Ein Tritt in den Anime-Arsch – Studio 4°C

Text: | Ressort: Film | 16. August 2009


Machen wir uns nichts vor, das Anime-Genre steckt gewaltig in der Krise. Altmeister Hayao Miyazaki geht auf die Siebzig zu und schafft nur noch alle 4 Jahre einen Film. Der ist dann zwar unbestritten ein erneutes Meisterwerk, dreht sich aber immer wieder um dieselben Themen aus Adoleszenz, Mystischem und Ökobewusstsein. Unterschwellig geht es stets um den immer währenden Kampf zwischen Tradition und Moderne. Zudem machen seine Werke nahezu ausschließlich von traditioneller Zeichenkunst gebrauch und nur wenige Effekte entstehen im Rechner. Diese konservative Arbeitsweise prägte lange Zeit die Arbeit des Studio Ghibli und damit die Kunstform. Dazu trugen auch die Werke seines Wegbegleiters Isao Takahata bei, der bereits auf die 75 zugeht und vor mehr als neun Jahren seinen letzten Langfilm realisierte.

Die nachfolgende Generation bemüht sich derweil hilflos um eine Neubelebung der eingefahrenen Kunst. Miyazakis Sohn Goro versuchte vergeblich in die übergroßen Fußstapfen seines Vaters zu treten und musste für seine Adaption der Bestsellerromanreihe „Erdsee“ viel Kritik einstecken. Die Umsetzung erfolgreicher Mangas ist nach wie vor die Antriebskraft und Garant für kommerziellen Erfolg. Da macht es die japanische Filmindustrie Hollywood gleich und setzt auf sichere Pferde. Auch die OVAs – die Animeserien – verhalten sich equivalent zu diesem Trend. Die prägenden Köpfe der Neunziger haben sich derweil dem weit weniger aufwändigen und weniger langwierigen Realfilmen zugewandt. Mamoru Oshii („Ghost in the Shell“) inszenierte zuletzt ein Remake des Samuraiklassikers „Kiru“ („Kill“) und „Akira“-Schöpfer Otomo enttäuschte mit dem überlangen Philosphiebrocken „Mushishi“ („Bugmaster“).

Aber es gibt sie noch, die schrägen Vögel im Schwarm. Träumer, wie Satoshi Kon, der mit „Paprika“ zuletzt einen traumgleichen Trip überbordender Phantasie schuf und dabei auch fleißig Gebrauch moderner Technologien machte, ohne dass es am Ende aufgesetzt wirkte. Respekt vor so viel Ambition, die Grundfesten der Kunstform zu erschüttern. Kon ist der bekannteste Vertreter einer Handvoll Kreativer, die andere Wege gehen wollen. Das japanische Studio 4°C hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese scheinbar Verrückten zu bündeln und ihnen größtmögliche kreative Freiheit einzuräumen.

Gegründet wurde 4°C bereits 1986 von Eiko Tanaka, die als Präsidentin des Studios und Chef-Produzentin fungiert, dem Regisseur Kôji Morimoto, der mit Ôtomo an „Akira“ gearbeitet hatte, und Yoshiharu Sato, Animator, der ebenso wie Tanaka zunächst noch für Ghibli tätig war. Da man finanziell unabhängig sein wollte, waren viele der Mitarbeiter noch in andere Projekte involviert und so dauerte es fast zehn Jahre, bis das erste Werk des Studios die Leinwände erblickte. 4°C war damals ein Hobby der Bertreiber, ein Spielplatz um sich auszuprobieren, mit Ideen zu spielen und hat bis heute nichts von diesem Ansatz eingebüßt. Kreativität entsteht ohnehin immer am besten ohne die Fesseln kommerzieller Notwendigkeit.

Am Anfang stand die Erinnerung

„Memories“ war 1995 das Debüt des Studios. Drei SciFi-Kurzgeschichten von Ôtomo, Morimoto und Tensai Okamura, der später an der Entwicklung von „Neon Genesis Evangelion“ beteiligt war. Nachdem der Erfolg von „Akira“ den Weg in westliche Breitengrade geebnet hatte, lies sich „Memories“ mit dem Namen Ôtomo auf dem Cover gut verkaufen und erschien auch bei uns auf Video. Kurzfilme sind seit jeher perfekte Plattformen, um neue Ideen auszuprobieren. Die Finanzierung ist einfacher und das zeitlich begrenzte Format erlaubt es den Künstlern abseits eines narrativen Rückgrats zu experimentieren. Das begriff man auch bei 4°C und nutzte diese Form dazu, neue Animationstalente heranzuzüchten, ähnlich wie man es auch bei Pixar seit Jahren pflegt. 2002 erschien die erste Zusammenstellung kurzer Clips unter dem Namen „Digital Juice“. Bezeichnend sind die darauf enthaltenen Trailer für Filme, die den Status einer fixen Idee nie verließen, jedoch die Grundlage schufen für die weitere Arbeit. Auch Musikvideos entstanden im Tokioter Hauptquartier, u.a. ein Clip zu Ken Ishiis „Extra“.

