Klickerklacker

Text: | Ressort: Diary | 12. August 2008

(Bild unter CC License)

An der Haltestelle sitze ich neben einer Dame mit vielen Taschen, als ein betrunkener Mann vorbeiwankt, der theatralisch Sätze vor sich hin sagt. Auf und ab geht er und lässt dabei Dinge verlauten wie: “Erblicke ich dort unter der Bank ein altes Butterbrot oder ist es noch frisch? Max Frisch! Ich saß immer in der letzten Reihe in der Schule. Oh, da wird mir doch ein wenig schwindelig. Was mache ich da? Ich setze mich wohl hin!”

Wackelig versucht er, sich auf dem kleinen freien Stück Bank zwischen der Taschenfrau und mir niederzulassen, gerade noch rechtzeitig springe ich auf, verhindere, dass er sich auf meinen Schoß setzt. “Da guckst du, Susanne!”, spricht er zu mir, “Und glaubst gar nicht, dass Ulrike Meinhof, die ja übrigens durchaus deine Mutter sein könnte, gar nicht zusammen mit der RAF gekämpft hat. Und das ist ja auch alles nur, weil der Baader die Leute in Afrika befreien wollte!”

Die Taschendame guckt samariterhaft, zückt eine Broschüre, auf der ich in dicken Lettern das Wort Jesus erkennen kann, und drückt sie dem Mann in die Hand. Er betrachtet kurz das Deckblatt und spricht weiter zu mir, spricht von Christus und der Liebe. Ich zeige auf die Taschendame und bitte ihn, er möge sich mit kirchlichen Fragen an sie wenden, denn sie sei die Abteilung für Gott, mit der ich jedoch nichts zu tun habe. Woraufhin die Taschendame wider Erwarten schmunzelt und mir ebenfalls eine Jesusbroschüre anbietet.

Es riecht mittlerweile sehr stark nach Alkohol und der Mann erzählt viel. Er mischt Literaturfetzen mit Philosophie, brabbelt Unverständliches und fuchtelt mit seinen Händen herum, seine Fingernägel sind ganz schwarz, wirken fast schon verfault. Als ich beinahe ein wenig enttäuscht in die Bahn steigen muss, denn zu interessant sind die Fragmente seiner Gedanken, die Bildungsüberbleibsel, ruft er mir hinterher: “Mach es gut, Susanne Klickerklacker!” Jedoch, wenn ich die wäre, ich wüsste viel mehr Antworten und hätte vermeintlich für alles eine Erklärung.

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4 Kommentare »

  1. Chapeau!

  2. In der Tat!

  3. Ick freu mir.

  4. Susanne Klickerklacker (im Original: Alice Braithwaite Goodyshoes) ist ein neunmalkluges, arrogantes kleines Mädchen, das die Unterschiede zwischen durch und herum, nass und trocken, oben und unten zu erklären versucht. Ihre Vorträge beginnen mit: „Ich heiße Susanne Klickerklacker, wie ihr vielleicht wisst. Und ich bin das klüüügste Mädchen der Welt!“ Oftmals erscheint ein Monster und ihr Auftritt endet nach 30 Sekunden im Missgeschick.

    Die Zeichentrickfigur Susanne Klickerklacker wurde nur während der ersten Staffel der amerikanischen Sesamstraße (1969–1970) produziert und in den darauf folgenden Jahren häufig wiederholt.

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