We make people fly!

Text: | Ressort: Diary | 20. August 2008

Vergesst Anschnallen, Schwimmwesten und Sicherheitshinweise. In südostasiatischen Billigfliegern habt ihr Millionen Götter an eurer Seite.

Du zweifelst an deinem Verstand. Beinahe zu spät. Aber du zweifelst. Das macht dich nicht schlauer, dass du zweifelst. Du stehst sogar noch dümmer da. Weil du zweifelst und es dennoch tust. Du stellst dich an die Schlange vor dem Bretterverschlag, der improvisierten Bude, von der ein Schild baumelt, mit dem Namen der Stadt, die auch auf deinem Ticket steht. Du bist richtig hier. Du bist falsch. Du bist auf deinem Weg zur Hölle. Lass alle Hoffnung fahren! Wie sonst den radebrechenden Slogan der Fluggesellschaft übersetzen? We Make People Fly. Jeder vernünftige Mensch liest: Lass alle Hoffnung fahren! Nur du nicht, du Vollidiot! Du stehst in der Schlange. Du wartest. Du schiebst deine Tasche mit dem Fuß voran. Immer näher an die Bude, an der du eingecheckt werden wirst. Immer näher an die Bude, die da gleich neben dem Verschlag von Adam Air steht und noch viel schäbiger aussieht. Adam Air ist gerade in aller Munde. Vor zwei Wochen ist ein Flugzeug von denen verschwunden. Über Sulawesi. Spurlos verschwunden. Das Flugzeug und 120 Passagiere. Zwei Männer tragen dein Gepäck davon. Keine Laufbänder. Du nimmst deine Bordkarte. Und du lächelst. Lächle. Lass alle Hoffnung fahren. We Make People Fly.

Du schnallst dich an den Sitz. Du schaust hin, als die Flugbegleiterin die Sicherheitshinweise animiert. Du schaust nie hin. Diesmal schaust du hin. Das alte Russenflugzeug ruckt an. Ein Gepäckfach springt auf. Eine schwere Tasche stürzt heraus. Kein Unglück. Keine Panik. Keine Panik. Niemand wird verletzt. Der Sitz unter dem Gepäckfach ist leer. Die meisten Sitze sind leer. Final Destination: Todesflüge, empirisch nachgewiesen soll das sein, sind immer auffällig schlecht gebucht. Immerhin: Freie Platzwahl. Du sitzt an einem Fenster. Du schaust hinaus. Die Lichter der Flugbahn verschwinden. Du siehst nichts mehr. Stockfinstere Nacht. Wolkenverhangen. Noch zu niedrig für die Sterne. Du greifst in die Sitztasche vor dir. Greifst nach dem Inflight-Magazin. Du greifst Nichts. Nein. Du greifst Etwas. Nur kein Magazin. So etwas wie eine Menü-Karte. Laminierter Karton. Zweimal gefaltet. Auf dem Cover steht: Doa-Doa Perjalanan. Invocation Card.
Stoßgebete. Für fast alle großen Religionen. Und ein paar nicht so große Religionen. In vier Sprachen. Aber essenziell die selben Worte: Rette(t) meinen Arsch, den ich strohdoof in eine Situation gefahren habe, aus der ich selbst mir nicht mehr helfen kann. Ich lege meinen besudelten Hintern in Deine (Eure) reinen Hände, Dein (Euer) Wille ist mein Königreich, für jetzt, und morgen und die Ewigkeit. Essenziell in etwa so.

Ganz genau kannst dich jetzt nicht mehr erinnern. Du undankbarer Knilch. Von wegen Ewigkeit. Dabei weißt du es: In dieser Nacht, durch die magenverdrehenden Turbulenzen, als du diese Invocation Card rauf und runter gebrabbelt hast, hat es einen Allmächtigen und den ganzen disney-farbenen Pantheon des Hinduismus gebraucht, um deinen dummen Arsch zu retten. Deinen ungläubigen, unwürdigen, furzdummen Arsch.

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