ROCKEN MUSSES!

Text: | Ressort: Musik | 26. Juli 2009

Seltsam geht es zu auf der Rock-Oberfläche dieses Planeten. Metallica gehen auf Tour (was ja an sich schon seltsam wäre, zumindest wenn man sich überlegt, was für Leute da mittlerweile so hingehen) und nehmen als Vorband eine Truppe namens THE SWORD mit, von der ich bis dato noch nie etwas gehört habe. Gut, nun habe ich meine aktive Mainstream-Metal-Phase seit etlichen Jahrzehnten hinter mir gelassen – dies will also nix heißen. Doch nach dem, ähem, Genuss der mir vorliegenden Doppel-CD „Age Of Winters/Gods Of The Earth“ (Kemando Rec.) frage ich mich dann doch irritiert, was die Herren Ulrich, Hetfield & Co. wohl bewogen haben möge, ausgerechnet diese Band als Opener mitzuschleppen. War’s möglicherweise die Hoffnung, da jemanden erwischt zu haben, der den Hauptact garantiert nicht alt aussehen lässt? Oder haben Metallica nun tatsächlich ihr Herz entdeckt für Mummenschanz-Metal, der sich tatsächlich zielstrebig die doch ziemlich überflüssige Ronnie James Dio-Schaffensphase von Black Sabbath als musikalische Inspiration herausgesucht haben? Nun ja, auf jeden Fall wird einem auf der 2008 erschienenen „Gods Of The Earth“ das mystische Fell gegerbt mit Songtiteln wie „The Frost-Giant’s Daughter“, „Fire Lances Of The Ancient Hyperzephyrians“, „Maiden, Mother & Crone“ und ähnlichem Firlefanz – dazu wird ein ziemlich angedicktes Hard-Metal-Mischmasch gereicht, das zwar grundsätzlich eine dunkle Ahnung vom guten Wissen hat, aber nicht weiß, wie es in die Realität umzusetzen ist (wie eben einst Black Sabbath mit Herrn Dio). Und dann – suprise, suprise – die aus dem Jahr 2006 stammende „Age Of Winters“: Bei diesem Breitbein-Stonerrock kneift zumindest nicht die zu enge Lederhose dauernd im Schritt (auch wenn die Leadgitarre auch hier hinreichend nervt). Obwohl – so richtig prima, weltbewegend oder wenigstens rockend ist dies aber ebenfalls nicht. Nur mäßig Freude hatte ich auch an DR. HAMMER INC. und deren eigenproduzierter CD „Death From Above“ (DHI Productions). Gut, über die Coverversion von „I’ll Meet You At Midnight“ musste ich mal kurz schmunzeln. Aber ansonsten reproduzieren diese neun Songs die handelsüblichen Biker-Metal-Ideen beinahe bis zum Erbrechen, dass man sich eigentlich nicht einmal mehr aus possenreißerischen Erwägungen darüber in irgendeiner Form lustig machen kann. Das Role-Model Mike Ness als Prototyp der Rock-Outlaws mit Punk-Hintergrund und latenter Loser-Attitude scheint noch nicht an Attraktivität eingebüßt zu haben – jüngstes Beispiel sind die GUITAR GANGSTERS. Deren CD „Badge Of Honour“ (RilRec Indie-Label) atmet von A bis Z Social Distortion: Angefangen vom Klischee-Cover mit Stacheldraht, Flammen und Rosen über das Bandoutfit mit Hemd und Lederschlips, Songtitel wie „Dead Man’s Shoes“ und „Bullet Proof Heart“ bis hin zur Musik, die erwähnte Band nun wirklich beinahe deckungsgleich adaptiert. Saftigen Punktabzug gibt es für eine derart mangelhaft anwesende Eigenständigkeit, die den Tatbestand des „Epigonentums“ mühelos erfüllt. Sympathiepunkte gibt’s hingegen für die eindeutig transportierte Leck-Mich-Am-Arsch-Haltung, mit der die Guitar Gangsters ihren hochgradig oldschooligen Punk-Rock (mit fetter Betonung auf Rock und immer eine Spur zu unsexy, zu unperfekt für den ganz großen Hit) abseits der Green Day-diktierten Stadion-Mentalität durchziehen. Wie wichtig derlei ist, machen gleich die RIVERBOAT GAMBLERS deutlich: Deren Veröffentlichung „Underneath The Owl“ (Volcom Entertainment) ist im völligen Gegensatz dazu von vorne bis hinten durchkalkuliert. Im Waschzettel wird geschrieben: „Das vierte Album der Riverboat Gamblers strotzt vor wuchtigen Melodien und einem Abwechslungsreichtum, der Puristen Tränen in die Augen treibt.“ Stimmt, dies tut es – aber sicher nicht aus den erhofften Gründen. Die Puristen weinen eher darob, wie diese Band bei aber auch wirklich allen, die irgendwie als Zielgruppe in Frage kommen, hundertprozentig auf Nummer sicher gehen wollen – und eben alles anbieten, wovon man glaubt, dass es die Leute hören wollen. Was zum Schunkeln, was zum Pogen, was für die Mädchen, was für die Indies und so weiter und so fort. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass dies echt süüüüüüüüüüüüße Punks sind? Schön, wenn sich die Welt so problemlos in Gut und Böse teilt. Funktioniert nur halt nicht immer.

