Aufreissen & Gefährden

Text: | Ressort: | 23. September 2011

Dear Reader zeichnen sich durch einen hohen Appetit auf Pop-Appeal – im Sinne einer schillernden, perlmutbesetzten Oberfläche, aufgeräumte Sound-Technik und wohldosierte Exhaltiertheit – aus. Sie haben ein Album gemacht, das wieder einmal genau jenes Unspektakel, bzw. jene Nichtsensation, die man ja vom/beim City Slang-Label fast schon erwartet, in Erfüllung gehen lässt.

Natürlich ist mir das Understatement sympathisch. Darum kritisiere ich hier nicht explizit eine Konzentration auf das Eigentliche und das Wesentliche, die natürlich vorzuziehen sind gegenüber einem billigen Effekt, einem leicht zu durchschauenden und vordergründing abgeschmackten Hype, sondern unterstelle, dass man vielleicht etwas zu sehr darauf bedacht war, die Band sound-ästhetisch in den Label-Kosmos einzubetten.

City Slang steht nunmal für traumhafte Produktionen, wunderschöne Laid-Back-Veranstaltungen, riesige Sound-Landschaften und Gourmet-Hörerlebisse. Und jene Art des balladesken Songwriting kombiniert mit leicht anektodischer Popschulen-Klassik goutieren ja auch (wir) die Fans bisweilen. Da möchte ich aber, im Falle Dear Readers „Idealistic Animals“ nicht ganz folgen. Stattdessen klopfe ich nervös auf dieser nonchalanten Edelholz-Gitarre herum und suche angestrengt nach Konstruktionsfehlern bis in die äussersten Spitzen der Maserung.

Denn, wie jene seltsam anektodisch-verschwurbelten Highschool-Poesie-Album-Geschichten hier erzählt werden, das ähnelt frappant dem Charme eines Sofia Coppola-Films. Tragikkomödien sollten einem aber bitte schön schmerzhaft das Lachen im Halse stecken bleiben lassen, – siehe zum Beispiel Denis Arcand – und nicht etwa hochtrabend pseudophilosophisch, cosmo-ethnisch mit dem Mittelfinger drohen, um sich dann doch mit einem plumpen Applaus über ein schiefes Bild, eine schräge Grimmasse zufriedenzugeben.  Das, was Esther Buss ganz treffend im film-dienst (15/2011) über Sofia Copolla schreibt, beschreibt gleichsam ein weiter greifendes Phänomen.

Eines, das sich weissgott nicht ausschliesslich auf den populären Film oder populäre Musik eingrenzen lässt. Aber, es reicht hin, seinen Schatten gleichsam auf das vorliegende Dear Reader-Album zu werfen. Zitat Esther Buss: „Natürlich beherrscht Sofia Coppola die Kunst einer gleitenden, ganz auf Atmosphäre ausgerichteten Erzählung souverän und mit viel Sinn für Lakonie, doch was ihren Filmen gänzlich fehlt, ist eine Form von Widerstand – etwas, das die Oberflächen nicht nur reproduzieren, sondern aufreißen und gefährden würde.“

Aufreissen und Gefährden. Ja, das ist es, denke ich. Das ist das, was hier eben nicht geschieht. Was bei Lambchop, z.B. sehr wohl schon des Öfteren vorkam, was auch bei anderen City Slang-Bands den guten subversiven Nachhall ausmachte. Bei Lambchop war es die leise, aber immer beissende Ironie. Ist bei Dear Reader der Infantilismus als Kunstgriff beabsichtigt, ein Programm?

Wenn die Tracklist sich als Tiernamens-Liste gibt, und darin kein trolliger Missgriff eines Konzeptalbums liegt. Wenn dies vielmehr dem Gesamtkonzept einer sich naiv-oberflächlich gebenden Ästehtik entspringt. Wenn das hier durchkomponiert ist bis in die Cover-Photographie, auf der eine junge Frau sich als unschuldige Dorothy im Zauberland, mit Schultasche und Kuscheltier, inszeniert.

Dann, – ja, dann könnte man es fast glauben.

