The Gaslight Anthem – Handwritten

Text: | Ressort: Allgemein, Musik | 16. Oktober 2012

Freund Andreas „Kanzler“ Kohl prägte vor vielen Monden einmal einen sehr schönen, weil trefflichen Satz (ich glaube, es war irgendwie im Kontext von Idlewild). Sinngemäß ließ er da verlauten: Die kann ja offenbar jeder leiden, da können sie ganz gut auf meine Zuneigung verzichten. Ein Aussage, die mir gerne mal in den Sinn kommt. Aber selten derartig offensiv wie im vorliegenden Falle: The Gaslight Anthem scheint allumfassender Konsens zu sein. Die Band, auf die sich alle einigen können. Und ich? Und ich kann mir „Handwritten“ am Stück einfach nicht anhören. Nun mag „45“ als Opener noch hingehen, auch wenn ich irgendwie das Gefühl nicht los werde, dies alles schon mal in besser, weil unverbrauchter gehört zu haben (ohnehin ein Sache, die mich durch diese ganze Platte begleitet hat). Und ich bin auch bereit einzuräumen, dass The Gaslight Anthem mit dem Titelsong an Stelle 2 ein zwingender Smasher gelungen ist, den ich jetzt nicht sofort aus meiner Playliste schmeißen würde. Auch wenn sich das Ganze selbstredend keinen Millimeter aus dem sicher erkundeten Terrain von Emo-Einschmeichelei, Stadionrock-Massenkompatibilität und Springsteen‘schem Working Class-Pathos herausbewegt – aber „Handwritten“ zeigt zumindest, was mit ein bißchen Investition ins Songwriting möglich gewesen wäre. Auch wenn die Leadgitarre nervt. Aber herrje, dies tut sie die ganze Platte lang. Also was soll‘s.

Nur: Dies ist eher ein Ausrutscher. Ansonsten – dies muss ich leider so sagen – rult Biederness okay. Die folgenden „Here Comes My Man“ und „Mulholland Drive“ sind in erster Linie ziemlich schlappes Geriffe. Adult oriented rock im 2012er Format. Bis hin zur Radiokompatibilität – vom Stadion wollen wir gar nicht erst anfangen, weil The Gaslight Anthem in dieser Richtung ohnehin keine Berührungsängste haben. Trotzdem: Muss es wirklich so simpel und auf schmerzlichste Art und Weise vorhersehbar sein? Die Simulation von Härte, Schwung und Drive. In irgendeinem Forum (ich glaube im Intro-Kontext) hat sich ein alter Hardcore-Kämpe darüber erbost, dass The Gaslight Anthem allen klassischen HC-Attitudes diametral entgegen stehen würden (sinngemäß). Wobei es für ihn wohl in erster Linie um den Kreationismus von Sänger Brian Fallon geht, was mir persönlich erst einmal herzlich egal ist. Ehrlich gesagt: Wegen mir kann er glauben, was er will, wenn er dabei nicht den allwissenden Propheten mimt und/oder aus seinem Glauben die irrige Annahme ableitet, etwas ausdrücklich Besseres als ein x-beliebiger „Ungläubiger“ zu sein. Da brummt ein Höchstmaß an Toleranz in mir (weswegen ich mich auch mit diversen Haudrauf-Kritiken bei offenkundig spirituellen und religiösen Attitudes so gar nicht anfreunden kann). Und wenn mich meine Erinnerung an Hardcore im offenkundig angesprochenen Zeitraum so vor 20 Jahren nicht trügt, war diese Zapp‘sche Maxime „Hardcore is more than music“ auch leider eher eine Art Wunschdenken – zumindest wenn ich an diverse schwer ausgeprägte Patrioten mit Hang zum Nationalismus denke, die in den einschlägigen Ami-HC-Bands unterwegs waren.

Dennoch scheint mir die Erbostheit richtig – aus musikalischen Erwägungen. Hardcore als Style hatte ja irgendwie mal den Anspruch, Intensität, Kraft, Energie, Härte, Martialität, Ungezügeltheit, Wucht bis hin zur rohen Gewalt zu transportieren. Nun mag man dazu stehen, wie man will – allerdings muss man The Gaslight Anthem bescheinigen, der entsprechenden Musik diese Attitudes gründlichst ausgetrieben zu haben. Da findet sich nicht mal mehr in mikroskopisch kleinen Mengen etwas von Intensität, Kraft, Energie, Härte, Martialität, Ungezügeltheit, Wucht bis hin zur rohen Gewalt. Es ist ein Jammer. Für mich. Um so mehr, da mittendrin mit „Keepsake“ ein Tränenzieher kommt, der eine mit den einfachsten Grundrechenarten so ausrechenbare Offensichtlichkeit an den Tag legt und damit alles vorherige (und folgende) noch einmal entscheidend toppt – grrr, daran komme ich einfach nicht vorbei. Spätestens wenn die Mundi wimmert (also so nach 20 Sekunden), ist der Ofen bei mir aus. Sorry. Tut mir leid. So etwas Abgeschmacktes mag ich nicht hören. (Mercury)

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