Das Phonographische Quartett
vom 6.11.09
Rezensionen & Playlist

Text: | Ressort: Musik, Radio | 6. November 2009

Playlist Phonografisches Quartett 6. November 2009

Platte des Monats Jensor

Matias Aguayo – Ay Ay Ay (Kompakt)

1. Koro Koro

2. Rollerskate

Das nenne ich aber mal eine ernsthafte Überraschung. Matias Aguayo habe ich ja nun auch nicht erst seit gestern auf dem Schirm: Schon via Zimt (da zusammen mit Michael Mayer) war er präsent. Und zu sehr wurde beispielsweise auch im PNG-Kontext darob gefeiert, was er einst mit Dirk Leyers als Closer Musik an musikalischen Großtaten servierte. Später folgte das grandiose Solodebüt „Are You Really Lost?“, das mich ob einer reduzierten, melancholischen, schlicht ergreifenden Sexyness aus den Latschen haute, dann gab es mit den Überfliegern „Minimal“ und „Walter Neff“ echte musikalische Statements zu den Themen „Techno-Minimal-House-oder-nenn-es-wie-du-willst und was da noch gehen kann“. Keine Frage, dass ich mir die neue Platte „Ay Ay Ay“ ohne mit der Wimper zu zucken zulegte und dabei die schon im Vorfeld einsetzende Rezeption vollkommen außer Acht ließ, was insofern erfreulich war, weil die sich daraus ergebende Überraschung noch wesentlich größer war.

Legen wir das Thema Club mal beiseite. Den Club in der hierzulande üblichen Definition zumindest. Vielleicht lassen wir für einen kurzen Moment mal das Thema „Elektronische Musik“ außen vor. Und reden bei dieser Gelegenheit eher mal über den chilenischen Background von Matias Aguayo und die Möglichkeiten, sich diesem südamerikanischen Background musikalisch zu nähern. Mit dazunehmen muss man auch unbedingt die „bumbumbox“ Straßenparties, die er gemeinsam mit Freunden vor Ort in diversen Großstädten des entsprechenden Kontinents veranstaltet hat. Ebenso wichtig ist die Frage: Was kann man allein mit Stimme erreichen – mit Stimme als Ausgangspunkt für Modulationen freilich. Ich gebe es gerne zu, wirklich einfach sind all diese Ausgangspunkte (nehmen wir mal die „bumbumbox“-Parties raus) nicht; das Unwort „Worldmusic“ schwirrt ebenso durch den Raum wie der „Kunstkacke“-Ansatz, von dem allgemeinen Unwohlsein gegenüber dem Prinzip Acappella mal ganz zu schweigen (wir sind da als Leipziger nachhaltig geschädigt). Und doch: Nach dem ersten erstaunten Aufhorchen nach dem Opener „Menta Latte“ kam dann doch noch viel mehr bei mir, Erstaunen über 60 Minuten hinaus und das Verlangen, sich da erneut hinein zu stürzen. In diesen musikalischen Entwurf, der sich einerseits durch ausgesprochenes „Unique“-tum auszeichnet und andererseits auf eine ähnlich erstaunliche Art und Weise auf der unpeinlichen Seite hält. Dann kam für mich die Feststellung, dass die Arbeit mit Stimme, Sprache, Gesang, Beatboxing, kurzum mit allen Geräuschoptionen, die ein Mensch zu bieten hat, problemlos in einem hochgradig elektronischen Kontext stattfinden kann (wobei mir nur übrig bleibt, wieder einmal darauf hinzuweisen, wie doof, hohl und inhaltsleer dieses ganze Geschwätz von „seelenloser Maschinenmusik“ einfach mal ist). Und ich bin Matias Aguayo hochgradig dankbar dafür, in mir Interesse für eben diesen angesprochenen musikalischen Background (der – darauf hatte in der Sendung Freund Herr Lose ganz richtig hingewiesen – sich allerdings nicht klinisch rein in Südamerika verorten lässt; diverse weitere Einflüsse lassen sich ebenfalls filtern) erst einmal geweckt hat: Zu sehr gingen mir bis dato die landesüblichen Ausformulierungen zwischen weichgespülten Brazilectro und stumpf-frohsinnigen Samba-Techno auf die Nerven, zu eindeutig tendierte dies in die Sparte des „Bessergestellten-Listenings“. „Ay Ay Ay“ gibt einen Blick frei auf eine Definition dieser Musik, die sich nicht in einem seltsamen Zerrbild von Neverending-Strandparty und Karneval in Rio erschöpft. Auf eine Musik, die eine Faszination austrahlt, der ich mich nicht wirklich verschließen kann – und die Lust darauf macht, in den Wurzeln und Einflüssen intensiver zu stöbern (für mich ein echter Unterschied zu Baile Funk, der für mich eigentlich sich selbst genügte).

