Egal ob Mann, Frau, Homo, Hetero, davor, danach, dazwischen.

Text: | Ressort: Veranstaltungen | 3. Juni 2010


Schubladen und Etiketten spielen im Leben von Zacker (28) keine Rolle. Seit 2003 sorgt der Leipziger Veranstalter für subkulturelle Bereicherungen in der sächsischen Metropole. Seine Veranstaltungen schlicht als „Schwulenparties“ abzustempeln, wäre ein eklatanter Fehler. Zacker geht es um wesentlich mehr. Er selbst bezeichnet seine Projekte als „queer“. Doch gegen eine eingleisige Definierung des Begriffes wehrt er sich. Es geht dabei um die Auseinandersetzung mit den Themen sexuelle Identität und Geschlechterrollen und vor allem dem Hinterfragen der selbigen. Gängige Denkmuster á la Mann/Frau/Homo/Hetero sollen aufgebrochen werden.

Seit Zacker 2003 die Zacker Nights, ein Event mit Filmen, Dekoration und Kunst-Installationen, ins Leben gerufen hat, ist viel passiert. Neben dem Veranstalten einiger Konzerte entstand 2008 die Party NO NO NO!. Eine Trotzreaktion auf vorherrschende und festgefahrene Definitionen und Denkmuster.

Am 12. Juni 2010 wird sich die beliebte Clubnacht nun verabschieden. Zwei Jahre lang hatte man in Leipzig aller zwei Monate die Möglichkeit, Teil des bunten Publikums dieser Veranstaltung zu sein. Zeit für einen Blick zurück, hinter die Kulissen und vor allem: nach vorne!

„Anders als bei meinen früheren Veranstaltungen bin ich mir selbst gar nicht so sicher, wo das alles hinführt“, dieses Zitat ist von dir und stammt aus den Anfangszeiten der NO NO NO!-Parties. Im Juni geht mit der letzten Veranstaltung nun eine kleine Ära zu Ende. Wo hat es hingeführt?

Ich bin generell ein Mensch, der sehr auf seinen Bauch hört – oder nenn es pathetisch „Herzmensch“. Es ist einfach so. Und irgendwie fühle ich, dass es Zeit ist aufzuhören, auch weil sich alles anders entwickelt hat, als angedacht. Anders, aber nicht schlechter. Nur ist die NO NO NO! als Produkt meiner Vergangenheit als Veranstalter entstanden und hat sich enorm gewandelt mit der Zeit.

 

21.04.2010 @ Conne Island (Foto by Wilhemine F.)

 

 Inwiefern?

Das ist nicht negativ gemeint, sondern einfach ein aktuelles Gefühl. Vielleicht habe ich mich weiterentwickelt, vielleicht hat sich die Struktur in Leipzig verändert, die Situation der ‚Subkultur‘ generell – oder alles zusammen. Jedenfalls ist es 2010 anders als 2008 oder 2003 als ich begonnen habe.

Was nimmst du aus dieser Zeit mit?

Es hat mich zu einer Menge schöner Abende geführt, eine Menge toller Künstlerinnen und Künstler, DJs und Freunde. Und ich habe auch ein wenig das Gefühl, meine Mission erfüllt zu haben. Also wäre das Fazit, dass ich angekommen bin.

Du hast neben der NO NO NO! bereits einige andere Projekte, Veranstaltungen und Konzerte realisiert. Gibt es bei all diesen Aktivitäten einen gemeinsamen Nenner?

Ja den gibt es: den „queeren“ Ansatz. Das Hinterfragen von Geschlechterrollen und damit verbundenen gesellschaftlichen Archetypen. Was ist männlich, was ist weiblich, was liegt davor, danach, dazwischen. Die Queer-Party NO NO NO! ist dabei nur ein Puzzleteil in meiner Arbeit. Alle Künstlerinnen und Künstler, alle Ausstellungen, Festivals und Konzerte haben diesen Background. Und: es steht immer die Musik im Vordergrund. Das heißt, ich erreiche die Besucherinnen und Besucher über das Medium Musik. Das verbindet all meine Aktionen. Zudem kann man es vereinfacht auch als Alternative zu den üblichen Homo-Events sehen: also ein Gegenstellen der bekannten Strukturen und Mechanismen.

Hattest Du jemals Anlaufstellen, wo Du Unterstützung gesucht hast?

Finanzielle Unterstützung habe ich in den ganz wenigsten Fällen zur Hilfe genommen. Nur beim BOUYGERHL Festival, weil das zu umfangreich war. Ansonsten ist alles Non-Profit und nur der Sache wegen. Aber Unterstützung in Form von Mithelferinnen und -helfern, das hatte ich: Fotografinnen, Fotografen, DJanes, DJs, Deko-Leute: Freunde halt!

Ich meinte eher Unterstützung von „offizieller“ Seite: der Stadt Leipzig in etwa.

Der StuRa war das offiziellste der Gefühle. Ansonsten gab es diese Kollaboration mit dem FZML („Forum zeitgenössischer Musik Leipzig“; Anm. d. Verf.) und dem Centraltheater für das SEX.MACHT.MUSIK Festival. Da war natürlich die Stadt involviert. Aber eher allgemein bei dem Festival, wo ich ja nur ein ganz kleiner Part war. Ansonsten denke ich, dass die Offiziellen nicht viel mit meiner Arbeit anfangen können. Und umgekehrt möchte ich auch keine hochoffiziellen Events veranstalten.

