Old School Baby! – Oliver M. Guz war in der Stadt

Text: | Ressort: Allgemein | 22. Januar 2010

Dies ist das Risiko, das man beim Konzerthopping nun mal geht. Vor dem Club hört man schon, dass die Band bereits auf der Bühne rumpelt. Und na klar, auf die Nachfrage „Wie lange spielen die schon?“ gibt‘s die unerfreuliche Antwort „Mindestens eine halbe Stunde!“. Prima, und dies bei einem Club-Konzert, von dem die Erfahrung lehrt, dass nach einer Stunde manchmal schon alles vorbei ist. Dabei hatte ich mich doch ordentlich darauf gefreut, Oliver Maurmann aka Guz mit seinen Averells endlich mal wieder in Aktion zu sehen.
Allerdings, ich hatte meine – pessimistische – Rechnung ohne den Hauptakteur beziehungsweise die Anwesenden gemacht. Weil einfach alles irgendwie perfekt zusammenpasste an diesem Sonntagmorgen im Ilses Erika: Oliver hat sich als aktuelle Averells Samuel Hartmann und Daniel D‘Aujourd‘hui mitgebracht. Ja, die kann man kennen, wenn man sich ein wenig mit dem Guz‘schen Kosmos beschäftigt, in dem der Name Die Aeronauten anständig leuchtet (by the way: Erstaunlich, wie allgemein präsent ein Stück wie „Im Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren“ durchaus ist – ich meine, das ist aus dem Jahr 1997, von „Jetzt Musik“). Ja, die spielen bei ebenfalls bei den Aeronauten. So viel zum Thema Eingespieltheit, Tightness, Gemeinsamkeiten, blindes Verständnis und so weiter und so fort – halt all die Dinge, die zumindest ich sehr gerne auf der Bühne sehe, weil sie eine Menge darüber erzählen, wieviel Intensität die Beteiligten bereit sind, in „ihr Ding“ zu investieren. Abseits des instrumentalen Muggertums, wohlgemerkt. Weil die gut 50 Leute einfach Bock darauf hatten, sich dieses Ding Guz & The Averells reinzuziehen und zwar weit über die obligatorischen 60 Minuten hinaus. Und an Material, hoho, an Material mangelt es bei Oliver Maurmann sowieso niemals – mal ganz abgesehen von dem guten Dutzend Guz-Veröffentlichungen (teils gar einfach als Tape erschienen) gibt es ja nicht nur den Aeronauten-Fundus, sondern auch die diversen anderen Projekte wie die Zorros (mit dem nicht gerade unlegendären Beat-Man – well known as Lightning Beat-Man oder Reverend Beat-Man – am Schlagzeug; hab‘ ich sogar ne Platte von) werfen ausreichend Songs ab. Mal ganz abgesehen davon, dass ich persönlich felsenfest glaube, dass Guz immer, stets und zu jeder Tageszeit mindestens zwei Dutzend Stücke fix und fertig daheim in der Schublade beziehungsweise im Hinterkopf zu liegen hat. Und so wurde aus dem Ärger über verpasste 30 Minuten Konzert die Freude über erlebte anderthalb Stunden Konzert. So einfach kann es manchmal sein.