Gern würde ich beispielsweise KILLED BY 9V BATTERIES gut finden – dies liest sich alle so sympathisch, was da rund um „Escape Plans Make It Hard To Wait For Success“ (Siluh Rec./Broken Silence) geschrieben wird. Von Dischord beispielsweise und von dem Gefühl, zum ersten Mal „Loveless“ von My Bloody Valentine gehört zu haben und von Dinosaur Jr., alles schöne, große und wunderbare Dinge. Und ja, ich kann der CD sogar diese Referenzen entnehmen, aber es funktioniert nur eben einfach nicht. Was dann noch übrig bleibt, ist eine Wütende-Jungs-Musik, die den Kontakt zur Jetztzeit vollkommen verloren hat und deshalb entweder einfach nur noch in die Luft schlägt oder sich wie eine Retro-Glorifizierung anfühlt. Davon begeistert mich weder das eine noch das andere. Schweres Kopfzerbrechen bereiten mir auch KOMPLIZE mit ihrer CD „Biotop“ (Wimperium) – eben weil sich in diesem meinen Kopf das nicht so recht zusammen fügen möchte, was mir die Band da serviert. Weil ich das flaue Gefühl nicht los werde, dass da in der Gesamtheit der Dinge etwas Entscheidendes fehlt. Dabei gibt es grundsätzlich nix gegen einen musikalischen Ansatz zu sagen, der zwischen Nervosität, Melodie und Noise vermitteln möchte – aber dann bitte konsequent. Komplize hingegen hört man für meinen Geschmack einen Tick zu oft an, dass sich die Vorgängerband Level-O-Mania in Nu Metal-Gefilden tummelte und man offenbar die gängigen Genre-Mechanismen nicht so einfach aus den Klamotten schütteln kann. Da wollen die Noise- bzw. Post-Rock-Elemente nicht so recht reinpassen (und manchmal schrammen Komplize dann auch ganz knapp an der Peinlichkeit des puren „Abschreibens“ vorbei – siehe der „Mogwai-Part“ bei „Thanner“). Gegen Gesang und Texte will ich da nicht mal was gesagt haben – zum einen, weil ich es eher für erfrischend halte, wenn mal eine Band eben nicht den Weg des geringsten Widerstands geht und den archetypischen Grummler anbietet und zum anderen, weil ich dieser Form dunkler Alltagslyrik durchaus einen gewissen Charme abgewinnen kann. Wenn wir schon mal bei Bands sind, die eine irgendwie seltsame Wirkung bei mir hinterlassen: Die CONSTANTS sind auch so ein Fall. „The Foundation, The Machine, The Ascenion“ (Make My Day Rec.) heißt deren neue Platte, die mich dann doch einigermaßen verwirrt. Besser gesagt – ich bin ob meiner Rezeption dieser zwölf Stücke, die aber genau genommen kaum auseinander zu halten sind, hochgradig verwirrt. Weil es mir unterm Strich dann doch gefällt. Mist, Mist, Mist, da lässt man sich auf seine alten Tage dann doch noch von ein paar Typen kriegen, die konsequent und zielgerichtet den einfachsten Weg zu höchstmöglicher Wirksamkeit gehen: Mit dem ganz simplen Rezept, melancholischsten Dream-Pop unter den Bedingungen von Wall Of Gitarrensound-Matschmetal