Die Liste und ich

Text: | Ressort: Diary | 17. August 2008

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Irgendwann musste es ja passieren. Menschen, die sich schon zu Schulzeiten zusammenrotten wie Ameisen um einen verschütteten Schluck Limonade, die Schulbussitze, Tintenkiller und das erste Petting teilen, die ihre immerwährende Gemeinschaftlichkeit erst in Poesiealben und schlussendlich in peinlichen Abi-Zeitungen zelebrieren – diese Menschen verspüren früher oder später auch das Bedürfnis, all diese ach so tollen Erlebnisse noch einmal aufleben zu lassen, indem sie sich Jahre nach dem Abschluss in einem schäbigen Landgasthof treffen und sich freuen, sich zu sehen.

Auch ich bekam neulich zum ersten Mal eine Einladung zu solch einem Klassentreffen, verfasst in einem heuchlerisch-floskelhaften Ton von einem Typen, wegen dem ich mal heulend aus der Schule gerannt bin, weil er behauptet hatte, ich habe einen Stiernacken (eine waghalsige und vermessene Titulierung in Anbetracht der Tatsache, dass er selbst die Aura eines sonnengebleichten Ochsen hatte). Man treffe sich Anfang September, er würde sich freuen, wenn ich auch käme, ich solle mich doch mal melden bitte-danke-LG.
Für einen kurzen Moment fühlte ich, wie mich die Vergangenheit einholte. Mehr als sechs Jahre hatte ich all diese Leute nicht gesehen, und ich könnte nicht behaupten, dass sie mir ein einziges Mal gefehlt hatten. Die Gymnasialzeit war eine Zeit voller Langeweile und Stumpfsinn, anfänglicher Bemühungen um Anschluss und permanentem Kopfschütteln über all das, was gelehrt, gelernt und für sozial gesehen irgendwie cool befunden wurde.
Ein paar Tage und eine Nachricht von dem Typen, in der er mich nochmals um Meldung bat und mir seine Telefonnummern, eMail-Adressen und ICQ-, MSN-, Skype- und Was-weiß-ich-nicht-alles-Kürzel mitteilte, später antwortete ich: „Lieber C., vielen Dank für deine Einladung, aber auf dieses Trauerspiel habe ich keine Lust. Bestes, Jana.“ Man darf mich belächeln und kleinlich nennen, aber das zu schreiben hat mich fürs erste befriedigt. Ich hatte kein Interesse daran, ausgerechnet IHM groß und breit zu erklären, warum ich nicht kommen wollte, und deswegen war ich stolz auf diese prägnante Formulierung, die alles sagte, was ich ausdrücken wollte, ohne auszuschweifen oder Gefahr zu laufen, mich weiter erklären zu müssen.

C.s Antwort kam natürlich prompt. Er könne meine Reaktion nicht nachvollziehen, respektiere sie aber. Und er werde mich „von weiteren Klassentreffen ausschließen“ und mich „hiermit von der Liste streichen“. Da musste ich lachen.

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