Roskilde 2008

Text: | Ressort: Diary, Musik, Veranstaltungen | 6. Oktober 2008

Immer wieder hört oder liest man, große Festivals seien ungemütlich, unromantisch und überhaupt abschreckend auf allen Gebieten. Bei solchen Aussagen fragt man sich natürlich, wo die Besserwisser ihre Erfahrungen gemacht haben und was sie von einer Veranstaltung im Freien mit angesagter Auslegung eigentlich erwartet hatten. Ja, bei Riesenfestivals gibt es viele Leute und entsprechend auch genügend Idioten, im Freien ist es sowieso, einher kommen: Dreck, Zelt, lange Wege, keine Klos. Hat man sich mit den Letzteren einmal arrangiert, muss man nur noch ein Festival finden, dass trotz der Größe noch entspannt genug ist, coole Leute anzieht, eine nette Atmosphäre sein eigen nennt und ein sattes Musikprogramm bietet. Und siehe da, all den von einheimischen Events Enttäuschten möchte ich hiermit einmal mehr Roskilde ans Herz legen. Klar gibt es auch hier Kunden, die nur zum Saufen auf dem Zeltplatz rumlungern und dafür satt Eintritt abgelöhnt haben, aber das ist ja schließlich deren Problem und nach meiner Erfahrung gibt es riesige Unterschiede zwischen angeheiterten Teutonen und Skandinaviern. Wie dem auch sei, wir sind schließlich wegen der Musik hier und die konnte man in diesem Jahr gemeinsam mit 67.000 zahlenden Gästen an sechs Bühnen genießen. Ungetrübt vom Wetter, diese Bemerkung sei noch erlaubt, da die Statistik eine generelle 70-prozentige Niederschlagswahrscheinlichkeit vermeldet und man noch die Rekordniederschläge im vergangen Jahr mit abgesoffenem Zeltarealen, Evakuierungen und dem obligatorischen Schlamm vor Augen hatte. Nichts davon in diesem Jahr. Naja, fast, denn die 3mm Niederschlag am Sonntag, gegen Ende, fielen nun wirklich nicht ins Gewicht. Angenehmer war dagegen die Durchschnittstemperatur von 18,9°C, und damit war 2008 immerhin das drittwärmste Festival seit dem Beginn 1971.

Stichwort Musik, bei 180 musizierenden und performenden Künstlern findet auch der nerdigste Musikfreund etwas, für das er sich begeistern könnte. Man konnte bekannte Bands sehen, von denen man sich schon immer mal enttäuschen lassen wollte, wie Radiohead zum Beispiel und man kann altfordere Künstler wie Neil Young und Nick Cave (mit Grindermann) sehen, die einfach nie einen schlechten Tag zu haben scheinen. Doch die großen Renommierten sind nur eine Seite, und zwar nicht die interessantere. Den langen Weg in den (eigentlich gar nicht so) hohen Norden titt man auch an, um etwas Neues zu entdecken und den aktuell bejubelten heißen Scheiß en Block geboten zu bekommen. Zu guter letzt sind da noch Angebote, denen man mit gemischten Gefühlen entgegensieht, wie in diesem Jahr dem Auftritt von My Bloody Valentine. Verehrung in den Jugendjahren, Trennung und nun die Reunion. Kann das was anderes sein als pure Abzocke? Kann die Band glaubhaft und mit Leidenschaft Songs von Alben spielen, die vor ca. zwanzig Jahren entstanden? Sie konnten und waren definitiv das Highlight des Festivals. Ein Schwall, nein ein Tsunami aus Noise und versteckten Melodien, ein überwältigendes Erlebnis. Für die Jüngeren vielleicht eine Neuentdeckung, für die Alten ein wallendes Wechselbad der Gefühle mit eingestreuten Deja Vu’s. Grandios!

Ab hier jetzt weiter als Bilderbogen, eh voila:

Seit Sonntag darf bereits gezeltet werden und für Unterhaltung wird auch schon gesorgt. Im Pavillion Junior Zelt präsentieren sich vorwiegend dänische Nachwuchskünstler den Hartgesottenen. Los ging es für uns am Mittwoch noch mit Beta Satan im. Das Debüt „Girls“, eben erst erschienen und vollgepackt mit rotzigen Stücken, voller Wut und fiebrigen Irrsinn, auf dem schmalen Grad zwischen Pop und Metal balancierend. Von Newcomern zu sprechen trifft es dennoch wohl nicht ganz korrekt, waren der Sänger K.R. Hansen und Keyboarder Q zuvor schon bei den Tiger Tunes aktiv.

http://www.betasatan.dk/

Donnerstag: Offizieller Festivalauftakt am eigenen Badestrand. Vis-a-vis gab es auch einen Angelteich, wo baden verboten war, man sich für ein paar Kronen eine Angel samt Köder ausleihen konnte und manche das auch taten.