zu spielen. Immer schön einen ordentlichen Tick unter dem Midtempo, damit man auch brav die Augen zumachen und schwelgen kann – und beim automatischen „Wachsen der Sandalen“ beobachten kann. Und ob dies Hippies sind. Eines ist allerdings mit Sicherheit nicht, liebe Rezensentenkollegen: Post-Rock a la Mogwai – aus dem einfachen Grunde, weil es da gerade eben nicht um pure Simplifizierung geht wie im Falle „The Foundation, The Machine, The Ascenion“. Muss ja auch mal gesagt werden. Ansonsten – ich gebe es ein wenig beschämt zu, weil man natürlich festhalten muss, dass die Constants so eigenständig sind wie ein x-beliebiges Glas Nutella aus der Juni-Produktion – habe ich mich in diesen 58 Minuten trefflich unterhalten gefühlt. Eine Aussage, die auch auf die gut 37 Minuten von „Holemole“ (Go-Kart Rec.) von OLEHOLE absolut zutrifft. Yep, Leute, ich kann auf DC-Stuff. Yep, ich kann auf Fugazi. Und yep, Olehole haben mit dem Debüt ein in meinen Ohren hochgradig stimmiges Update im Rahmen der angesprochenen Koordinaten geliefert. Kratzbürstig, unbequem, vollgesogen mit Attitude und Spielfreude, gerüstet mit wuchtiger Leidenschaft und vor allem etliche Kilometer weit weg vom (verhassten) Eingang zum Emo-Stadion mit seinen Mainstream-Kaspereien. So lasse ich mir dies gerne gefallen. Apropos großartig – die Coverversion des Minor Threat-Klassikers „Filler“ von SCRAPS OF TAPE ist auf jeden Fall ein echter Hit. Die Umwidmung eines HC-Uptempo-Klassikers in eine ergreifende Ballade funktioniert grandios; unbedingt der herausragende Höhepunkt von „Grand Letdown“ (A Tendervision Recording). Vielleicht einfach auch deshalb, weil der Song so vollkommen aus der Platte herausfällt und allein aus diesem Grunde schon massive Aufmerksamkeit einfordert. Der Rest von „Grand Letdown“ ist – nun ja – okay. Mit ein paar anständigen Ausreißern nach oben („The Long Silence“ finde ich ziemlich anregend), aber auch ein paar Hängern, bei denen mir persönlich das Funktionsprinzip ein bisschen zu offensichtlich auf der Hand liegt (der Opener „Bring The Heavy“ wäre so ein echter Zitatbatzen). Auch wenn ich ein wenig erstaunt bin, wie bereitwillig man aktuell offenbar bereit ist, einer Band, die einigermaßen über die handelsüblichen Markierungen im Sachen Songstruktur hinausgeht, mit Prädikaten wie „verkopft“, „hoch-vertrackt“ oder gar „Post-Rock“ anzuheften. Hmm, nur weil da mal jemand bereit ist, sich ein wenig mehr an Komplexität zu gönnen und sowohl Melodie- als auch Tempowechsel zuzulassen? Muss man da wirklich so dick auftragen? Genau genommen halten sich Scraps Of Tape in Sachen Songwriting als auch Melodieführung durchaus an die Spielregeln – was auch den ein oder anderen Emo-Hinhörer aufgefallen sein dürfte. Okay eben, wie schon erwähnt.

-->

Kommentieren