Tortuga Bar – Narcotic Junkfood Revolution

Text: | Ressort: Musik | 16. Juli 2009

Eine Platte, zu der sich gleich zwei Rezensionen schreiben lassen – eine ohne und eine mit Namedropping. Mach’ ich jetzt einfach mal.
Version 1: Der Einstieg gelingt ziemlich okay: „Likely To Be Dropped“ ist ein scheppernder Gitarrensmasher, der in durchaus aufhörenmachender Weise daran gemahnt, wie sich, ähem, Indie mal aus dem Punk-Matsch entwickelt hat. Eingängig, wuchtig, eben okay. Die Verwirrung beginnt bei Titel Nummer 2. „Don’t Tell“ – herrje, das kennst du doch, Jensor. Klar Mann, die Lemonheads, ist zwar inzwischen ein paar Jahre her, aber einen in Ehren angegrauten Nerd trickst ihr nicht aus. Und warum klingt dies auf einmal so halbgar, so lahmarschig regelrecht? Wozu die zugegebenermaßen produktionstechnisch sacht aufpolierte Version eines im Original vorzüglich zwischen Melancholie und Wumms pendelnden Songs in langweilig? Aber es sollte noch dicker kommen: Eine Veröffentlichung als wilder Exkurs durch den eigenen, heiß geliebten Plattenschrank. Es fehlt nichts: Die emotional dick aufgeladene Ballade aus dem Singer/Songwriterfundus (gleich zweimal mit „ Storm“ und „Columbine Community“) ebenso wenig wie der experimentell angehauchte Elektronik-Ausflug („Foolish Me“), der Retro-Rock-Stomper („Fake It“), der Dancepunk-Floor-Ausbrecher („Addicted“), der Beck-Lookalike („Bika“), der Oldschool-Burner mit Pixies-Echtheitszertifikat („Sweet Sage“) und der slackereske Indie-Mir-Doch-Alles-Scheißegal-Rausschmeißer („Feel The Love“). Gewiß, man hört allen Stücken an, dass die Beteiligten einen Mordsspaß bei der Sache hatten – und es dürften nicht wenige Beteiligte gewesen sein, nimmt man mal den steten Wechsel am Mikrofon als Maßstab. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir dieses Spaßhaben-Ding als Daseinsberechtigung für eine Platte tatsächlich genügt (zu Recht werden ja auch nicht alle lustigen Proberaumsessions oder tollen Konzerte veröffentlicht). Vor allem, da die aufgezählten Dinge nicht mal eben so latent im Hintergrund mitschwingen: Nein, „Narcotic Junkfood Revolution“ kennt keine Subtilität, hier werden Offensichtlichkeiten gedroppt, offenbar damit auch der letzte Planlose mitbekommt, dass hier ein paar Mädels und Jungs IHRE Zusammenfassung von, ähem, alternativer Musik vorgelegt haben. Sollte dies allerdings dann ein ernst gemeintes Statement über den angesprochenen puren Spaßfaktor hinaus sein, müsste ich zu meiner Verwirrung ob der Notwendigkeit einer solchen Platte noch massives Naserümpfen hinzufügen.
Version 2: Natürlich weiß ich, wer Mark Kowarsch ist. Ich weiß ganz genau, wo beispielsweise meine Sharon Stoned-Platte „Sample And Hold“ ist. Ich weiß ebenfalls ganz genau, wie wichtig Mark Kowarsch für die Ausprägung eines ganz eigenen, ähem, Indie-Sounds in diesem Land war. Und es ist durchaus erfreulich zu hören, dass diese Bedeutung offensichtlich auch vielen anderen Leuten bekannt ist. Als es jedenfalls mit Kowarsch’s neuer Band Tortuga Bar um das Einspielen des Debütalbums ging, waren die Gäste in zahlreichster Schar am Start. Ich hasse ja Namedropping wie die Pest, aber diese Platte ist so durchsogen von dem Prinzip des Guestings, dass ich einfach nicht drum herum komme, hier mit Namen um mich zu schmeißen wie der Käsehändler auf dem Jahrmarkt mit Goudastückchen: Nagel von Muff Potter, Nino Skrotzki von Virgina Jetzt!, David Cunningham und Phillip Boa, Evan Dando und Gisbert zu Knyphausen, Kate Mosh, Klaus Cornfield u nd Bernadette La Hengst, Sedlmeir und Rummelsnuff, The Strike Boys, Peter Brugger von den, ähem, „Sportis“, Wrongkong und Jari von Navel sowie Gitbox!. Puh, geschafft. Allerdings bleibt beim Hören der 12 Stücke ein flaues Gefühl: War dieses Prinzip des Guestings wirklich die einzige Idee, die „Narcotic Junkfood Revolution“ befruchtet? Ging es echt nur mal darum, mit lockerer Hand und jeder Menge Support im Rücken zu zeigen, dass man aber auch mit absolut allen, ähem, Indie-Wassern gewaschen ist? Die Referenzen von den Pixies bis Beck genau zu buchstabieren versteht und dabei sogar auch noch weiß, wer Radio 4, The Rapture und Konsorten sind? Schenkt man dem Waschzettel glauben, haben Mark Kowarsch und Alexandra Gschossmann geschlagene drei Jahre an dieser Platte gearbeitet – nur höre ich es nicht. „Narcotic Junkfood Revolution“ klingt wie in einer Woche aus dem Handgelenk hingerotzt. Was ich jetzt nicht einmal negativ meine, diese Rotzigkeit vermittelt eine Menge der puren Lust am Spaß, die in diesen Songs drinsteckt – auch wenn dies aus meiner Sicht so ziemlich der einzige Pluspunkt der Veröffentlichung ist. Enttäuscht bin ich trotzdem, weil ich in Tortuga Bar nichts mehr von dem erkennen kann, was ich an Mark Kowarsch so geschätzt habe: Diese Fähigkeit, außergewöhnliche Songs zu schreiben. Die Fähigkeit, selbst ruhige Momente mit einer unglaublichen Spannung aufzuladen (und unter diesem Gesichtspunkt klingt die lahme „Don’t Tell“-Version wie eine echte Kapitulation, sorry, anders kann ich’s nicht sagen). Und den visionären Moment in seinem Songwriting, mit dem er seine Stücke beinahe nach dem Loop-Prinzip entwickelt hat. Demgegenüber ist „Narcotic Junkfood Revolution“ nur ein zugegebenermaßen spaßiges Mahnmal der Durchschnittlichkeit.
(VierSieben Rec./Alive)

