Schwitzen für den Klassenkampf

Text: | Ressort: Diary | 15. August 2008

Da sitzen wir also. Zu zweit in der dunklen Sauna. Eigentlich haben wir hier nichts verloren, denn der Spa-Bereich des Hotel Aveny im schwedischen Umeå ist um ein Uhr morgens natürlich nicht mehr geöffnet. Die nicht abgeschlossenen Türen deuten wir aber als stilles Zugeständnis der Hotelangestellten an Gäste mit dem etwas anderen Biorhythmus und immerhin sind wir nur mit unseren Handtüchern bekleidet extra für den Saunabesuch in die sechste Etage gestiefelt. Von diesem Vorhaben kann uns auch nicht die erfolglose Suche nach einem Lichtschalter abbringen. Es geht uns um Wärme und nicht ums Licht. P. beschließt, das orange blinkende Lämpchen am Saunaofen bedeute unbedingte Arbeitswilligkeit des Gerätes und ich nicke wissend. Hoffend darauf, dass der Wasseranteil unser Körper angesichts der übermächtigen über ihn hereinbrechenden Hitze in den nächsten Minuten die Flucht in Strömen antreten wird, beginnen wir schnell die übliche Fachsimpelei über neue Bands, neue CDs und (neue) Frauen.

Es ist Frühling 2002. Der Anschlag vom 11.September dominiert immer noch die Nachrichten, die Invasion in Afghanistan hat im Winter vorher begonnen und Dennis von Refused endlich eine neue Band. Priorität für mich ist letzteres. Ist ja auch mein Job. Die musikinteressierte Welt muss so schnell wie möglich die wichtigen News erfahren und unisono beschließen, dass The (International) Noise Conspiracy im Alleingang den (politischen) Rock ’n’ Roll neu erfunden und gerettet haben. Der neue schlagkräftige künstlerische Arm des Klassenkampfs. Politisches Gewissen auf CD. Schlagkräftigstes Mittel zum Zweck ist der Sender VIVA2, dem die Änderung des Namens zu VIVA+ und der damit einhergehende Absturz hin zu Quizshows und ähnlichem noch bevorsteht. Hier tummeln sich ein Haufen Idealisten, davon die meisten natürlich Praktikanten, die ein zeitweise wirklich gutes Programm auf die Beine stellen. Ohne Charlotte Roches Fast Forward und dem kleinen Haufen Spinner in der 2Rock-Redaktion wären unter anderem The Hives nicht die am meisten überschätzte Band des Planeten geworden und mein Job um einiges härter.

The (International) Noise Conspiracy sollen einen Gig im Rahmen der „Umeå Open“ spielen. Ein lokales Musikfestival, auf dem Bands sämtlicher Genres ohne Sinn und Verstand zusammengeworfen werden, um der Studentschaft der nördlichsten Großstadt Schwedens auch mal was bieten zu können. Alles in allem nicht wirklich spannend. Aber es kommt ja darauf an, wie man es verkauft. Also werden die Umeå Open zum Insider-Festival Skandinaviens umgelogen, „Soundtrack Of Our Lives spielen auch“ zieht sofort, „Dennis-du-weißt-schon-der-von-Refused-Lyxen“ als Totschlagsargument hinten dran und die Sache ist geritzt. „Lass uns doch ein kleines Feature für 2Rock mit Liveclips und Impressionen aus der Stadt bringen, ein Interview im privaten Umfeld machen, solche Bilder bekommt ihr sonst nicht so einfach – und nebenbei können wir wunderschönen Schwedinnen auf den Hintern schauen.“ So einfach kann es sein. Über Budgets, um ein paar reisefreudige TV-Redakteure durch die Gegend zu fliegen, muss man sich 2002 sogar als Indielabel noch nicht zu sehr den Kopf zerbrechen.

In Umeå läuft alles perfekt. Die Show der Band wird vollständig gefilmt. Der Chefredakteur und alle Kameramänner verlieben sich in die schönste Schwedin von allen. Die ist leider zu der Zeit Dennis Lyzens Freundin, Bandmitstreiterin und nicht interessiert. Also trinken wir zuviel und schlafen zuwenig, lachen über schwedischsprachige HipHop-Bands, 11jährige Modmächen mit Wodkaflaschen und einen Auftritt der legendären BlackMetal-Assis von Mayhem, die das minderjährige Publikum mit echtem Schweineblut vollsauen. Was will man mehr von einem kleinen Ausflug, bei dem gleichzeitig noch ein einstündiges Feature für das Prioritäts-Thema(!) deiner kleinen Plattenfirma bei Deutschlands sich am wichtigsten nehmendem Musiksender herausspringt. Ich bin zufrieden und in Feierlaune. P., damals noch Volontär, sowieso immer.

„Gero, meine Nippel sind hart.“ – „Was?!“ – „Mir wird kalt, mach mal ´n Aufguss!“. „Echt, das bringt was?“ – „Ja, so muss das in einer Sauna. Wenn die Hitze nachlässt, macht man `nen Aufguss“ – Es ist ja tatsächlich kühler, als man es in einer Sauna erwarten würde. Das Bier in meiner Hand ist auch noch recht frisch. Also Aufguss. Von mir aus. Der Bretterverschlag ist zappenduster. Im Dunkeln taste ich nach dem halbgefüllten Eimer und schleiche, übervorsichtig einen Fuß vor den anderen schiebend, in Richtung Saunaofen. Ich könnte ja stolpern und mit dem Gesicht direkt in der Glut landen und P. wäre dann sicher keine große Hilfe. Der ist so betrunken, der würde sich eher kaputtlachen, als irgendwas in Richtung Rettung auf die Reihe zu bekommen. Ich schütte das Wasser vorsichtig über die Glut, um mich nicht zu verbrühen und es zischt leise. Kein Wasserdampf, kein plötzlicher Temperaturanstieg. Nur ein mickriges, trauriges „pfffffff“ und noch weniger Licht. Das bisschen Glut, was unserem vernebelten Geist vorher wenigstens etwas Gemütlichkeit und Wärme vorgegaukelt hat, ist jetzt auch noch gelöscht. P. fragt aus der Dunkelheit: „Was’n jetzt kaputt?“ und ich suche nach einer Möglichkeit, ihm schonend zu erklären, dass wir die letzte halbe Stunde in einer Sauna verbracht haben, die wahrscheinlich schon seit dem frühen gestrigen Abend nicht mehr gefeuert wurde. „Lass uns in den Whirlpool gehen, Sauna ist langweilig.“ – „Aber ich schwitze doch noch gar nicht.“ – „Egal, schwitzen ist eh überbewertet.“

Ich kann die Gedanken der armen polnischen Putzfrau nur ahnen, die uns beide am nächsten Morgen im munter vor sich in blubbernden Whirpool entdeckt. Nackt, tätowiert und völlig aufgeweicht. Mindestens eine Bekreuzigung war sicher nötig, bevor sie uns mit dem Stiel ihres Wischmops und einem Schwall slawischen Wortsalats aus dem Schlaf befördert und unfreundlich und bestimmt aus dem Wasser heraus komplimentiert. Der gekreuzigte Erlöser an ihrer schmucklosen Kette sieht nicht glücklich aus.

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3 Kommentare »

  1. Wirklich Einblick gibs hier aber nicht. Von wegen nackt! Alles nur Andeutungen!!

  2. Die Ironie des Teasers..

  3. Beim nächsten Mal aber in die Sauna gehn und nicht ins Kaminzimmer. Dann klappts auch mit dem Schwitzen…

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