Daneben pflegte man die Arbeit mit Ôtomo, dem die Andersartigkeit der Talentschmiede gefiel. Gemeinsam realisierten Ôtomo und Studio 4°C die Mangaverfilmungen „Spriggan“ und „Steamboy“, dessen Optik die Gratwanderung zwischen traditionellem Anime und westlichem Einfluss mit zeitgemäßer Computertechnik paart und zu einer der teuersten japanischen Produktionen avancierte. Ôtomo lies sich durch „Cannon Fodder“, seinen Beitrag zu „Memories“, zu seinem Langfilm inspirieren, den er im Großbritannien des späten 19. Jahrhunderts ansiedelte. Nach fast acht Jahren harter Arbeit, 180.000 Storyboards und 2,4 Milliarden Yen (20 Millionen $) Produktionskosten, einer Höhe, die sonst den Werken Miyazakis vorbehalten ist, kommt der erste komplett mit digitalen Effekten versehene Anime in die japanischen Kinos. Trotz einer Veröffentlichung in den Staaten und exzellenten Kritiken schafft es „Steamboy“ nicht die horrenden Kosten einzuspielen. Ein herber Rückschlag für Ôtomo.

Bei 4°C backt man weiter kleine Anpan und besinnt sich auf die eigenen kreativen Köpfe. Massaaki Yuasa adaptiert 2004 den Manga „Mind Game“ von Robin Nishi und lässt einen Knallfrosch schräger Ideen auf der Leinwand platzen. Welche Drogen Yuasa und Nishi geschmissen haben, bleibt im Dunkeln, aber bunt waren sie auf jeden Fall. Der quirlige Trip eines Losers zum Licht überrascht mit Realfilmelementen, einer Optik, die von völliger Reduktion bis zum visuellen Overkill alle Paletten streift und einer metaphysischen Story um den Sinn des Lebens. Ohne Zweifel ein Geniestreich, der exemplarisch für die Arbeit von Studio 4°C steht: ein Monster mit Kreativität in jeder Vene und dem Herz abseits des Massenmarktes.

Über den Rand

Aber bei 4°C streckt man die Fühler auch jenseits der Insel. So war der Franzose Nicolas de Crécy, Bruder von Elektromusiker Etienne de Crécy und Schöpfer des genialen computeranimierten Burger-Clips zu dessen Überhit „Am I Wrong“, Teil der „Genius Party“, einer Kurzfilmkompilation deren erster Schwung aus sieben Filmen 2007 erschien und im letzten Jahr um weitere fünf Shorts erweitert wurde. Renommé erlangte man außerdem durch die maßgebliche Beteiligung am „Animatrix“-Projekt der Wachowski Brüder, für das sie fünf der neun Filme entwickelten. Produziert wurden diese durch den in Tokyo lebenden Amerikaner Michael Arias. Er war es wiederum, der 2007 mit „Tekkonkinkreet“ für Studio 4°C einen weiteren markerschütternden Schrei aus Farben auf die Leinwand brachte. Ein Schrei, der nicht ungehört blieb und auf Festivals weltweit Preise einheimste, was ihn sogar zu einer Veröffentlichung hierzulande half. Ein Novum, ja fast schon ein gebrochenes Sakrileg ist es, dass sich ein Nicht-Japaner an die Verfilmung der erfolgreichen Manga-Reihe wagte. Nur ein weiteres Indiz für die Radikalität eines Studios, für das Kreativität keine Grenzen kennt.

„Mind Game“ und „Genius Party“ sind soeben bei Rapid Eye Movies erschienen. „Memories“ (Columbia Tri Star), „Tekkonkinkreet“ (Sony), „Spriggan“ (OVA Films), „Animatrix“ (Warner) und „Steamboy“ (Sony) sind ebenfalls als DVD zu haben.

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