit einem Plan an das Songwriting, die besten Songs schreibe ich tatsächlich, wenn ich überhaupt nicht über sie nachdenke. Völliges Gefühl.

Dieses Der-Musiker-Als-Gefäß-Ding…

Genau. Ich maße es mir dennoch an, zu behaupten, dass ich ein gutes Gespür für die Bewegungen der Struktur in diesem Sound habe. Ich weiß intuitiv, wenn eine Welle durch den Sound nicht anschlägt, nicht richtig ist. Und wenn ich sage, etwas ist nicht richtig, dann meine ich selbstverständlich: nicht richtig für mich. Es gibt aber definitiv diese Bewegungen in der Struktur, die ein Stück für mich funktionieren lassen, ganz unabhängig davon, ob es nun Discharge sind oder Hank Williams. Ich ziehe keine Linien um Genres. Ich leg mir noch immer meine Geto Boys Platten auf … letzten Monat hab ich Bruce Springsteen gesehen, in Portland. Was auch immer man über ihn sagen mag: Dieser Mann glaubt an jede Note, die er spielt und er spielt jede Note, als wäre es die letzte, die er jemals spielt. Es hat mich weggeblasen.


Scott Kelly ist gerade mit seiner Band Neurosis auf Europa-Tour. Hier die Deutschland-Termine:

18.08. Leipzig, UT Connewitz (Ausverkauft – nur noch Rückläufe an der Abendkasse)
19.08. Leipzig, UT Connewitz (Ausverkauft – nur noch Rückläufe an der Abendkasse)
20.08. Köln, Essigfabrik
21.08. München, Metropolis

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