Musikalische Monster – SchnAAk und ZA!

Text: Jensor | Ressort: Allgemein, Musik, Veranstaltungen | 29. Juni 2011

„Wake Up Colossus“ heißt das neue Werk von SchnAAk. Mit ein bißchen Fantasie, Humor und guten Willen könnte man sich prima vorstellen, dass aus dem „Colossus“ (bzw. den „Colossus“-Variationen) im Cover-Artwork ganz flott ein Monster wird. Denn um Monster – dies haben mich Johannes Döpping und Mathias Jähnig via Live-Präsenz gelehrt – geht‘s hier allemal.

Genauer gesagt um musikalische Monster. Um musikalische Monster mit einer höchst ausgeprägten Fiesheit. Mit einer derart ausgeprägten Fiesheit, dass ich bislang Zeit meiner Lebens einen ausschweifend großen Bogen um das klassische Verbreitungs- und Handlungsgebiet eben dieser musikalischen Monster gemacht hatte. Der Bogen war dergestalt groß, dass mir die musikalischen Monster beim ersten (und auch beim zweiten und dritten) Hören von „Wake Up Colossus“ gar nicht so richtig auffielen – was wohl auch daran liegt, dass diese musikalischen Monster sich vortrefflich zu tarnen verstanden. Erst recht vor einem Typen, der Zeit seiner Lebens aufgrund großen, gar ausschweifenden Bogenschlagens mit der genauen Physiognomie der betreffenden musikalischen Monster nicht wirklich vertraut gewesen ist. Da flutschen die musikalischen Monster schon mal unbesehen durch, ganz ehrlich. Aber als dann Johannes Döping und Mathias Jähnig in den Häschenkostümen (die btw. verdammt kleidsam waren und tatsächlich irgendwie verdammt stimmig) auf der Bühne im Leipziger UT Connewitz standen, kamen sie auf einmal allesamt ebenfalls nach oben gekrabbelt und schnitten Grimassen, winken und wedelten wild. Kurz: Diese musikalischen Monster waren nicht mehr zu übersehen oder besser gesagt zu überhören.

Reden wir also über Funk-Rock. Über Fusion. Jazz-Rock. Prog, Avantgarde und so weiter und so fort. Echte Monster. Ausgewachsene Monster für einen Typen, der seine bewusste musikalische Sozialisation über weiten Teilen eben jener Tatsache verdankt, dass es da draußen Bands gab (und gibt), die Jagd auf eben diese Monster machten. Sie erbarmungslos verfolgten und vertrieben, zudem die erlegte Beute unter großen Gejohle auf einem fetten Scheiterhaufen verkokelten. Und die nun auf einmal wieder auf der Bühne herumhampelten, munterer denn je. Nun gut, irgendwie hätte ich ja auch drauf kommen können. Wir reden hier schließlich über eine Band, die sich als ziemlich organischer Bestandteil dieses schwerbegreifbaren, aber immer faszinierenden Gebildes Discorporate Records, das mich in der Vergangenheit ja schon so einige Male ordentlich ins Schlingern und anschließende Grübeln brachte – siehe nur mal das Thema Osis Krull. Und in diesem Kosmos haben Worte und Begrifflichkeiten wie „Fusion“, „Funk-Rock“, „Prog“, „Avantgarde“ oder „Jazz-Rock“ nun mal einen ganz anderen Klang als in meinem. Wobei ich allerdings mal eines anmerken muss und zwar in tiefster Dankbarkeit: Diese Tatsache hat mich so einiges gelehrt. Zum Beispiel, mir nie mehr vorschnell das Maul zu zerreißen oder gar selbiges zu verziehen, nur weil einen bestimmter Musikstil serviert wird. Die ebenso simple wie grenzensprengende Erkenntnis, die mit SchnAAK mal wieder mauerfest zementierten: Erstaunlicherweise geht eigentlich überall etwas. Auch bei Fusion oder Funk-Rock, bei Gniedelgitarre und „Jetzt slappe ich mir aber mal so richtig einen ab“ (wobei dies hier eher im übertragenen Sinne gemeint ist – allerdings muss ich ja mal sagen, wie schwer beeindruckt ich davon war, wie mühelos Mathias Jähnig seine Gitarre nach einem Bass klingen ließ und zwar in einem Zwei-Mann-Kontext). Langer Rede kurzer Sinn: SchnAAk ließen mich teilhaben an einer ebenso seltsamen wie aufregenden Faszination für Dinge, die ich geraume Zeit meines Lebens für einen grundsätzlichen Fehler gehalten hatte. Wenn dies mal nicht ein Lehrbuchbeispiel für einen Lernprozess ist.