Einlassen muss man sich dennoch auf diese Platte. Sie funktioniert auch bei mir nicht immer. Ja, manchmal hatte auch ich ein ähnliches Gefühl wie Herr Lose, dem all dies auf 60 Minuten schlicht zu lang erschien (dann muss auch ich schon mal die Platte wechseln). Ja, sie ergibt mal abgesehen von all den Dingen, die ich dargelegt habe, manchmal auch einfach nur den Zweck eines perfekten Soundtracks zum Nebenbeihören, wie Freund Don Bass Donau Delta erkannte. Ja, ich bin auch selbst noch nicht wirklich durch in meiner Rezeption – aber dies ist eher auch ein gutes Zeichen. Eines darf aber immerhin unbedingt festgehalten werden: „Ay Ay Ay“ ist eine außergewöhnliche Platte, die trotz ihrer Außergewöhnlichkeit eben nicht den stinkenden Odem des berechneten Kalküls verströmt wie dies bei so vielen anderen außergewöhnlichen Veröffentlichungen der Fall ist. Wenn man denn noch vom „Authentizität“ im Zusammenhang mit (Pop-) Musik reden kann, sollte man dies unbedingt bei Matias Aguayo tun.

(Kompakt)

* Hörbares

Platte des Monats Herr Nauber

Hope Sandoval & The Warm Inventions – Through The Devil Softly (Nettwerk)

3. Sets The Blaze

4. Trouble

Also für mich, und sicher auch für jeden anderen, existiert eine Handvoll Künstler, von denen man sich bis in alle Ewigkeit Kontinuität wünscht, keine Experimente und um Himmels Willen niemals das viel beschworene „Neuerfinden“. Wie man nun ohne große Anstrengung richtig vermutet ist Frau Sandoval eine von eben jenen welchen. Nicht nur zu meiner, sondern auch zur Freude einer gar nicht mal so kleinen treuen Fanschar tut sie uns diesen Gefallen nun nach acht Jahren Wartezeit. Während realbayrisches Fruchtbrot inzwischen sicher knochenhart geworden wäre, ist ihr letztes Soloalbum („Bavarian Fuit Bread“ 2001) immer noch schön weich, saftig und fruchtig, wie am ersten Tag, mit einer herben Note im Nachgeschmack. Zeitlos nennt man das dann wohl, oder eben stilsicher und ausdauernd. Denn die immer noch gültigen Qualitäten sind auch schon am Frühwerk mit Mazzy Star und deren drei Alben, zwischen 1990 und 1996, zu vernehmen. Heuer wird wie eh und jeh mehr gesäuselt als gesungen, zerbrechlich dringt, gewollt oder ungewollt, das Flehen und Wehen direkt zum Beschützer-/Ritterinstinkt der männlichen Hörerschaft durch und die Damen im Publikum finden sich (vielleicht) in den Geschichten und der romantischen Aura wieder. Entspannt wird samtig gecroont und ein Hauch von Americana umspielt, wie eine warmer Windhauch, das folkige Grundgerüst der Songs, kurz: ein wunderschönes Album.

(Nettwerk/Soulfood)

* Hörbares

Platte des Monats Herr Lose

Hearts No Static – Motif (Bureau B)

5. Elitism

6. Lowlands

Irgendjemand erfindet stets eine Schublade, deren diffuse Dunkelheit alles verschluckt, was in sie hineingeworfen wird. Hearts no Static finden sich in der mit der Aufschrift Postrock wieder und nicht einmal mein Schreibprogramm bemerkt, dass hier etwas faul ist (die Rechtschreibprüfung vermutet hinter dem zusammengesetzten Substantiv aber vermutlich etwas Modischeres). Erlaubt man sich Nuancen im Grau, so sind die Schweden in guter Gesellschaft ihrer Landsmänner EF zu finden. Nicht nur derselben Sprache wegen, nein, auch wegen des Verzichts auf den Gebrauch jeglicher und einer Liebe zu cinemascopen Klanglandschaften düsterer Couleur. Den genretypischen Ausbruch pflegt das Trio aus Stockholm kaum. Hier fließt alles weit gehend auf ruhigeren Gewässern und damit auch oft auf einer Welle mit den ruhigeren Tracks ihrer schottischen Freunde im Geiste, Mogwai. Bei „Elitism“ schimmert aber auch der repetitive Jazz einer Band wie Couch durch. Überhaupt sind Hearts no Static die vielleicht abwechslungsreichste Figur in ihrem Metier. Eine weitere Tatsache, die an Filmmusik gemahnt. Die Klangfarben wechseln, wie die Stimmungen im Script, können eine gewisse Melancholie aber nie verbergen, als wären sie einer nachtschwarzen Bildsinfonie Béla Tarrs entsprungen. Mal rollen die Gitarren von zahlreichen Effektgeräten entrückt durch den Raum, mal werden sie trocken und punktgenau angetaktet. Die Fokussierung auf analoge Instrumentierung ist wichtig und macht sich logischerweise vor allem abseits von Gitarre, Bass und Schlagzeug bemerkbar, wo Vibraphon, Rhodes und Trompete den Sound bereichern. Ohne den Überbau von Text erschließt sich so Jeder selbst die Bilder zum Soundtrack.

