Mothlite – The Flax of Reverie

Text: | Ressort: Musik | 28. August 2008

Es ist niemals Tag in deinem Zimmer. Ein Fenster war nicht drin, für die paar Kronen. Eine einzige Leuchte hängt in ihrer Fassung von der Decke. Eine fahle, winzig kleine Sonne hinter einem Schleier aus Fliegendreck. Du redest mit dem Radio, das vor dir auf dem schäbigen Tisch steht. Der Tisch und das rostende Bettgestell mit der durchgelegenen, ebenfalls rostbraunfleckigen Matratze sind deine einzigen Möbel. Du redest mit dem Radio, denn das Radio redet mit dir. Stimmen, verschwörerische Stimmen, sprechen zu dir, dringen durch die Statik, dringen hervor unter ihren böse flatternden Mänteln. Das Schlagen ihrer Flügel. Tausende Flügel. Durch die Mauern dringt Lärm. Du hast kein Fenster. Der Lärm kommt durch die Mauern. Oboen und Gefiedel. Die verdammte Zigeuner-Kapelle. Du willst hinaus schreien, sie sollen sich zum Deibel scheren. Du willst deinen Nachttopf über ihnen entleeren. Du hast kein Fenster. Du schlägst gegen die Wand. Verdammtes Pack. Du schlägst gegen die Wand, bis dir die Knöchel bluten. Du setzt dich an den Tisch, setzt dich auf dein Bett. Du reibst dir die Faust über die Lippen und leckst dein Blut. Dann drehst du am Radio. Du suchst die Stimmen. Sie müssen sich verstecken. Etwas muss sie jagen. Die Wahrheit ist immer bedroht. Du sagst zum Hausbesitzer, er soll was gegen die Kakerlaken machen. Er sagt, es gibt keine Kakerlaken in seinem Haus. Wer so etwas sagt, der fliegt. Du zeigst auf die Leuchte, die in ihrer Fassung schwingt und die Schatten tanzen lässt, über die grauen Wände. Du zeigst auf die Leuchte, die angestoßen wird, von tausend pechschwarzen Flügeln. Dunkle Wolken. Schwarze Wolken. Schwarze Wolken grausamer Statik. Sie verschlingen das Licht, sie verschlingen die Stimmen. Der Besitzer starrt dich an. Er sagt: Halt’s Maul! Du willst deinen Nachttopf über seinen Anzug entleeren. Die Tür ist zu. Die Tür ist schon zu. Dunkle Wolken beißen nach den Stimmen. Gigantische Schatten auf der Wand, größer als du selbst. Es gibt keine Kakerlaken in diesem Haus. Du weißt, woher sie gekrochen sind. Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster. Du hast Goya gelehrt. Du hast eine Fakultät geleitet. Dann warst du ihnen nicht mehr gut genug. Sie haben dich durch die Straße gejagt, mit einem Schild um den Hals. Hier kann dich niemand sehen. Du hast kein Fenster. Halt’s Maul! Hat er gesagt. Dieses feiste Schwein. Tausend schwarze Flügel Statik. Die Stimmen flüstern dir zu. Sie dringen durch die Statik. Sie flüstern. Du weißt, dass sie die Wahrheit sagen. Die pechschwarzen Flügel der Kakerlaken wollen sie verhindern. Aber die Wahrheit ist stärker. Die Stimmen unter der Statik flüstern: morgen beginnt der Krieg.

(Southern)

Nimrod

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