Dengue Fever (US/CBD) war wohl die erste positive Überraschung. Eine amerikanische Jazz-/Psychedelicrock heuert eine kamboschanische Hochzeitssängerin an und heraus kommt eine herrlich verquere Mixtur, Bollywood meets Kifferrock und es funktioniert und man glaubt seinen Ohren nicht zu trauen.

http://www.myspace.com/denguefevermusic

MGMT kann wohl getrost als D I E Band des Sommers bezeichnen. Mit „Oracular Spectacular“ bewiesen sie, dass ein anständiger Sockenschuss immer noch die beste Möglichkeit ist die Tiefen und Untiefen des Unterbewusstseins musikalisch auszuleuchten und trotz aller Verschlafenheit immer noch seinen Spaß zu haben.

http://www.whoismgmt.com/

Olivia B. Merilahti bildet zusammen mit Dan Levy The Dø, das wohl einzigste finnisch-französische Duo der Popgeschichte.

http://www.myspace.com/thedoband


Die Antwort des The Dø-Drummers auf den grassierenden Beckenwahn seiner Kollegenschaft: Tafelsilber und Klimbim.

Beth Dito von The Gossip machte ihrem vorauseilenden Ruf als ekstatische Performerin alle Ehre und zeiget den Flachzangen von Clutch bis Anti-Flag was eine mitreißende Liveshow ist.

http://www.thegossipmusic.com/

Radiohead, der wohl überflüssigste Headliner aller Zeiten, klinisch perfekte Wiedergabe des kryptischen Werks und sonst nichts. Magie im Reagenzglas?

Auch zum Abschied gibt es bei den Hellacopters traditionelles: Posen, Haare, Schweiß.

http://www.hellacopters.com

Jomi Massage alias Signe Høirup-Wille Jørgensen, auch bekannt als Sängerin von Speaker Bite Me, Bows und Murmur, nahm im vergangenen Jahr ihr komplettes Album „Where no one belongs, I will sing…“ von 2005 noch einmal mit verändertem Instrumentarium auf und beschränkte sich dabei hauptsächlich auf Klavier, Schlagzeug und Saxophon. Ebenso konsequent, wie eigenwillig.

http://jomimassage.dk/

Everybodys Darling Kate Nash sang brav von Fundamenten und alle waren verzückt. Süß.

http://www.katenash.co.uk/

Mugison, der gern auch mal als isländischer Tom Waits oder der neue Björk angepriesen wird, mit klassischem Singer-/Songwriting mit nordischer Note.

http://www.mugison.com/

Band Of Horses: Waldspaziergang auf amerikanisch. Sehr schöön.

http://www.bandofhorses.com/

Gnarls Barkley und irgendwie warteten alle nur auf ein einziges Lied, ansonsten souveränes Entertainment im positiven Sinne.

http://www.gnarlsbarkley.com/

Aaron, der Franzose, fiel aus, doch die Veranstalter konnten einen Ersatz herbeitelefonieren, der die Absage mehr als wett machte: First Floor Power aus Schweden: neuer Act beim Label Crunchy Frog und ehemalige Band von Jenny Wilson. An dem „ehemalig“ scheiterten wohl auch manche Fans, die immer wieder „Jenny, Jenny“ skandierten, denn auf der Bühne stand nicht Jenny, sondern ihre Schwester Sara. Ansonsten: feinfühliger, melodieversessener Indiepop, wie er so wunderbar verfrickelt momentan nur aus Schweden kommen kann.

http://www.myspace.com/firstfloorpower

Hinter der dänischen Formation A Kid Hereafter steckt vor allem Frederik Thaee (mit Bart), ein durchgeknalltes Universalgenie mit grenzüberschreitenden Talenten. Hier in Roskilde trat er in diesem Jahr gar dreifach auf. Einmal mit dem Popoutfit (s. Bild), einmal mit Metalband und einmal mit symphonisch opulenter Ummahlung mit einem Streichquartett, fünf Bläsern, zwei Percussionisten, einem Klavierspieler und zwölf Sängern im Chor.

http://www.akidhereafter.com/

Santogold zeigte Performerqualitäten und brachte das Cosmopol zum Kochen und ließ die Zweifler verstummen, die stets mit erhobenem Zeigefinger fuchteln und auf M.I.A. verweisen.

http://www.myspace.com/santogold

Auch die Bluesfraktion wurde befriedigt. Urgestein Seasick Steve croonte mit rostiger Stimme.

http://www.seasicksteve.com/

Wenn man, wie Coco Rosie eigentlich nicht gesehen werden möchte, wäre eine nahe liegende Option Konzerte einfach wegzulassen und allen den merkwürdigen Mummenschanz einfach zu ersparen.

http://www.cocorosieland.com/

Apropos geniale Rampensäue: Nick Cave zeigte vollen Einsatz und konnte selbst mit den eigentlich nicht so eingängigen Grindermann die große Masse vor der Orange Stage rocken.

http://www.grinderman.com/

Alison Goldfrapp als Rauschgoldengel im Nachthemd mit Bommeln.

http://www.myspace.com/goldfrapp

Imbissareal bei Nacht

Gemeinsames Trommeln für die Kunst und gelegentliche Verpuffungen im Eventsektor.

