Ein irrationales Mosaik – eine skizzierte Suche nach Wahrhaftigkeit

Text: | Ressort: Literatur | 7. Oktober 2012

Manchmal reicht es einfach nicht, eine ganz normale Rezension zu schreiben…

„Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ von Nico Paech ist ein Buch, das jeder lesen sollte.[1]
Dieser Satz war die Rezension. Was folgt, sind notwendige Ableitungen meiner Rezension.

Nico Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

Oekom Verlag, 14.95€

1. Ableitung
Man kann langsam davon ausgehen, dass unser System früher oder später kollabieren wird. Man spürt das. Und es löst ein diffuses Gefühl aus. „Keine demokratisch gewählte Regierung eilt einem gesellschaftlichen Wandel voraus, sondern immer nur hinterher, um kein Risiko einzugehen“, schreibt Nico Paech. Von der Politik ist also nicht zu erwarten (falls das jemand vorhatte). Nico Paech schafft es in seinem neuen Buch, ein dichtes Beziehungsgeflecht zwischen Psyche, Handeln und dem wirtschaftlichen System zu zeichnen. Hauptsächlich geht es um die gelebte Maßlosigkeit, die sich im Wachstums-Gedanken manifestiert. In einer Epoche, in der man meint, durch Rationalismus alles kontrollieren zu können, fragt man sich langsam, was wir mit unserer Vernunft eigentlich unterstützen. Bei Max Weber heißt es: „Man kann ferner jedes dieser Gebiete unter höchst verschiedenen letzten Gesichtspunkten und Zielrichtungen rationalisieren und was von einem aus rational ist, kann, vom anderen aus betrachtet, irrational sein.“ Was passiert hier, dass wir den Rationalismus als fragwürdigen Schutzschild verwenden?

2. Ableitung
Was hat Uwe Tellkamp gerade im ZEIT-Interview gesagt? „Das Geld ist irgendwann weg. Die Nahrungsmittel kommen nicht mehr aus dem Supermarkt. Dann beginnen wieder die elementaren Verteilungskämpfe. Dann, denke ich, wird es wieder marodierende Banden geben. Das ist meine Angst. Und das ist auch die Grundfurcht, die ich hier bei vielen sehe.“

Wie schützen wir uns davor? Durch Abkehr. Die substanzlose Betäubung führt nur dazu, den Moment der Klarheit zu verschieben. Die diffuse Angst ist präsent, aber nicht gegenwärtig. Wir sind um Unabhängigkeit bemüht (die Nico Paech treffend als Trugschluss entlarvt). Wir misstrauen gerne, weil es einfach ist. Das zeigt sich schon in der breiten Abdeckung mit Konsumgütern. Wir besitzen, was wir brauchen. Wir besitzen auch, was wir nicht brauchen. Bei Nico Paech heißt es: “Dadurch ließe sich die schwer zu ertragende Bürde des Wartens, Fragens, Verhandelns, Arrangierend, Bittens, Teilens oder gar eines vorübergehenden Entsagens tilgen.“ Wir verwenden jedes verfügbare Mittel, um den Schein zu wahren, um uns weiter einreden zu können, dass alles halbwegs intakt ist. In Thomas Melles „Sickster“ gibt es eine bezeichnende Stelle: “Dieses Sich-nicht-Eingestehen, dasz etwas total falsch läuft, dasz etwas von Grund auf neu überdacht und umgeworfen und anders gemacht werden müszte – das ist uns allen gemein. Anstelle dessen: die ewige Betäubung. Und das Flüchten von einer Beziehungs-Simulation in die nächste. Anstatt, dasz jeder sich selbst ins Gesicht schaut und zu erkennen versucht, was da grundsätzlich falsch läuft, versucht man jede krummen Augenblick noch weiter umzubiegen, in eine taube, ins Hysterische neigende Fröhlichkeit hinein,…“
Und das nennt man dann wohl Rationalität.

