Mercury Rev – Snowflake Midnight

Text: | Ressort: Musik | 29. September 2008

Ist das alles real? Das, was wir sehen? Hören. Schmecken. Riechen. Fühlen. Glauben wir nicht schon längst nicht mehr daran? Ist die Wirklichkeit nicht lange schon nur eine Frage der eigenen Wahrnehmung? Gibt es gar viele Wirklichkeiten? Tausende gar? Keine Antworten. Warum auch? Zu Mercury Rev geht man nur allein aus diesem Grund: keine Antworten zu erwarten. Den Moment bevorzugen. Die Wahrheit im Augenblick. Das Lachen der Kinder. Der Sommerwind in den Haaren des Menschen, den man liebt. Der Geruch von Kindheit. Jene Erinnerungen. Und die Angst, jeden Augenblick, diese verdammte, das könnte alles nicht wahr sein. Vielleicht nur ein Traum. Vielleicht nur das. Nach dem unglaublichen und endgültigen Werk „The Secret Migration“ haben die einzigen neben The Flaming Lips ernstzunehmenden Indieopern-Schöpfern eine neue Zustandsform entdeckt. War das alles an Inhalten und Ideen umfassende 2005er Album soundlich die Entsprechung eines Disneytierfilms, so ist alles anders und gleichzeitig wie immer, wenn es darum geht, womit die beiden Masterminds 3 Jahre später aufwarten… „Snowflake/Midnighte“ kämpft nicht nur mit einer soundlichen Mehrschichtigkeit, es ringt auch mit der modernistischen Art Deco Haltung des Vorgängers. Etwas zu finden, dass den perfekten Track von vor 3 Jahren ersetzt und noch perfektionistischer, noch erschließender, noch absoluter ist – eine Herausforderung, die sich anzunehmen scheinbar lohnt, betrachtet man das Nachfolgewerk genauer. „Snowflake/Midnight“ ist in sich geschlossen und wohl möglich ist eben das nicht weniger als ein kleines Wunder, nach all dieser Perfektion, die „The Secret Migration“ vorzugeben wusste. Aber mehr noch: Grasshopper und Jonathan sezieren ihren eigenen Sound und geben sich modernistischer denn je. So opulent der Vorgänger soundlich daherkam, umso reduzierter scheint „Snowflake/Midnight“ in den Ideen zu sein. Auf welchem Level bombastischer und pathetischer Ausdrucksform Mercury Rev vor 3 Jahren angelangt war, das neue Album klingt wie ein Aufbruch zu neuen, unentdeckten Ufern. Ein Aufbruch, der ein Anfang zu sein scheint. Der Anfang einer neuen poetischen Soundkultur. Weg von Klischees und Selbstzitiererei. Weg von Ritualismen und Selbstinszenierung. Weg von Marktmechanismen und Status quo. Hin zu einer neuen Sprache. Zu anderen Ufern. Zu einer neuen Welt. Einer Welt voll Poesie und Schönheit. Friede und Freude. Leichtigkeit und Sein. Dort werde ich sein. Dort werde ich auf Euch warten. Ich freue mich darauf. Ihr seid willkommen. Ohne Euch würde auch das hier nicht gehen. Vielleicht musste auch das nur mal gesagt sein.
(V2/Coop Music/Universal)

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Ein Kommentar »

  1. Echt schön, das hier zu hören. Bald kommt auch Open Jail, von 1984 raus.
    Das ist die nächste interessante Platte für mich im Moment.

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