Wir sagen „Ja“ zu Yeahsayer und afrikanischen Rhythmen im Indiepop.

http://www.myspace.com/yeasayer

Nachts um 2.00 Uhr habe ich mich mit letzter Kraft zu Motorpsycho geschleppt und bin mit jeder Note für diesen Kraftaufwand belohnt worden. Ein Block von einem Fels der da geschmiedet wurde: grandios!

http://motorpsycho.fix.no/

Wildbirds & Peacedrums sind so eine Band auf die ich sehr gespannt war. Das Album „Heartcore“ stach aus den Veröffentlichungen der ersten Jahreshälfte deutlich heraus. Polyrhythmik kombiniert mit improvisierten Gesang und das als Duo. Ein Konzept, das auch hätte scheitern können. Doch Mariam Wallentin und Andreas Werliin überzeugten auf der ganzen Linie und sind so eine Band aus der Kategorie, die noch keine ausgedehnten Tourneen durch Zentraleuropa unternommen haben und die man so recht exklusiv erleben konnte. TIPP!

http://www.wildbirdsandpeacedrums.com/

Die Ting Tings rockten souverän die Bude.

http://www.thetingtings.com

Sidi Goma, eine Band der afrikanischen Minderheit in Indien (!), sorgten für Abwechslung und Horizonterweiterung.

http://www.myspace.com/sidigoma

Old School Rock aus den Siebzigern mit ordentlich Pathos und Pose mit der norwegischen Hoffnung The Grand. Am Griffbrett und Mikrofon: Amund Maarud.

http://www.myspace.com/thegrandspace

Tokyo Police Club: Netter, gefälliger und ungefährlicher Indiefolkpop aus Canada.

http://tokyopoliceclub.com/

The Fashion nutzten ihren Heimvorteil und kochten die Jüngeren mit ihrem Indie-Reggae-Dance-Mix weich.

http://www.thefashion.dk/


Nicole Atkins & The Sea: Romantik, Sehnsucht, Schwelgen, Singer-/Songwriter-Folk-Pop

http://www.nicoleatkins.com/

Herrlich manierierte Metaloper mit Augenzwinkern. „And the next song has something to do with the law…………“ Ganz großes Kino.

http://judaspriest.com/

Definitiv das größte Glanzlicht des Festivals. Eine atemberaubende Tauchfahrt durch ein Wurmloch zurück in die große Zeit der Shoegazer.

http://www.mybloodyvalentine.co.uk/

Souverän schreddert sich Opa Neil durch seine aktuellen Protestsongs und badet die dankbare Menge warm in Klassikern.
http://www.neilyoung.com/

After the gold rush.

The Chemical Brothers können schlicht und einfach jede beliebig große Menge in ein tanzendes Meer verwandeln.

http://www.thechemicalbrothers.com

No Age: D.I.Y.-Indiepop aus dem Sub Pop-Lager. Liebenswert experimentier- und spielfreudig.

http://www.myspace.com/nonoage

Der wohl am besten organisierte Festivalzeltplatz der Welt. Na ja, zumindest bis Sonntagvormittag.

At The Gates: Melodischer Death-Metal aus Göteborg

http://www.myspace.com/atthegatesband

Path Of No Return mit großer Energieleistung, aber halt noch auf dem Weg und selbst wohl noch orientierungslos.

http://www.pathofnoreturn.net/

Anti-Flag winseln um Gnade.

http://www.myspace.com/antiflag

Die komplett schmerz- und humorfreien Slayer nahmen ein Bad in der eigenen Soße. Frenetisch gefeiert. Mahlzeit.

http://www.slayer.net/

Das Konzert von Cat Power hätte so schön sein können, doch leider konnte sich Miss Marshall wohl selbst nicht richtig auf der Bühne hören und erlag dem Irrtum, für die Hörer wäre es schlecht oder gar grässlich. Deutlich verunsichert und zunehmend neben der Spur konnte sie einem richtig Leid tun. Dabei konnten wir sie prächtig verstehen und es gab keinen Grund für Entschuldigungen und Unsicherheiten.

http://catpowerjukebox.com

Heimreise

Bigfoot Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy in bester Spiellaune, der eine oder andere Tempowechsel hätte vielleicht gut getan, doch letzten Endes war es ein grandioses herzerwärmendes Ereignis, Highlight und krönender Abschluss des Festivals.

http://www.myspace.com/princebonniebilly

Lichter aus auf der Orange Stage nach Jay-Z.

Digitalism verlieren zwar den direkten Partyvergleich mit den Chemical Brothers, rocken dennoch die Arena und Tausende Tanzwütige.

http://www.thedigitalism.com/

Auch das ist irgendwie Tradition in Dänemark, man verlässt den Campingplatz als Schlachtfeld und Müllhalde.

http://www.roskilde-festival.dk

Muss ich noch erwähnen, dass wir auch im nächsten Jahr wieder dabei sein werden? Wir zählen die Tage, wie jeder einmal in den Bann dieses Festivals geraten ist.

Nächster Termin zum Vormerken: 02.-05. Juli. 2009

Text und Bild: Klaus Nauber

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2 Kommentare »

  1. Fast alle Bands auf dieser Seite Sind Arschlöcher allso Verbisst euch.

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