Lasst uns also über Rock‘n‘Roll reden. Der Name Guz & The Averells deutet ja schon hinreichend an, in welche Richtung die Reise gehen soll. In die Welt des ziemlich klassischen Rock‘n‘Rolls mit all den ganzen Beigaben Blues, Beat, Surf, Rockabilly eben; mit einem tighten Schlagzeug und einem ausgeklügelt hinzugefügten Bass als funktionierendes Groove-Grundgerüst, das in einer unaufdringlichen, aber deutlich vernehmbaren Art und Weise die Buchstaben S, E und X buchstabiert. Mit einem Frontmann, der ganz ohne Posen eben dieses Prinzip Frontmann transportiert – als der Mann mit Gitarre und Mikrofon, erkennbar und deutbar der zentrale Punkt als Sänger und Songwriter, als der Typ, der angibt, wo‘s lang geht. Klischee? Hell yeah, und ob dies ein Klischee ist, aber so funktioniert die Sache nun einmal! Erst recht, wenn der Typ da auf der Bühne dieses Klischee, diese Rolle aber so etwas von verinnerlicht hat wie Oliver Maurmann. Und der zugleich weiß, dass es nicht einfach nur reicht, etwas zu verinnerlichen. Nein, dies muss auch raus. Und um es rauszulassen, muss es auch etwas geben, was zu sagen ist. Teufel, im Alter fängt man nicht nur an, sich Countrymusik zu interessieren – dann macht der ein oder andere Musik auch aus etwas anderen Gründen. Da geht‘s nicht mehr darum, bei dem leckeren Mädchen aus der Parallelklasse zu landen (nochmal by the way: Ich bin explodiert vor Lachen, als mir Guz in einer leckeren Liedzeile die Story des Gitarrespielens erzählte, die genau etwas mit diesem Thema zu tun hatte, aber in dem gängigen Missverständnis „Der Typ hat ja einen an der Waffel!“ endete). Und wohl auch nicht mehr um den Traum von Ruhm, Ehre, Stadionrock und Backstage-Bier bis zum Abwinken, der einen ja manchmal dazu bringt, aus lauter Verzweifelung U2 nachzuspielen (auch so etwas erlebt man manchmal beim Konzerthopping). Es geht darum, dass man gar nicht mehr anders kann. Als weiterzumachen mit den Mädels und Jungs, mit denen man nun schon seit Menschengedenken weitermacht. Weil es immer noch Songs im Kopf gibt und weil man immer noch nicht seinen Frieden gemacht hat mit der seltsamen Normalität um einen herum.
Davon kann bei Oliver Maurmann nun wahrlich nicht die Rede sein – Alter hin oder her. „Wenn alles schön ist und wenn alles stimmt, braucht es einen, der ein Scheisslied singt“, gibt er uns via „Scheisslied“ in einer grimmigen Entschlossenheit, aber einem charmanten Lächeln auf dem Gesicht mit auf den Weg. Er ist gern derjenige, der in dieses harmoniegeile Konstrukt „kommerzialisierte Popkultur“ hinein das Scheisslied singt. Der sich nicht nur einen feuchten Scheißdreck um „Synergieeffekte“, um Businessspeech und „strategisches Denken“ schert, sondern auch bereit ist, dieses Sich-Einen-Feuchten-Dreck-Scheren an die Glocke zu hängen. Der nur zu gerne mit jenem schon erwähnten grimmigen Lächeln voller Entschlossenheit und Charme davon singt, dass die dumme Kuh aus dem Fernsehen ihren Teil an Schuld an der Beschissenheit der Welt trägt. Old School Baby! Es gibt die Guten und es gibt die Blöden. Und nein, man geht nicht mit den Blöden ins Bett, mit den Stefan Raabs, den Silbermonds, den Herbert Grönemeyers, den Thomas Gottschalks, den Bono Vox‘ (und so weiter und so fort) dieser Erde – Scheiß auf das Geld, auf das es eh keine Garantie gibt, auf den Klacks Ruhm, an den sich nächste Woche sowieso keiner mehr erinnern kann. Natürlich klingt dies geradezu anti-modern in einer Zeit, in der es in allererster Linie vor allen Dingen um das Prinzip „Everything Goes“ geht. In der vom Ende des Mainstreams gesprochen wird, weil die Ökonomisierung von Pop in allen Sparten derartige Ausmaße angenommen hat, dass man in der Tat kaum noch Differenzierungen ausmachen kann (der gute alte Satz von Sören Pünjer, nach dem man Underground vom Mainstream anhand des Umfelds trefflich unterscheiden könne, funktioniert zumindest nur noch selten). Ich muss da nicht mitmachen, no way, da bin ich eben Anti-Modern. Und wenn ich mich in der ein oder anderen Nische mal so umschaue, scheint‘s ja auch ein paar anderen Leuten ähnlich zu gehen. Guz & The Averells sind ein schönes Beispiel, wie dies funktionieren kann.

Nein, nicht im Stadion. Nicht mal in einem großen Saal. Die Decke muss niedrig sein und der Raum mit 50 Besuchern schon anständig gefüllt. Nische heißt ja nicht ohne Grund Nische. Hauptsache, es gibt noch Nischen (durchaus auch räumlich gemeint, ohne einen Club mit niedriger Decke geht ja nun mal nix). Schön ist es in diesen allemal.
PS: Ich hatte es schon erwähnt – Oliver ist einer von den Getriebenen, die immer weitermachen müssen (und die auch nichts aus der Bahn wirft). Deshalb geht‘s weiter. Zum Beispiel mit den Aeronauten, die in den nächsten Wochen mit „Hallo Leidenschaft!“ eine neue Platte via Rookie Records unter die Leute bringen werden (Apropos Rookie Rec. – die haben gerade auch die neue Genepool namens „Lauf! Lauf!“ veröffentlicht). Und die Ankündigung, dass da manches ungewohnt im Sinne von bis dato von dieser Band so nicht vernommen daherkommen wird, sollte man tunlichst ernst nehmen. Zudem ist auch vom Triumvirat Oliver Maurmann, Bernadette La Hengst und Knarf Rellöm (aka Die Zukunft) in diesem Jahr ein Tonträger zu erwarten – und dies klingt ja nun wirklich mal nach einer Sache, die ich mir auch haargenau so hätte ausdenken können.

Text: Jensor

Fotos: Klaus Nauber

www.myspace.com/guzmusik

www.myspace.com/aeronauten

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