Wollen gehört werden: Deer Tick

Text: | Ressort: Allgemein, Musik | 6. Januar 2011

War Elephant (2008), Born On Flag Day (2009) & The Black Dirt Sessions (2010)

„I’ll kick in your lungs and I’ll bite off your tongue – Christ Jesus“ („Christ Jesus“, 2008 & 2010)

Im Grunde existiert das nicht mehr, was Deer Tick, aus Rhode Island/USA, vermögen. Energetisch ist nach dem rund zweistündigen Konzert im Monarch in Berlin alles im Lot. Das heisst, alles ist verpufft, hat sich an den schrägen Scheiben des architektonisch eleganten, leicht futuristisch-angehauchten Lokals in Form glückshormongeschwängerter Flüssigkeiten niedergeschlagen. Die Band funktionierte hier wie ein frisch verlöteter Transformator. Geringfügige Verzögerungen im Verpassen von Gelegenheiten zum Lieben, Trauern, Berauschen kamen uns währenddessen zupaß und versorgten alle Anwesenden, ob lebend oder tot, mit befriedigend viel Energie zum Loslabern, Blicke zuschweifen lassen, rücksichtsvollem Durchlass verschwitzer Leiber zum Pissen.

Transformiert werden konnten Risse in aktuellen Idendifikationsbescheiden von popmusiktranszendierenden Individuen, die sich, unsicher und bescheiden geworden, trotzdem immer wieder trauten auf geringstmögliche Sicherheitsstandards im Schleussenraum der Bandnamen einzustellen. Dort wurde genäht, verschweisst, gekittet, verbunden und zu guter Letzt auch noch notdürftig gelasert. Als danach das Cover von „Serve The Servants (oh, no)“ verklungen war, herrschte komischerweise keinerlei Drang mehr nach Zugaben wie man sie üblicherweise erwartet, wenn eine Band die Meute hungrig und besessen zurückzulassen droht. Vielmehr herrschte Friede. Oder besser, ein dem sehr nahe kommendes Gefühl. Ausgeglichenheit trifft es vielleicht besser. Es herrschte hier offenbar das kollektive Bewusstsein, nun sei der ideale Punkt erreicht Schluss zu machen mit jeglicher ekstatischen Steigerung – und Hits waren einfach nicht das Thema an diesem Abend. Es ging um mehr – schlicht um’s Ganze.

Deer Tick waren die erste Band seit fünfzehn Jahren, die in ihrer Show Nirvana und Buddy Holly unterbringen konnten, ohne dass ich mich sonderlich darüber hätte wundern mögen. Wundern, zum Beispiel darüber, wie schlimm diese interpretiert worden waren. Auch sah ich selten Bands, die sich körperlich restlos verausgaben konnten, um kurz darauf seelisch putzmunter die Bühne zu verlassen. Ein Bild schwebt mir vor Augen, als ich die Gesichter der Musiker betrachte. Es ist das Photoportrait Bruce Springsteens auf dem Cover seines Albums „The River“. Auf welchem Springsteen genau so aussieht, wie Bildredakteure es sich vorstellen mögen, dass einer genau so aussehen müsse, der potentiell stundenlang sein Publikum mit authentischer Musik beackern kann.

Ein Saxophon taucht bei Deer Tick-Stücken allerdings nicht auf. Tasteninstrumente schon. Sie klingen aber nicht klinisch und bierseelig zugleich, wie auf „The River“, sondern passen klanglich eher in eine psychedelischere und dem Mainstream abgewandtere Ecke. „Easy“, vom zweiten Album „Born On Flag Day“, ist ein Song, dessen Stil und Arrangement irgendwo zwischen Green On Red, den frühen R.E.M., Rainparade und Dream Syndicate Wiedererkennungsmarken setzt. Das dieser Mix gut geht und überzeugt, hat seine Ursache vor allem darin, dass die Band offenbar schurstracks dem Kopf und Mastermind John Joseph McCauley III folgt. Der blutjunge Komponist, Texter und Sänger der Band scheint einen guten Song nach dem anderen zu produzieren. Schwache Titel sucht man auf den drei, zwischen 2008 und 2010 erschienenen Alben vergebens. Nein, sie sind sogar so gut, dass es völlig legitim erscheint, wenn ein Titel wie „Christ Jesus“, vom Debut „War Elephant“, auf dem aktuellen Album nocheinmal neu arrangiert präsentiert wird. Dass McCauley auf der Myspace-Seite der Band humorvoll „christian rap music“ als Stilbeschreibung eingetragen hat macht deutlich, dass diese Band nicht mit den üblichen Marketing-Tricks ins Gespräch gebracht werden will. Sie spielen einfach mit Freude ihr Ding runter. Und dies mit einer Schnoddrigkeit und Frechheit, dass sie kaum in die zwischenzeitlich wieder schick gewordenen New Folk-, oder Americana-Kategorien passen dürften. Diese Band muss man sich erschwitzen. Hören und Sehen allein wird nichts helfen. Einen kleinen Eindruck der Live-Haltung erhält man, wenn man eine ihrer EPs hört, auf welchen sich Deer Tick gerne so ungeschminckt wie möglich präsentieren – pure Freude, Kommerzfaktor: gegen Null. Für alle, die keine Lust mehr auf R.E.M.-Stadionrock haben und sich daher lieber das x-te Mal „Dreamsyndicate live at the Raji’s“ anhören, garantiert eine Neuentdeckung. Hey, – sind wir eigentlich die ersten, die darüber berichten? Nein, das war Allan Jones vom uncut-Magazin. Seine überbordende Begeisterung aber, die sich zu Beschreibungen wie „a nightmarish excursion into a noir landscape of obsession, deceit and violence that’s also occupied by the scary“ steigert, möchte ich nicht ganz teilen. Weil es immer billiger wird Musik aufzubauschen, zumal sie einen nur einmal halbwegs wieder berührt. Berührende Musik bieten Deer Tick darüber hinaus aber unbestritten. Und, wie gesagt, alle drei Alben wollen gehört werden. Qualitätsunterschiede innerhalb des Oevres sind bei dieser Band eher als marginal zu behandeln.

Jörg Gruneberg

(alle Partisan Records)

http://www.myspace.com/deertick

http://www.partisanrecords.com/artists/deer-tick

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