A tout de suite – Hier und jetzt von Benoît Jacquot

Text: | Ressort: Film | 10. Mai 2009

Paris, Frühling 1975 – eine Zeit des Aufbruchs nach dem Pariser Mai ´68, eine Zeit neuer Perspektiven, aber auch die Zeit der Radikalisierung und des Terrorismus in der westlichen Welt.

Eine 19-jährige Kunststudentin aus gutbürgerlichen Verhältnissen lernt in einer Bar einen jungen Marokkaner kennen und verliebt sich augenblicklich in ihn und die Freiheit, die er verkörpert.
Sie ist ihres Alltags überdrüssig, sucht nach einem Abenteuer, das er ihr zu bieten scheint. Sie schläft mit ihm. Es ist das Erwachen ihrer Persönlichkeit, ihre erste Liebe, die sehr bald schon auf eine fatale Probe gestellt wird. Denn der Geliebte entpuppt sich als Krimineller, ein Bankräuber.
Nach einem Raub mit Geiseln und Toten gelingt es ihm und seinem Komplizen der Polizei zu entkommen. Sie zögert keinen Moment, den beiden Unterschlupf zu gewähren und mit ihnen zu flüchten, nach Spanien, Marokko, bis nach Griechenland. Hier endet für die junge Frau dann abrupt die Flucht. Am Zoll wird sie aufgehalten, ihre Freunde befürchten entdeckt zu werden und verschwinden ohne ein Wort des Abschieds. Nun ist sie allein und mittellos in Athen auf sich gestellt, die Situation bleibt für sie unfassbar und sie wartet. Wartet auf ihren Geliebten, der nie wieder zurückkehren wird.

Benoît Jacquot erzählt diese bewegende und auf einer realen Begebenheit beruhenden Geschichte in der Auffassung der Nouvelle Vague, in schwarz-weiß gedreht und mit einer hervorragend besetzten Isild Le Besco in der Hauptrolle.
Immer wieder fängt die Kamera das Gesicht von Isild Le Besco in Großaufnahmen ein. Hier findet das Eigentliche statt. In ihrem Gesicht ist die Tragik von Anfang an lesbar, wie eine Vorankündigung des Unvermeidbaren. Das Versprechen auf Freiheit, das nicht gehalten werden kann. Liebe gilt nur dem Augenblick, der Rest ist Schweigen. Ein Nachhall, dröhnend und leer, ein Warten, bei dem sie vergisst, auf was sie wartet.
Wie von der Nouvelle Vague verlangt, schränkte sich Benoît Jacquot ein und realisierte diesen Film mit einfachsten Mitteln. Der Film verweist auf Jean-Luc Godards „Außer Atem“ und setzt wie dort auf die filmische Ästhetik der Handkamera, dem oftmals asynchrone Verlauf von Sprache und Bildmontage in den Dialogszenen, dem berühmten Jump Cut. Doch verzichtete er auf die heroischen Gesten seiner dem Untergang geweihten Helden und führt damit das große Vorbild ins Absurde. Es herrscht Ernüchterung, das Eingeständnis der Katastrophe; aus Freiheit wird Flucht, das Glück ist ein Selbstbetrug, es bleiben Zwänge.
Der Ausbruchsversuch der Jugend aus dem Korsett bestehender Moralvorstellungen und Erwartungen, die Hoffnungen einer neuen Generation, enden in einer fehlgeschlagenen Revolte.
Sicher kann Benoît Jacquots Film als Abgesang auf die Ideale der Bewegung von `68 verstanden werden, doch gerade durch die namenlosen Protagonisten und den Verzicht auf Farbe ist die Geschichte in jede Zeit übertragbar.

Der Film berührt durch seine Ehrlichkeit, beschreibt ohne Pathos und voller Respekt ein kurzes Glück mit hoffnungslosem Ausgang, unheimlich und schön.

Regie/Drehbuch: Benoît Jacquot
Darsteller: Isild le Besco, Ouassini Embarek u.a.
Frankreich, 2004

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Ein Kommentar »

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