Johannes Zink, Häuptling, Mastermind und Labelmacher via Discorporate Records, hatte es vor geraumer Zeit ja schon ebenso vielsagend wie richtig angedroht. „Das ist jetzt eine andere Band“, meinte er. Eine andere Band als jene, die uns vor gut zwei Jahren mit „Women On Ships Are Bad Luck“ eine fünf, ähem, Songs starke Eruption (ich hatte zuerst Wutausbruch geschrieben, aber dies stimmt ja nun mal überhaupt nicht – bei SchnAAk geht‘s nicht um Wut, eher um einen Spaß-Energie-Ausbruch) zwischen Free Jazz, Noise und Afro-Beat servierte. Aber auch eine andere Band als jene, die im Herbst 2009 den Frühauf-Keller rockten und dies auf eine für mich überraschend strukturierte Art und Weise. Wenngleich sich diese Strukturen verfestigt haben. In einem Maße, das manchmal sogar schon an Dinge wie „Eingängigkeit“, gar „Pop“ denken lassen. Der Opener „Birds And Grains“ wäre so ein Beispiel: Das klingt ja erstmal nach einem, ähem, konventionellen Song, mit einfühlsamen Schrammelgitarren und ebenso einschmeichelnden Gesang. Was SchnAAk aber eben nicht daran hindert, in einer wilden Achterbahntour voller Breaks und Raffinessen bei eben jenem wilden Tohuwabohu zu landen, für das zumindest ich diese Band still (naja, vielleicht auch ein bißchen vernehmbarer. Ein bißchen sehr viel mehr vernehmbarer.) verehre. „Eine richtige Freaknummer“, fand Kollege Karl von musikansich.de und wenn der Begriff „Freak“ nicht auch so eine Fukushima-mäßige Kontamination aufweisen würde, könnte ich applaudierend und lachend zustimmen. Wobei: Wie ich Johannes Döpping und Mathias Jähnig so kennen gelernt habe, würde ich fast meinen, dass sie diese Bezeichnung „Freak“ als ehrenhafte Auszeichnung ans Revers heften. Insofern alles richtig gemacht.

Struktur ist die eine Sache, die Verbreiterung der Ausgangsbasis eine andere und die Veränderung der Herangehensweise noch mal eine weitere. Über die Monster, die da von den Beiden auf die Bühne geführt wurden und die sich selbstredend auch auf „Wake Up Colussus“ tummeln dürfen, habe ich ja schon gesprochen. Gerne lässt sich dies erweitern – um Dinge, die auf mich jetzt weit weniger monströs wirken. Ja, mein guter alter Freund Noise ist auch noch mit an Bord, mit all den bekannten Ausformungen wie Krachig- und Wuchtigkeit. Da lauert natürlich gerne mal der Free Jazz an der Ecke. Da ist dann auch dieser Groove, der sich doch ziemlich eindeutig in eine Funk-Richtung einsortieren lässt (ohne -Rock, wohlgemerkt). Hatte ich diese Sache mit dem Afrobeat oder dem HipHop schon erwähnt, die sich durchaus schon mal aus den ausgeprägt perkussiven Seiten von SchnAAk extrahieren lässt?