(buereau b/Indigo)

* Hörbares

* der versprochene Link zum Gratisdownload der EP

Platte des Monats Herr Don Donau Delta

Rammstein – Liebe ist für alle da (Universal)

7. Halt

8. Donaukinder

Den Begriff Blockbuster kennt man gemeinhin im Zusammenhang mit Filmen, vor allem solchen aus der gar nicht so verträumten Traumfabrik in Los Angeles. Weit weniger bekannt ist, dass der Begriff eigentlich aus dem Kriegsvokabular stammt und jene Fliegerbomben meint, deren Sprengkräfte ausreichend waren, um ganze Wohnblocks weg zu putzen. Im Bereich Kino hingegen sind es immer wieder vor allem solche Filme, die in der Lage sind, die Kinos weltweit über Wochen mit Menschen voll zu stopfen. Godzilla, The Day After Tomorrow, Titanic, Star Wars, Independent Day, James Bond heißen einige der bekanntesten Blockbuster, die Regisseure dazu unter anderen Georg Lucas und James Cameron. Aber auch zwei Deutsche müssen hier genannt werden, wenn es auf der Leinwand wieder mal darum geht, irgend etwas untergehen zu lassen, sei es ein Schiff, eine Stadt oder gar die ganze Welt.
Wie all das Vorgenannte nun zu „Liebe ist für alle da“, dem sechsten Album der Band Rammstein passt? Nun, wenn man mal von all den billigen „Promokationen“ absieht, die die Veröffentlichung des Albums begleiteten, so schlägt LIFAD, musikalisch gesehen, durchaus wieder ein wie eine Bombe mit erhöhter Sprengkraft. Außerdem dreht es sich bei vielen Blockbustern um Extraterrestrisches. Und weil es einen Asteroiden gibt, der im Oktober 2001 vom französischen Astronomen Jean-Claude Merlin entdeckt wurde und der seitdem den Namen „110393 Rammstein“ trägt, schließt sich auch hier irgendwie der Kreis. Wenn man so will!
Jedenfalls ist LIFAD so etwas wie das in Töne gegossene und auf CD gebrannte Gegenstück zu Roland Emmerichs neuen Popcorn-Buster „2012“. Natürlich geht es hier wie da nie ohne Augenzwinkern ab, gewollt oder ungewollt. Und frei von Peinlichkeiten sind beide „Kunstwerke“ nicht. Von dem bei Rammstein ewig gleichen Themenpool abgesehen, sind einige Texte wieder mehr als Banane. Musste letztes Mal der Fall des Kannibalen von Rotenburg dran glauben (Mein Teil), so ist es dieses mal der der Familie des Österreichers Fritzl und all jener Dinge, die in deren Keller geschahen. Der Text zum musikalisch eigentlich ziemlich gelungenen Stück „Pussy“ ist indiskutabel und entspringt vermutlich irgendeiner Geisteskrankeit. Auch ein direkter Bezug zur deutschen Lyrikgeschichte wurde mal wieder hergestellt. 2009 muss nun Bert Brechts „Mackie Messer“ dran glauben. Auch zeigen die sechs Herren, von denen der älteste straff auf das 47.Lebensjahr zugeht, wieder Dankbarkeit gegenüber einer besonders treuen Sektion der riesigen Fangemeinde. Wurden auf Rosenrot die Mexikaner mit „Te quiero puta“ bedacht, sind es heuer die französischen Fans, die mit dem zum Fremdschämen peinlichen „Frühling in Paris“ ein musikalisches Dankeschön verpasst bekommen. Haben wir irgend jemanden vergessen? Ach ja, LIFAD soll ja wieder in Richtung Anfänge gehen. Da sollte man sich aber „Herzeleid“ noch mal genauer anhören. Schon die Produktionen sind nicht zu vergleichen. LIFAD ist nämlich bis in die letzte Instrumentenschraube hinein unglaublich F.E.T.T. produziert. Außerdem klingen Rammstein schon lange nicht mehr so dumpf, mechanisch und hölzern wie in den Anfangstagen. Wenn man genau hinhört, kann man die Grooves hören, die vielen Stücken (z.B. Rammlied, B********) innewohnen. Und auch wenn man der Meinung sein kann, dass das „Rammlied“ nur ein weitere Variation von „Wollt Ihr das Bett in Flammen sehen“ ist, so ist dieses brachiale Stück Heavy Metal dermaßen geschickt komponiert, dass man es, so man den Sound der Band mag, nach einmaligem Hören nicht mehr missen möchte. Daß das ab sofort der unumstrittene Opener einer jeden Rammstein-Show sein wird, versteht sich von selbst. Auch einen so böser Brecher wie „B********“, in dem es um den Zwiespalt beim Nehmen (oder Lassen) von Drogen geht (eines jener immer wieder kehrenden Motive bei Rammstein) muss man unbedingt als gelungen bezeichnen, und sei es nur als Motivationshilfe in der Freihantelabteilung der Muckibude. Zu ganz großer Form laufen die „Rammsteiner Riffjäger“ dann auf der Bonus-CD der special edition von LIFAD auf, wo man mit dem an die Umweltkatastrophe von Baia Mare (Rumänien) erinnernden „Donaukinder“ und einem an Misanthropie verzweifelnden Protagonisten in „Halt“ dann endlich nicht nur musikalisch gelungene, sondern auch textlich ernstzunehmende Glanzpunkte zu setzen weiß. Beide Stücke gehören ob ihrer Güte eigentlich auf die reguläre Scheibe!!
Letztendlich ist LIFAD eine durchaus gelungene Angelegenheit und sollte, nicht nur wegen der, zumindest was den restlosen Verkauf der Karten angeht, grandiosen Erfolge im Livegeschäft Ansporn sein, weiterzumachen, die Fans zu beglücken und den Wert der Marke Rammstein zu steigern. Auch wenn dies für die Jungs vielleicht grausam klingt: Aber 1994 ist 15 Jahre her und Dinge entwickeln sich nun mal nicht immer so, dass man für alle Zeiten in Gänze damit leben kann! Aber vielleicht will man ja nicht wie die Scorpions enden und hört nach der kommenden Tour auf! Könnte ich verstehen.
(Universal)