Dass ein traumhaft designtes, in allen Regenbogenfarben schillerndes Futur-Blumenkleid, nebst ähnlich modern geschnittenem Kurzhaar, die Protagonistin der Cover-Photographie als Dorothy zeigen, die just aus dem Zauberland zurückkehrt. Dass die Spitzen der roten Schuhe absichtlich zusammenticken. Dass das Gesicht die schockhafte Versetzung in eine unwirtliche Umgebung, den Hinterhof einer Blockhütte, die Wäscheleine mit Handtüchern und Tischdecken in Modefarben über frisch gerodetem Waldboden spiegeln soll. Kurz: Dass es keinen Zweifel gibt, das jenes Spiel mit der Unschuld das Thema des Albums ist.

Alles möchte aus einem Guß sein. Das allzu sterile, artige Durchkomponieren und Durchfabulieren erhärtet den Eindruck eines monolitischen Albums nicht. Die einzelnen (Tier-)Track-Namen, wie Fox oder Monkey, erhielten durchgehend Ergänzungen in Klammern. So steht dort: Fox (Take Your Chance) oder Man (Idealistic Animal). Womit wir beim Titeltrack angelangt wären. Düsternis und Schwere des Arrangements machen sofort klar, dass der Mensch einen Problemfall ausserordentlicher Art darstellt. An dieser Stelle muss ich, als aufgeklärter Hörer, natürlich schnell mal schlucken, ob das Album hier nicht gänzlich an dem etwas zu hehren Anspruch zu zerschellen droht, den ich hier, in Anbetracht des Materials und seiner sorgsamen Bearbeitung, unterstelle.

Sterilitäts-Gefahr. Hauchdünn wurde die Leidensbetrachtung, die Hoffnung auf Harmonie gegenüber dem Abseitigen und Schicksalverachtenden, bevorzugt. Dunkle Visionen klingen demnach zwar herauf. Aber, das kommt sehr zartbitter, zaghaft, unbewusst. Das Wilde, das Unbändige, – und vor allem das Unschuldige – kommen  nicht zur Entfaltung. Viele Stellen der Arrangements wirken dadurch etwas zu stark konturiert, ja comichaft überzeichnet. Vielleicht wurde dem Zufall, dem einfachen Herantasten, kurz: dem Experiment, bei der Komposition zu wenig Raum gelassen.

Am glücklisten finde ich, von den überladenen, noch die Tracks, in denen sich alberne Einfälle, lustige Sounds mit Passagen von rhythmischer Ausgelassenheit paaren, wie zum Beispiel in „Bear (Young’s Done In)“. Das erinnert mich zuweilen an grosse Momente auf Victoria Williams-Alben. Was natürlich auch an einer stimmlich ähnlich agierenden Sängerin Cherilyn Macneil liegt. Wobei hier Tragik und Komik sehr wohl gefühlvoll gesetzt, oder sagen wir besser eingesetzt werden, aber nicht – siehe Williams, oder seht meinetwegen zum Vergleich auch noch mal bei Judy Henske & Jerry Yester hin – etwa ursprünglich, und schon gar nicht urgewaltig zum Ausdruck gebracht werden können. Na, gut. Wer erwartet denn immer gleich sowas Grosses? Ich sag’s nur deshalb, weil es halt nahe an was Grossem dran ist. Und Cherilyn Macneil hält ihre Kompositionen narrativ immer eng gefügt und persönlich gefärbt. Billig ist dies beileibe nicht.

So ist zusammenfassend zu sagen, dass Dear Readers starke Momente bestimmt nicht im Gesamtkunstwerk-Konzeptalbum-Overkill – was dann nervt – liegen, sondern sehr viel stärker in den etwas schlichter gehaltenen Stücken – siehe „Fox“, „Giraffe“, oder „Kite“ – aufscheinen. Ähnlich Tiny Vipers letztem tollen Album „Life on Earth“, wird hier auf Percussion verzichtet. Die Stücke gewinnen dadurch enorm an Authentizität. Und verlieren paradoxerweise an Zahmheit. Das Album zeichnet sich durch ein riesiges Potential an Song-Schätzen aus, die jedoch nur im Ansatz ausgelotet und gehoben werden konnten. Viele Passagen bleiben daher Versprechen – aber schillernde!

(City Slang)

www.dearreadermusic.com

Tour:

02/02/12 Leipzig, UT

03/02/12 Berlin, Lido

29/02/12 Lingen, Alter Schlachthof

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