Yeasayer – Fragrant World

Text: | Ressort: Allgemein, Musik | 16. Oktober 2012

Yeasayer haben sich endgültig freigeschwommen. Finde ich. Von den schwersten Erwartungshaltungen, die spätestens seit „Odd Blood“ auf der Band abgeladen wurden. Zukunft der Popmusik und so. Auf „Fragrant World“ klingen Chris Keating, Ira Wolf Tuton und Anand Wilder rundweg so, als wäre ihnen dieses ganze Gequatsche schlicht gleichgültig gewesen (bzw. als hätten sie es überhaupt nicht zur Kenntnis genommen). Eine grundsympathische Einstellung, die Möglichkeiten eröffnet. Zum Beispiel die Möglichkeit, nicht einfach nur zu repetieren, was andere von einem erwarten. Hits oder so, was ja dann auch entsprechend wortreich in diversen Reviews dargelegt wird. Und was ich persönlich nicht so ganz nachvollziehen kann – vermutlich liegt dies aber daran, dass ich irgendwie eine andere Definition von „Hit“ habe (ich finde auch auf einer Platte von – sagen wir mal – Don Vito immer meine Hits) und in eben solchen Stücke wie „Reagan‘s Skeleton“, „Demon Road“ oder „Damaged Goods“ (um mal meinen persönlichen Lieblingspart anzubringen) ich diese Definition aber mal so etwas von erfüllt finde. Ich könnte gar nicht genug bekommen von dieser Musik. Von diesen Sounds, diesen Melodien, von dieser Stimme. Von diesem „All Hell Is Gonna Break Loose/When You Find Out What I‘m Into“ und dem „Demon Road, Demon Road/Make Me Feel Hopeful/Come Change My Tone/Take Me Home, Please“, mit dem mich Chris Keating dank seiner unvergleichlich warmen und intensiven Stimme (die btw. auch allen Autotune- und sonstigen Entfremdungseffekten in Sachen Emotionalität mühelos trotzen kann) auf einen feinen Sehnsuchtstrip mitnimmt. Von dem „Oh Henrietta/We Can Live On Forever“. Vielleicht ist dieses Sehnsuchtsmotiv das zentrale Bild, das sich für mich aus „Fragrant World“ herausschält. Eine Sehnsucht, der ich mich zu gerne anschließe – auch wenn es um etwas gehen mag wie „eine ein bißchen bessere Welt“, was ja gerne mal als etwas„kitschig“ wahrgenommen wird. Mir persönlich vollkommen unverständlicherweise; was an ein wenig mehr an Respekt und Rücksichtnahme, an Toleranz und Emphatie, an Selbstreflektion und Weitblick schlecht sein soll, erschließt sich mir einfach nicht. Muss ja auch mal gesagt werden.

Wer dahinter jetzt ein ausgeprägtes Hippietum vermutet, liegt aber mal so etwas von richtig. Natürlich agieren Yeasayer als moderne Hippies. Als moderne Hippies, die sich mit eben diesen Sehnsuchtstrip abkoppeln wollen von der „Normalität“, vom geregelten Gang der Dinge. Immer mit den Seltsamkeiten, Absurditäten und Zufälligkeiten im Blick, die der scheinbar geregelte Gang der Dinge permanent mit sich bringt. Siehe die Geschichte von Henrietta Lacks, über deren Unsterblichkeit sich bitte jeder gerne selbst informieren möge (wozu ist schließlich das Internet da?). Und als moderne Hippies, die sich eben nicht als Teil einer sich stetig durchökonomisierten Welt begreifen wollen – sondern als Outsider, die mit Freude und Genuss zu diesem Outsidertum als Lebensinhalt stehen. Das Coole an Yeasayer ist dabei nicht einmal diese Einstellung, die wird ja durchaus von vielen Menschen geteilt, auch wenn sie eher selten so öffentlichkeitswirksam im Vordergrund stehen. Das Coole ist, dass sich diese Einstellung nicht zwingend mit einer Vorstellung von Antimoderne paart. Moderne Hippies eben, die es lieber mögen, mit Beats und Sounds zu experimentieren als am Lagerfeuer die Akustische zu bemühen. Die keinerlei Berührungsängste haben zu etwas, was man gemeinhin als Mainstream bezeichnet. Die das Visionäre einer Aaliyah ebenso erkennen wie die Sexyness von Sub-Bässen. Nein, ich habe nicht das geringste Problem damit, dass Yeasayer die Gitarren meistens ganz im Regal lassen (oder zumindest soweit verfremden, dass sie nicht mehr dem klassischen Gitarren-Klangbild entsprechen). Was aber wohl daran liegt, dass ich vor vielen, vielen, vielen Monden damit aufgehört habe, die Instrumentierung von Musik als Qualitätsmerkmal misszuverstehen. Ich finde es viel mehr interessant, wie sich diese Band freigeschwommen hat – mit der zunehmender Bandbreite an Möglichkeiten und Optionen in Sachen Sound und Klang. Und damit von „All Hour Cymbals“ über „Odd Blood“ bis hin zu „Fragrant World“ Platten veröffentlicht hat, die immer im Hier und Jetzt funktioniert haben (und dies auf ihre jeweils unterschiedliche Art und Weise auch nach wie vor tun) und dabei stets alle Türen weit aufgesperrten – in Richtung Weltmusik und Mainstream-Pop, in Richtung R‘n‘B und Elektronik, ohne Angst und Muffensausen (ich persönlich muss ja beispielweise bei „Reagan‘s Skeleton“ wahlweise an Eurodance – oh yeah! – und Alphaville denken). Die immer wieder bemerkenswerte Leistung von Yeasayer ist es, dabei nie die Balance zu verlieren. Da ziehe ich nur zu gerne den Hut. (Secretly Canadian/Mute)

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