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2 Kommentare »

  1. Guten Tag
    Jetzt weiß ich ja auch nicht, was ich schreiben soll.
    Ich habe eben den Link zu dieser Rezi bekommen.
    Ich möchte nur eins sagen:
    Ich gebe ja eigentlich einen Scheiß auf schlecht oder kritische Rezensionen, da habe ich die letzten Jahre so einiges krankes gelesen, da stehe ich echt drüber.
    Schade finde ich es nur, daß es das PNG geschrieben hat.
    Eigentlich noch das einzige relevante Magazin, was noch von „damals“ am Start ist, deshalb finde ich die Rezi doch enttäuschend.
    Viel geschrieben, aber ich hoffe doch, daß sich einige Leute die Zeit nehmen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
    (Das machen sie ja Gottseidank!)
    Mich stören halt so einige Sachen, die ich gerade vom PNG nicht erwartet hätte: Tortuga Bar war zu dem Zeitpunkt der Orga und den Aufnahmen halt keine Band und die Gäste sind nicht wegen dem Namedropping auf dem Album, sondern weil es die IDEE, das Konzept war.

    Nun könnte man die Hälfte der Rezi schon mal streichen.

    Egal, damit muß ich leben, so eine Kritik hätte ich lieber im ROLLING STONE oder in der INTRO gelesen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Mark Kowarsch

  2. lieber mark kowarsch, gehts noch peinlicher? ein mucker sieht rot. bekommt mit filter vor der birne die buchstaben nicht mehr auseinander und mit sinn zusammen, vor allem: er erblödet sich, da seine galle zwischen zu speicheln, wo doch bereits alles mit recht und sicher und nachvollziehbar verfügt ist. mensch, dann lies doch die INTRO! ich erinnere mich an da an einen gefällig, nichts sagendenes rezensiönchen – eben nicht mehr als etwas namedropping mit verheuchelter lobphrase hintendran. aber wahrscheinlich ist genau dies die auseinandersetzung, die dieses album wirklich gerade noch rechtfertigt. dass Sie, lieber Jensor, sich hier so umfangreich und gleich doppelt äußern, das geht wohl nur auf Ihre gute haut – denn offensichtlich wollten Sie den musiker, dessen werdegang Sie durchaus wohlwollend verfolgt zu haben scheinen, eben diesen belanglosigkeits-wort-baukasten vom praktikantenschreibtisch nicht antun. aber Sie ahnen es vielleicht selbst: jedes aufrichtige wort war hier zu viel und verschenkt.

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