Die PnG-Kinowoche

Text: | Ressort: Film | 16. März 2012

Headhunters

NOR 2011 / R: Morten Tydlum / D: Aksel Hennie, Synnøve Macody Lund, Nikolay Coster-Waldau

Darf es etwas härter sein? Da haben wir uns gerade von den Blessuren in „Haywire“ erholt und nun erleben wir schon wieder eine Hetzjagd auf der Leinwand, die beim Zusehen schmerzt und dabei richtig gut ist!

Roger Brown (Aksel Hennie) ist eigentlich zu klein und unansehnlich für seinen Lebensstil. Doch er hat die Regeln des Spiels erkannt. So führt er ein erfolgreiches Leben als Headhunter, hat eine wunderschöne Frau (Synnøve Macody Lund) und liefert allen, was sie haben wollen – den große Firmen ihre Angestellten und seiner Gemahlin die Galerie.

Wovon allerdings niemand etwas ahnt: Roger ist auch Kunstdieb und hoch verschuldet. Der Tribut für sein Dasein, den er von den Wänden der Villen nimmt. Als der niederländische Geschäftsmann Clas Greve (Nikolay Coster-Waldau) auftaucht, sieht er in ihm die Lösung für alle seine Probleme. Der smarte Geschäftsmann erzählt seiner Frau von einem seltenen Gemälde, das in seinem Besitz ist. Roger macht sich daran, das Schmuckstück aus der Wohnung zu entwenden, muss dabei allerdings feststellen, dass auch seine Frau scheinbar den Besitzer gewechselt hat.

Es entrollt sich eine spannende Hetzjagd mit unerwarteten Schikanen und überraschenden Twists. Stilsicher inszenierte Morten Tydlum den Roman von Jo Nesbø. Produziert wurde der Film von den Machern der „Millennium-Trilogie“. Mit seinem cleveren Drehbuch voll makaberem Witz und Nervenkitzel ist „Headhunters“ ein ähnlich großer Erfolg zu wünschen.

Best Exotic Marigold Hotel

GB 2011 / R: John Madden / D: Judy Dench, Tom Wilkinson, Bill Nighy

Auch das Kino macht sich in letzter Zeit verstärkt Gedanken um die Generation 60plus. John Madden („Eine offene Rechnung“) serviert nun eine exotische Lösung für rüstige Rentner.

Er schickt ein Rudel ältere Herrschaften nach Indien, die dort auf einen Alterswohnsitz in angenehmem Klima und in guter Gesellschaft hoffen. Richter Graham (Tom Wilkinson) lässt sein verhasstes Leben hinter sich, um sich unter der Sonne von Udaipur endlich entfalten zu können. Die Witwe Evelyn (Judi Dench) hofft sich von dem schmerzlichen Verlust ihres Mannes zu erholen, während Douglas (Bill Nighy) und Jean (Penelope Wilton) der britischen Tristesse entfliehen, aber feststellen müssen, dass ihre Probleme ganz woanders liegen. Madge (Celia Imrie) und Norman (Ronald Pickup) sind schlicht einsam und die grantige Rassistin Muriel (Maggie Smith) als einzige unfreiwillig jenseits der Insel, da sie eine neue Hüfte nötig hat. Inmitten der Herrschaften versucht Sonny (Dev Patel) mehr schlecht als recht den Betrieb im heruntergekommenen Best Exotic Marigold Hotel am Laufen zu halten.

Dank der traumhaften Besetzung, die ihren charmanten Figuren über die ein oder andere Kitschklippe hinweg helfen, ist diese britische Komödie nicht weniger als das, was die Einführung von Curry in die englische Küche bedeutet hat: ein Schuss Würze. Ein glücklich machender Rausch der Sinneseindrücke, der uns auch im Kinosessel in seinen Bann zieht.

Contraband

USA 2011 / R: Baltasar Kormákur / D: Mark Wahlberg, Kate Beckinsale, Ben Foster

Glaubt man dem Kino, ist ein ehrliches Leben für ehemalige Straftäter schlicht nicht möglich. Der Isländische Regisseur Baltasar Kormákur („101 Reykjavik“) tritt in seiner ersten Hollywoodarbeit erneut den Beweis an.

Nein, Marky Mark spielt jetzt nicht Kontrabass in einer Jazzband. Der Begriff „Contraband“ bezeichnet im Altenglischen illegale Ware, deren Weiterverkauf strafbar ist – kurz Schmuggelgut. Im Schmuggeln ist Chris Farraday (Mark Wahlberg) mehr als gut. Trotzdem hat er vor einiger Zeit den lukrativen Job an den Nagel gehängt und lebt ein langweiliges, aber ehrliches Leben mit Frau und Kind. Es kommt, wie es kommen muss – wie vieles in diesem zu Beginn recht trägen Thriller. Ein Familienmitglied zwingt ihn zurück in sein altes Metier und auf den Kutter seines im Knast sitzenden Vaters. Dort soll er mehrere Tonnen Blüten aus Panama für den Export in die Staaten verstecken. Wenn Kormákurs Remake des von ihm produzierten „Reykjavík Rotterdam“ in See sticht, wird eine actiongeladene Überfahrt aus dem Familiendrama mit sozialen Untertönen, die etwas zu geradlinig daherkommt, aber dennoch gut unterhält. Für die stereotype Synchronisation gehört der Verleih allerdings über die Planke geschickt.

The Turin Horse

HU, F, D, CH 2011 / R: Béla Tarr / D: János Derzsi, Erika Bók

Béla Tarr ist wohl der schwerfälligste Filmemacher des kontemporären Kinos. Obwohl es sicherlich reizvoll wäre, seine Version eines Hollywood-Blockbusters zu sehen, riskieren wir mal besser nichts und gönnen ihm den Abgang in den Regisseursruhestand. Vorher lässt er es aber noch einmal richtig…äh…krachen.

Draußen tobt der Sturm. Eine schwache Flamme wirft ein flackerndes Licht auf zwei fahle Gesichter. Immer wieder derselbe ermüdende Tagesablauf. Immer wieder die eine Kartoffel zum Mittag. Das Schweigen. Der Sturm.

Es lohnt sich, eine gewisse Geduld mit zu bringen, bei den Filmen des ungarischen Autorenfilmers. Wobei diese am Ende nicht unbedingt von einer überraschenden Storywendung belohnt wird. Überhaupt ist die Geschichte in Tarrs Filmen eher den Bildern untergeordnet. Dialoge gibt es kaum und im vorliegenden zwölften Langfilm des Meisters nur ein getragenes, stetig wiederkehrendes Musikstück. Warum man sich „Das Turiner Pferd“ trotzdem anschauen muss? Weil es niemandem sonst im Gegenwartskino gelingt, eine Atmosphäre aufzubauen, die sich dermaßen nachdrücklich in die Physiognomie brennt. Weil einem auch ein Jahr nach der Auszeichnung mit dem Silbernen Regiebären auf der Berlinale die Erinnerung an das Innere der Hütte in den Karpaten die Kehle zuschnürt. Weil die schwarzen Bilder von grausamer, majestätischer Schönheit sind. Eben weil man sich den Filmen Béla Tarrs unmöglich entziehen kann. Es sei denn, man schließt die Augen und pennt weg.

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