* Hörbares

Bunte Wurstplatte

9. Converge – Dead Beat (Herr Jensor)

von „Axe To Fall“ (Epitaph)

10. Taken By Trees – Watch The Waves (Herr Nauber)

von „East Of Eden“ (Rough Trade)

11. Air – Be A Bee (Herr Lose)

von „Love 2“ (Virgin)

Generell: PNG ist jeden zweiten Freitag von 21.00 bis 23.00 Uhr auf Sendung. Im Wechsel finden entweder Das Phonographische Quartett, bei dem vier Redakteure vier aktuelle Veröffentlichungen vorstellen, oder Spezialsendungen zu unterschiedlichen Themen (Labels, Festivals usw.) statt.

Radio Blau In Leipzig: auf UKW 99,2 MHz, sowie: 94,4 MHz & 89,2 MHz (Karte) und 97,9 MHz (primacom Kabel) Online: www.radioblau.de oder gleich im Stream

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2 Kommentare »

  1. ich versuche es mal kurz zu fassen.meine person hobelt die wochenendsendedienste bei radio corax und ist somit schön oefter mit png des naechtens konfontiert worden.konkretes zu vergangnem soll an dieser stelle mal kuerzer treten.denn harte fakten solls hageln nicht schwelgerei.also..GEILES DING! die programmaustauschsendung vom 14.11. auf 95.9ukw hat mich sehr verzueckt.da dies ein dickes lob an euch impliziert, moechte ich nur nebenbei erwaehnen, dass mich meine eltern als aeusserst kritischen menschen grossgezogen haben.demnach werden sich aufklaerungsrunden, wie zum beispiel zu einem neuerschienenem rammstein album auch in zukunft umhergeistern wenn ich an gelungene sendungen der freien (und ueberhaupt) radioszene denken werde.

    greetz und danke fuer schoene momente.
    taP<

  2. moechte hier nur die grammatik pimpen…
    sollte in zeile drei natuerlich“konfRontiert“ heissen.
    und „in zukunft umhergeistern“ tun sachen und so freilich im koepfchen.
    so.
    det wars.

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