Willy Vlautin – Motel Life

Text: | Ressort: Literatur | 1. September 2008

Artwork von Christoffer Greiß

Hört auf, euch wie Verlierer zu benehmen

Diese altehrwürdige Art, amerikanische Geschichten zu erzählen. So nebenbei. Die Ruhe, mit der der Spot auf eine bestimmte Zeit im Leben ausgerichtet wird, das Licht leicht gedämpft, ausgeleuchtet zwar, aber alles Grelle vermeidend. Die Schatten müssen nicht scharf sein, sie dürfen in die Wirklichkeit hin abfließen.

Das Motel Life ist Teil des Romantizismus eines luziden Amerikas, das sich uns durch unzählige Filme und Musik eingebrannt hat, die Idee eines erträglichen, weil zur Einsicht führenden White Trash Lebens zwischen den Heiligen Orten der Drifter & Loser. Von dort nur eine weitere Geschichte, die nicht wahrer sein will als die Geschichten, die Ich-Erzähler Frank seinen Mitmenschen erzählt. Eine Verlierergeschichte, traurig und warmherzig, mit und ohne Verfolgungsjagden.

Reno im Herbst 1996. Frank und der einbeinige Jerry Lee sind Brüder. Eltern, finanzielle Sicherheit und fester Wohnsitz sind Vergangenheit. Einfache junge Männer ihrer Zeit, die sich in ihrem nomadischen Leben aus Gelegenheitsjobs, Bier und Schnaps, Willie-Nelson-Tapes weniger verlieren, als viel mehr anspruchslos darin ihre Runden ziehen, wie Kreise auf Wasser. Ihr lakonisch-tragisches Slacker-Gleichgewicht aus Gleichmut und Resignation wird durch den von Jerry Lee verschuldeten Tod eines Jungen und der anschließenden Fahrerflucht gestört. Die Vergangenheit in Form von Erinnerungen an verpasste Chancen holt sie ein, Gespenster, die sie still vergiften. Der Versuch von Wiedergutmachung, um so alles Lebensmüde zu vertreiben oder zumindest einzudämmen, scheitert und scheitert doch nicht, weil man immer noch Hoffen kann. Denn die Hoffnung ist besser als nichts, sagt Frank. Das ist nicht neu, aber, in diese ganz nebenbei erzählte Geschichte entpackt, der springende Punkt, ganz nah an uns herangeholt. Ein paar Mal erscheint die Hoffnung sogar ganz physisch, einmal als Zärtlichkeit, zwischen den Brüdern, zwischen Frank und seiner Freundin, einmal als Hund, der von Frank gerettet wird und der uns ab dann unauffällig durch die Kapitel begleitet. Und natürlich das fleischgewordene gute Gewissen des Buches, der alte Earl. Er sagt es klar und deutlich: Ihr seid keine Verlierer. Hört auf euch wie welche zu benehmen. Es ist besser zur Schule zu gehen.

Das verleiht der Hoffnung zumindest mehr Selbstbestimmtheit. Die Brüder haben es nicht geschafft, diesem Rat zu folgen. Ihre Hoffnungen sind zu Lethargien geworden, aus deren Lähmungen sie erst wieder erwachen müssen. Die Selbstbenachteiligung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr junges Leben. Sie und das Pech. Und darauf hat man keinen Einfluss. Auch wenn man das nicht glauben mag. Genau deswegen kann man sein Glück versuchen. Und dann wiederum hat man etwas zu hoffen, für einige Zeit zumindest. May the Circle be unbroken.

Willy Vlautin: Motel Life. Berlin Verlag 2008, 208 S., geb., 17 Euro.

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