3. Ableitung
Die Kunst der Reduktion? Ich musste beim Lesen immer wieder an „Der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus denken. Darin gibt es ein Kapitel, das mit „Maß und Maßlosigkeit“ betitelt ist. Und das ist sehr aktuell. “Jedes kollektive Handeln, jede Gesellschaft setzt eine Disziplin voraus; ohne dieses Gesetz ist das Individuum nur ein Fremdling, der vom Gewicht einer feindlichen Gemeinschaft niedergebeugt wird.“ Die Gesellschaft braucht auch, was Nico Paech für die Wirtschaft fordert: Transparenz, Empathie und Interessenkongruenz (wobei es eine ausgeprägte Form des Selbstbetrugs ist, wenn man sich die Existenz von Interessenkongruenz ausredet). Bei Camus steht: “Weder ist das Wirkliche voll und ganz rational noch das Rationale voll und ganz wirklich.“ Die rationale Weltsicht ist auf das beschränkt, was nicht unbequem ist. Und wir sollten uns langsam aufrichtig damit auseinandersetzen, ob Bequemlichkeit gerade so viel Sinn macht.

Wir können der eigenen Einsamkeit mit Maßlosigkeit begegnen. Aber wir könnten auch nachdenken. Fliehen wir nicht ständig, weil wir von Angst getrieben sind? Kommt die Angst nicht auch daher, dass wir spüren, welchen Irrsinn wir betreiben? Wann sind wir endlich müde davon, nur Darstellen zu müssen? Und wann sind wir müde, uns immer von uns selbst abzulenken? Was Vernunft genannt wird, ist Trance. 2016 schaffen wir es doch sowieso, die Neuverschuldung auf Null zu drücken, hat Schäuble gesagt.
Wollen wir die Neutralität behalten, um nicht erdrückt zu werden? „Atmen heißt urteilen“, steht in „Der Mensch der Revolte“. Aber das wollen wir nicht. Eigentlich ist es so, dass wir alle seltsame Pillen schmeißen, immer mehr, weil Entzug ein Eingeständnis ist, und weil uns eine Überdosis vielleicht vor dem kommenden Cold Turkey schützt.

PS: vorerst letzte Ableitung
Hermann Hesse schrieb: “Für die Vernunft und Logik gibt das Leben weder Anlass zur Freude noch zur Trauer. Wohl aber können wir den Wert, das Leben und den Sinn unserer »Stimmungen« tüchtig verderben, wenn wir sie alle der Vernunft unterstellen wollen. Man sieht es am besten am Beispiel der Liebe. Wer hat je aus Vernunft oder aus Willen geliebt? Nein, die Liebe erleidet man, aber je hingegebener man sie leidet, desto stärker macht sie uns.“
Das Mädchen, das ich liebte, war sehr en vogue, als sie mich nach einigen Tagen mit den Worten verließ: „Wir dürfen uns jetzt nicht ineinander verlieben, sonst verlieren wir die Kontrolle.“ …Wir haben die Kontrolle längst verloren, Hübsche. Aber wir können sie gemeinsam zurück gewinnen.

Joshua Groß


[1] Das Buch ist Kritik und Aufruf:
“Wer im 21. Jahrhundert nicht einmal in der Lage ist, sein eigenes Leben im Hinblick auf globale Übertragbarkeit zu reflektieren, kann niemals zur nachhaltigen Entwicklung, geschweige denn zur Postwachstumsökonomie beitragen.“
Und was ist diese Postwachstumsökonomie?
“Folglich geht es darum, die Kunst der Reduktion als veritables Gestaltungsprinzip zu rehabilitieren – sowohl bezogen auf die Gesellschaft insgesamt als auch auf den eigenen Lebensstil. Demnach ist eine Postwachstumsökonomie in erster Linie kein Unterfangen des zusätzlichen Bewirkens, sondern des kreativen Unterlassens.“

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