Muff Potter – Gute Aussicht

Text: | Ressort: Musik | 16. August 2009

Es ist ja schon ein wenig schade, aber Jungs, ein bisschen habt ihr es selbst mit verrockt. Merke: Niemand holt sich ungestraft Jens Rachut als Gastsänger. Und dies ist doch wohl Jens Rachut, der da bei Opener (ausgerechnet beim Opener! Himmel!) „Ich und so“ singt? Dieser Mensch, diese Stimme walzt alles platt, was danach noch kommen kann. Dies ist nun einmal so. Und das Beispiel „ Gute Aussicht“ macht dies mal wieder so richtig trefflich deutlich: Da packt mich ein Gesang an allen wesentlichen Organen, an Hirn, Herz und Eiern, an meiner unsterblichen Seele, an meiner Sehnsucht und an meiner Verzweiflung. Dann reißt mich diese Stimme aus dem Sitz, schüttelt mich, führt mit wilden, krakeligen Finger durch meine Gedanken und Gefühle, zerrt, ruft und fleddert an mir herum, ich schreie mit und springe, hüpfe überdreht und aufgedreht bis an das Maximum und brauche selbst noch drei Folgesongs, bis ich endlich merke, dass das Stü ck schon längst vorbei ist und taumele zu jener Stelle im Plattenregal, die der Metallbox von „Scheiße, nicht schon wieder Bernstein!“ vorbehalten ist, dieser wunderbaren Platte von Kommando S-onnenmilch, weil ich endlich wieder diese Stimme hören m\’f6\loch\f36 chte, diesen Gesang, diese Eindringlichkeit, dieses lautgewordene Taumeln am Abgrund zwischen Verzweiflung und nackter Wut. Vielleicht sollte ich „Gute Aussicht“ künftig einfach auch erst ab Titel Nummer 2 hören. Denn eines will ich gern festhalten: Eine schlechte Platte ist es weiß Gott nicht, was Muff Potter hier vorgelegt haben (immerhin haben sie es ja auch geschafft, eine Songplattform für Jens Rachut zu bauen, die es auch ordentlich in sich hat). Dieser Pop-Punk, in dem sich der unbedingte Willen zur Einfachheit mit dem ebenso ausgeprägten Willen zum feinen Detail beim Songwriting auf interessante Weise zusammen finden, ist schon ausgesprochen vorzüglich. Und über Songtitel wie “Blitzkredit Bop“ oder “Wie spät ist es, und warum?” freuen wir uns hier ebenso wie über die dahinter steckenden blitzgescheiten Texte über Landflucht oder Benutztwerden gut finden, die mit Zeilen wie “Der allerschönste Platz ist immer an der Hypotheke/Dies ist Dispo-Disco/Eine aufregende Fete” einem ein schönes Lächeln des Verständnisses auf das Gesicht zaubern. Und vielleicht sollte ich ja auch nicht vergessen, dass dieser Jens Rachut einer dieser Menschen ist, die alles andere so furchtbar weit überragen, die einmalig sind, die gesegnet sind mit einer einzigartigen Gabe. Ein Gigant, über dessen Existenz man sich eigentlich nur still freuen kann, weil er die Dinge so scheinbar mühelos und dennoch passgenau auf den Punkt bringen kann. Es ist halt nur gefährlich, wenn man mit solchen Giganten arbeitet sie blenden mit ihrem Licht, mit ihrer Ausstrahlung und machen blind für vieles andere. Höre „Gute Aussicht“; tut mir leid, ich kann da nicht so richtig über meinen Schatten springen. (Huck’s Plattenkiste/Rough Trade)

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