Wet Desire – Im Männerkäfig

Text: | Ressort: Film, Kunst | 28. September 2008

Tatsumi Kumashiros 1972 inszenierter „Wet Desire“ gehört zu den Klassikern und Wegbereitern des Roman Porn, einer Welle von Pinku Eiga, japanischen Sexfilmen, die vor allem dem Nikkatsu Studio im Verlauf der Jahrzehnts zu neuer, ausgesprochen lukrativer Berüchtigkeit verhalfen. Nikkatsu, eine der dienstältesten Filmfabriken Japans, investierte unter dem erheblichen Druck, den die zunehmend flächendeckende Verbreitung des Fernsehens auf das Kino (seine Formate, Themen und Vertriebswege) ausübte, in dieses Subgenre, das von den veränderten Sehgewohnheiten am wenigsten bedrängt schien. Von den herkömmlichen Pink-Filmen unterschied sich der Roman Porn im Wesentlichen nur durch die höher gesteckten Produktionswerte – die Sex-Szenen, mindestens vier pro Filmstunde, wurden in eine fast immer nur rudimentär verhandelte Geschichte eingebettet. Die Ausnahmen sind die erinnerungswürdigen, noch heute in ihrem nachhaltigen Einfluss bis jenseits der heimlichen Kinosäle anerkannten Meilensteine des Genres, zu denen wohl Masaru Konumas „Apartment Wife“-Serie, Noburo Tanakas „A Woman Called Sada Abe“ und eben auch „Wet Desire“ gehören – Werke, deren Regisseure die Freiheiten, die ihnen Nikkatsu abseits der Sex-Quote ließ, für eine eigene künstlerische Vision zu nutzen verstanden.

„Wet Desire“, der auf einer DVD von Rapid Eye Movies nun endlich untertitelt und außerhalb Japans vorliegt, ist eine Ode an die Stripperin Sayuri Ichijo, die mit ihren extravaganten Körpershows zu einer Legende im Nachtleben Osakas wurde (und sich im Film auch selbst spielt). Nicht nur Verehrer verfolgen ihre expliziten Auftritte, auch die Polizei ist längst auf die Darstellerin aufmerksam geworden und junge Stripperinnen wie Harumi (Hiroko Isayama) haben Sayuri zu ihrem Idol erkoren und träumen gleichwohl davon, ihr die Gunst des Rampenlichts streitig zu machen. Ganz besonders Harumi kennt bei der Verwirklichung dieser Ambitionen keine Skrupel und setzt neben einer spektakulären Lesbenshow auch hemmungslos auf Intrige. Als Sajuri eine Zusammenarbeit mit der ehrgeizigen Harumi ablehnt, beeinflusst die Nachwuchsstripperin ihren just aus dem Knast entlassenen Freund, Sayuri in einen Rückzug von der Bühne zu nötigen … und dabei auch bis zum Äußersten zu gehen.

Es ist freilich nicht vor allem dieser Handlungsrahmen, der „Wet Desire“ seinerzeit zu einem so sensationellen Erfolg in Japan hat werden lassen – selbst als einer der herausragenden Vertreter des handlungsgebetteten Roman Porn, ist es die Inszenierung von Sexshow und Geschlechtsverkehr, die Tatsumi Kumashiros Film herausragend macht. „Wet Desire“ beeindruckt in seiner hemmungslosen Koketterie mit Submissions- und Dominanz-Ritualen, der deutlichen Akzentuierung wirbelbiegender Verbindung zwischen Gewalt, Schmerz und sexuellen Stimuli. Vor allem aber ist es seine Distanzlosigkeit, mit der er bei den zum Teil mitten aus dem Männerpublikum gefilmten Bühnendarbietungen seiner Protagonistinnen völlig ungeniert und unverheuchelt ganz dem Voyeurismus seiner Zuschauer frönt, beinahe aufstachelt hervorzutreten zwischen den wippenden, wackelnden Köpfen im Bild, und auch anzufassen, wenn Sayuri, von der eigenen Rolle völlig eingenommen, die heilige Distanz, die letzte unsichtbare Barriere, selbst übertritt und den Zuschauern ihr Geschlecht über die speicheltropfenden Lippen reibt. Trotz des Eindrucks, dass sie sich völlig in die Orgie mit sich selbst fallen lässt, kontrolliert Sayuri den gefährlich brodelnden Raum vor dem Bühnenrand, den Männerkäfig, mit dem Charisma und der Selbstsicherheit einer Dompteuse.

Über eine nostalgisch kultische Verklärung seines funky 70er Jahre Designs mag dieses Denkmal für seine Protagonistin und Hauptdarstellerin, als welches Tatsumi Kumashiro „Wet Desire“ ganz zweifellos konzipiert hat, heute gar noch attraktiver und einnehmender wirken, als inmitten der Furore, die es vor über 30 Jahren ausgelöst hat.

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