Wie offen ist eigentlich eine Stadt wie Leipzig für subkulturelle Projekte aus dem Queer-Sektor?

Das ist eine knifflige Frage. Die Stadt akzeptiert eher so Dinge wie den Christopher-Street-Day. Und das ist so gar nicht das, was ich vertrete. Ich habe eine Position zum Christopher-Street-Day, keine gute, aber ich habe eine. (lacht)

Welche Erfahrungen hast Du in Sachen Offenheit gemacht in den letzten Jahren?

Das ist zweigleisig. Zum einen und im übergeordneten Maße wird die Akzeptanz immer besser. Zum Teil spielt es gar keine Rolle mehr, ob man homo-, hetero- oder bisexuell ist. Auf der anderen Seite wächst aber auch eine neue Art von ‚Biedermann‘ heran. Eine neue Generation von Leuten, die total dagegen ist, was diese Dinge betrifft. Dazu kommen die beiden Themen „Transsexuelle“ und generell Frauen, was ja auch Part des Queer-Themenbereiches ist. Bei den Themen „Transsexuellen“ oder „Transgendern“ vermisse ich nach wie vor den richtigen Ansatz in Deutschland. Es ist leider immer noch ein Thema, das in Boulevard und Alltag ausgeschlachtet wird – ohne Selbstverständnis. Aktuelles Beispiel ist Lorielle London. Deutschland hat meiner Meinung nach hier die Chance verpasst, aktiv ’selbstverständlich‘ damit umzugehen.

Was genau ist da geschehen?

Lorielle London ist eine Transsexuelle. Sie hat sich bei ihren Operationen öffentlich begleiten lassen. Irgendwann kam sie mit einem älteren Mann auf dem roten Teppich an. Alle Fernsehsender berichteten darüber, als ob Lorielle ein Monster wäre und wie es denn möglich sein könne, dass sie einen Freund hat. Bildzeitungsniveau. Das ist aber leider ein Stück Deutschland. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine ‚Tranny‘ in den Fernsehberichten gezeigt und auseinander genommen wird. Aber immer mit diesem beiläufigem Voyeurismus und nicht als Aufklärung.

Du hast vorhin auch das Thema Frauen angesprochen. Wie ist es damit?

Was die Frauen angeht, sind wir auch noch ein ganzes Stück vom „queeren“ Ideal entfernt. Die Unterschiede, die in Jobs, in der Bezahlung, in der Achtung, der Musikwelt, Politik gemacht werden, sind nach wie vor erstaunlich. Im negativen Sinne. Es ist ein absolutes Unding, dass dort noch differenziert wird. Das Problem bei allen Genannten: so lange es in den Köpfen der Leute verankert und anerzogen wird, wird sich wenig ändern. Hier komme ich ins Spiel: Wenigstens im ganz Kleinen will ich diese Schranken zerbrechen. Auch wenn es nur für einen Abend ist. Egal ob Mann, Frau, Homo, Hetero, davor, danach, dazwischen.

Hast Du das Gefühl, dass diese Umstände sich in den kommenden Generationen insgesamt verbessern oder eher verschlechtern werden?

Das ist schwer zu sagen. Wie gesagt, ich sehe das eher zweigleisig. Tendenziell denke ich, dass es viel besser und offener wird. Aber der Biedermann und die Nicht-Versteher wachsen gleichzeitig mit. Wenn ich aber die letzten 20 Jahre sehe, dann ist es auf jeden Fall schon viel besser geworden: Homo-Ehe, Frauen in der Politik und in Führungspositionen, Trannys, die sehr früh Hormone bekommen und somit sehr gut, sehr früh ihr Leben führen können.

Und wo siehst Du dich selbst in der Zukunft? Im Juni findet zum letzten mal NO NO NO! statt. Was kommt danach?

Ich möchte meinen Fokus die nächste Zeit ganz stark ins Private lenken. Meine Familie, mein toller Freund und vor allem mein Job. Ich habe ja einen Fulltime-Job und die Events laufen nebenbei. Eine Tatsache, die mir den Luxus bietet, dass ich damit nichts verdienen muss, sondern es nur der Sache wegen mache.

Eventuell werde ich vereinzelt Konzerte veranstalten, wenn es sich anbietet. Die Konzerte, die ich bisher gemacht habe, sind meine schönsten Erinnerungen. Allem voran das Konzert mit Antony and the Johnsons oder Scott Matthew. Das könnte ich mir vorstellen, aber keine regelmäßige Clubnacht mehr mit so viel Fokus und so vielen Menschen.

Wenn im Juni die letzte NO NO NO! Party zu Ende geht: Welches Lied wünschst Du Dir zum Abschluss?

Von Antony and the Johnsons „I fell in love with a dead boy“. Das war der Anfang, das soll das Ende werden.

http://www.youtube.com/watch?v=rpbk8GYvqqc

www.nono-no.com

 

 

 

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