Verblüffend für mich ist dabei weniger diese Vielfalt als vielmehr die Tatsache, dass im SchnAAk‘schen Universum so etwas wie „Songwriting“ eine ernstzunehmende Rolle spielt. Und dabei – noch verblüffender – eine ziemlich stimmige und sinnvolle Symbiose mit dem Prinzip Improvisation eingeht. Ich quake hier ja nicht zum Spaß die ganze Zeit vom Free Jazz. Sondern weil dieses Jam-Ding (aus dem ja „Women On Ships Are Bad Luck“ letztlich erwachsen ist) einfach ein organischer Bestandteil der ganzen Chose ist. Und darum geht die Frage nach dem Warum? irgendwie ins Leere – zumindest, wenn sie nach dem Warum? des Großen und Ganzen gestellt wird? Warum dieses Break? Weil es den Beteiligten genau in diesem Moment in den Sinn kam und richtig erschien! Warum immer dieser Lärm? Weil es Spaß macht! Zack. Genauso wie es Spaß macht, live in Häschenkostümen  zu spielen. Oder erst mal mit den Schlagstöcken die gesamte Location abzusuchen nach dankbaren Geräuschquellen, wie es Johannes Döpping im UT Connewitz so vortrefflich tat. Spaß, Spaß, Spaß. Irgendwie habe ich dieses Wörtchen nirgendwo gefunden in der Rezeption von „Wake Up Colossus“, dabei springt einen der Spaß doch sofort an bei diesem Artwork, bei Titeln wie „Whoop Whoop“ und „Ping Pong Miracle“, bei den Häschenkostümen und der felsenfesten Etablierung eines Eimers als Bestandteil des Schlagwerkes, bei diesem Style-Overkill zwischen Respekt und Ironie. Spaß, Spaß, Spaß. Wenn mich am Ende des Tages mal einer fragt, warum ich diese Band verehre, muss ich dann doch antworten: Weil ich in jeder Sekunde spüre, was diese beiden Verrückten für einen Spaß haben. Und herrje, sie lassen mich auch noch daran teilhaben!

Weil wir gerade mal beim Thema „verrückt“ sind und im Discorporate-Universum unterwegs sind, darf ich mir den Verweis auf ZA! auf keinen Fall schenken. Papa Dupau und Spazzfrica Ehd haben vor einiger Zeit via „Megaflow“ ein Album vorgelegt, das gar noch ein paar Schritte weitergeht. Zumindest in Sachen persönlicher Monsterbewältigung (schlage nach unter „Ich wollte nie, nie, nie in meinem Leben etwas mit Weltmusik zu tun haben!“). Aber herrje, wenn dies Weltmusik sein soll, dann nur flott her damit! So lasse ich mir dies gerne gefallen. Hatte ich schon erwähnt, dass sich SchnAAk und ZA! in Sachen Habitus, Attitude und Spaßhaben-Wollen einander ähneln wie viereiige Zwillinge? Nö? Konnte man sich aber denken (ein kleines bißchen neidisch bin ich ja jetzt auf all jene, die im Mai zum Primavera Sound Festival Barcelona den Live-Clash zwischen den beiden Bands erleben durften). Was jetzt nicht heißt, dass dies nun gleich klingt. Es klingt teilweise nicht einmal ähnlich. Weil ZA! die Daumenschrauben in Sachen „Wahnwitz“ noch einmal ein paar satte Umdrehungen weiter anziehen. „In Zukunft verwende ich das Wort ‚Eigenständigkeit‘ wirklich wesentlich seltener, versprochen“, so lautete das (verständliche) Fazit des Vampster.com-Kollegen nach dem Genuss dieser 45 Minuten Durchgeknalltheit. Ach ja, eine eigene Genrebeschreibung lautet „Jungle/Koreanischer Pop“. Eine andere „Post World Music“ – womit ich nun wiederum ziemlich gut leben kann. Weil „Megaflow“ genau dieses „World Music“-Ding auf eine Art und Weise belebt, die mit den üblichen Klischees so überhaupt nichts am Hut hat – weder mit dem Kolonialkitsch („Hach, die Brasilianer/dieSchwarzen/die Latinos haben den Rhythmus einfach im Blut!“) noch mit einer One-World-Verklärung. Wobei: Bei dem angeschlagenen Tempo würde dies ja auch gar nicht gehen.

PS: Offenbar feilen SchnAAk ganz aktuell schon munter an neuem Material – zumindest deutete die Johannes Döpping an. Der Hintergrund: Im November wird sich Mathias Jähnig erstmal für ein Jahr in Richtung Namibia verabschieden – der Wissenschaft wegen. Und vorher hätte man schon noch gerne was am Start, musikalisch gesehen. Ich bin gespannt. Noch viel mehr gespannt bin ich auf das ebenfalls angedeutete Vorhaben, den Herrn Döpping möglicherweise mal in Namibia einfliegen zu lassen und dann mit dort auffindbaren Musikern „was zu machen“.

„Wake Up Colossus“ von SchnAAk und „Megaflow“ von ZA! sind auf Discorporate Records erschienen. Beide Bands kann man am 2. Juli auf dem Fusion Festival in Lärz erleben.
http://www.myspace.com/ultraschnaak
http://www.myspace.com/putosza
www.discorporate-records.com

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