Tintin in der Interzone

Text: Manuel | Ressort: Kunst, Literatur | 19. Dezember 2012

Ein riesiger, rot-weiß gesprenkelter Pilz ragt vor Tim und seinem treuen Gefährten Struppi in die Höhe. Sie befinden sich in der Arktis, auf einem Meteoriten, der aus dem All ins Meer gestürzt ist…merkwürdige Dinge scheinen dort vorzugehen…

Die Szenerie stammt aus dem zehnten Tim und Struppi-Band „Der geheimnisvolle Stern“, und es ist die einprägsame Musterung der merkwürdigen Pilze, die auch immer wieder in „X“ und „Die Kolonie“, den ersten beiden Teilen des neuen Comiczyklus von Charles Burns zitiert wird. Nur dass sie dort Eier ziert, große seltsame Eier, und Doug, der Protagonist, dessen Haartolle derjenigen von Tim so verdächtig ähnelt, eher den Eindruck macht, als hätte er sich die bizarren Space-Pilze aus den Tim und Struppi-Band geradewegs einverleibt. Was in seinem Fall einen besonders üblen Trip zur Folge hat…

Charles Burns, bekannt für seinen Coming of Age-Horror „Black Hole“, taucht erneut in die Gedankenwelt eines adoleszenten Heranwachsenden ein, und was er dabei zu Tage fördert, ist wie erwartet alles andere als erbaulich. „X“ und „Die Kolonie“ kommen optisch im Vergleich zu den harten Schwarz-Weiß-Zeichnungen aus „Black Hole“ zwar erst mal recht farbenfroh daher, und Burns’ der „ligne claire“ Hergés seine Aufwartung machender Zeichenstil scheint ebenfalls positivere Assoziationen zu wecken, aber man täte als Leser gut daran, sich davon nicht allzu sehr täuschen zu lassen – denn Burns’ neue Werke stehen der surrealen Albtraumhaftigkeit ihres gefeierten Vorgängers in nichts nach, im Gegenteil: Die bösartig schillernden Visionen ihres Schöpfers erscheinen in grellen Farben umso verstörender.

Ich wache auf und weiß nicht, wo ich bin

Ende der 1970er-Jahre, die Punk-Phase. Doug liegt im Bett. Er vegetiert fiebrig im dunklen Keller seiner Eltern herum, schluckt Schmerzmittel, verlässt nie das Haus. Er trägt den alten Bademantel seines Vaters, an seiner Schläfe klebt ein x-förmiges Pflaster. Der Leser erfährt nicht, welche Umstände Dougs beklagenswertem Zustand zugrunde liegen, vielmehr noch, Doug scheint es selbst nicht so richtig zu wissen. Ständig wird er von Erinnerungen heimgesucht: Wie er, mit einer leicht veränderten „Tim“-Maske und Tonbandgerät als „Nitnit“ vor Publikum burroughs’sche Gedichtfetzen rezitierte. Wie er seinen Vater im Krankenhaus besuchte, dem es immer schlechter zu gehen schien. Wie er Sarah kennenlernte, die rätselhafte Polaroidbilder von sich selbst in Bondage-Pose schießt, und sich in sie verliebte… aber damit nicht genug: Denn Doug wird auch von Halluzinationen geplagt, in denen er eine endzeitliche Zwischenwelt durchstreift, in der seltsame Echsenwesen hausen, und in deren Straßen es nur nach fauligem Fleisch und Verwesung riecht. Dann gibt es da noch überall diese rot-weiß gesprenkelten Eier, die in einem überdimensionierten Bienenstock ausgebrütet zu werden scheinen…

So könnte man das Geschehen in „X“, welches in „Die Kolonie“ seine Fortsetzung findet, zusammenfassen. Oder auch nicht, denn der Leser sieht sich hier einem kunstvollen Mosaik gegenüber, welches sich durch jedes erneute Lesen allerdings immer klarer zusammensetzt, ohne dass man es je endgültig zu fassen kriegen könnte. Burns verwebt die unterschiedlichen Erzählstränge kunstvoll ineinander, Gegenwart und Vergangenheit, Realität, Halluzination und Fiebertraum vermischen sich; mitunter wird die Geschichte auch auf Metaebenen, in Comics im Comic, auf Polaroidbildern, weitererzählt, und jede Erzählebene scheint Elemente der jeweils anderen aufzugreifen, mal auf offensichtliche, mal auf völlig verzerrte Weise – das Ergebnis ist ein faszinierend fremdartiges Puzzle endloser Assoziationen.

Himmel erleuchtet, Funkeln der Lagune, in die Matratze kopulierende Käfer

Neben Hergés „Tim und Struppi“, auf dessen Abenteuer immer wieder angespielt wird (Struppi tritt etwa in Form einer schwarzen Katze namens Inky auf), ist es vor allem William S. Burroughs, dem Burns hier seine Ehrerbietung erweist – die Traum/Halluzination-Sequenzen sind stark an Burroughs Vorstellung der „Interzone“ aus „Naked Lunch“ angelegt: Eine verschlungene, molochartige, arabisch anmutende Stadt, in der verschiedene echsenartige Kreaturen hausen und ein ständiger Geruch nach Abfall, verdorbenem Fleisch und Kot in der Luft hängt; Maden, Parasiten und allerlei ekelhaftes Getier scheinen hier allgegenwärtig zu sein. Und nicht zu vergessen die Prozesse, die damit assoziiert werden… einnisten, schlüpfen, ausscheiden, verwesen, faulen…

Wie Burns diese Einflüsse bündelt, mit der Lebenswelt seines um die zwanzig Jahre alten Protagonisten verknüpft, und zugleich ein faszinierendes Bild jenes seltsamen Schwebezustands zwischen Jugend und endgültigem Erwachsensein zeichnet, bei dem das Dunkel und der Zweifel immer ganz dicht unter der intakten Oberfläche brodeln, ist beeindruckend, die Eleganz mit der er es tut, verblüffend.

Every man has inside himself a parasitic being who is acting not at all to his advantage“, sagte William S. Burroughs einmal. Charles Burns würde ihm zweifellos zustimmen.

Charles Burns: X

Reprodukt-Verlag (ISBN 978-3-941099-93-7)

18,- Euro

Charles Burns: Die Kolonie

Reprodukt-Verlag (ISBN 978-3-943143-18-8)

18,- Euro

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