Julia von Erick Zonca

Text: | Ressort: Film | 27. April 2009

Was muss einem Menschen widerfahren, dass er sich aufgibt, sich dem Selbstbetrug gänzlich hingibt, und was kann dieser Mensch noch erwarten?
Los Angeles, Stadt der Engel. Julia (Tilda Swinton) ist 40 und einsam. Ihre Abende verbringt sie in Bars und Discos, ihre Nächte mit Männern, die sie nicht kennt. Sie hat aufgegeben, nach einem Sinn, einem Halt in ihrem Leben zu suchen. Julia treibt dahin in exzessivem Alkoholkonsum, einer selbstzerstörerischen Flucht vor sich und der Realität. Als sie dann noch ihren Job verliert, scheint die Katastrophe perfekt.
Bei einem wenig ernst genommenen Besuch der Anonymen Alkoholiker lernt Julia ihre mexikanische Nachbarin Elena (Kate del Castillo) kennen. Elenas achtjähriger Sohn Tom (Aidan Gould) wächst gegen ihren Willen bei seinem reichen Großvater auf. Sie versucht Julia zu überzeugen,Tom nach Mexiko zu entführen, wo sie mit ihm fortan zusammen leben möchte. Anfänglich lehnt Julia dies kategorisch ab, doch bald hat sie ihren eigenen Plan und willigt ein. Sie glaubt, ihre Erlösung ist nur eine Frage des Geldes, und will von dem Großvater 2 Millionen Dollar erpressen.
Ab hier wechselt der Plot radikal. Was anfänglich die Charakterstudie einer Alkoholikerin ist, die sich zusehends entmenschlicht, wird zu einem temporeichen Thriller eines verzweifelten Ausbruchsversuchs. Entgegen aller Vernunft kidnappt Julia den kleinen Tom und stellt somit ihr Schicksal auf die Probe.
Erick Zoncas Film „Julia“ bricht, wie seine Hauptfigur, Konventionen. Grenzen verwischen, und so wird eine neue Sicht auf die Dinge möglich. Tilda Swinton weiß dies virtuos zu nutzen. Sie verleiht Julia eine faszinierende Ambivalenz zwischen resolutem Auftreten und einer desolaten Orientierungslosigkeit, einer mit Gewalt unterdrückten Angst. Zwischen Lügen und Selbstbetrug und einem doch noch vorhandenen Sinn für Gerechtigkeit. Sie macht die Zerrissenheit ihrer Figur begreifbar. Die Intensität, mit der Tilda Swinton ihre Rolle gibt, verleiht dem Film auch in schwierigen Momenten die notwendige Glaubhaftigkeit. Auch alle anderen Darsteller, allen voran Saul Rubinek in der Rolle von Julias nicht ganz selbstlosen Freund Mitch, überzeugen mit hohem schauspielerischen Können.
Dem Franzosen Erick Zonca ist ein interessanter Genrespagat gelungen. Und durch die landschaftliche, aber auch soziale Dimension eine Hommage an das amerikanische Kino abseits von Hollywood. Besonders auch an den Film noir, eben weil die moralisch fragwürdige Hauptfigur Julia am Ende des Films in eine unklare Zukunft blickt. Und wenn sie sich in Tijuana wirklich miesen Gangstern als Gloria zu erkennen gibt, wird klar, dass hier „Gloria“ von John Cassavetes Pate ist – ein Film von einem Regisseur, der gerade für eine unkonventionelle Auffassung vom Kino steht. Zonca gibt keine Antworten, Rechtfertigungen oder Erklärungen. Julia wird das Happy End vorenthalten. Doch findet sie etwas, das mehr wert ist als Geld und vielleicht sogar ihre Rettung bedeutet, ein Faden, an den sie anknüpfen kann, der für sie verloren zu sein schien – ihre Menschlichkeit.

Regie: Erick Zonca
Darsteller: Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo, Aidan Gould u.a.

„Julia“ ist bei Arthaus erschienen.

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