Ein Jahr: Was 2012 mit mir machte Part 3

Text: | Ressort: Allgemein, Diary, Musik | 27. Januar 2013

Auf in den dritten Teil des rein subjektiven Jahresrückblicks auf 2012 (die ersten beiden Teile hier und hier). Und natürlich gab es auch im letzten Jahr wieder den Konsens. Die Musik, auf die sich alle einigen können wie etwa auf alt-j (interessanterweise gibt’s dies auch zunehmend im elektronischen Kontext).In diesem Sinne schauen wir also mal auf eben diesen Konsens, aber auch auf die ebenso konsensbelegte Tatsache, dass sich House im klassischen Style erneut einen famosen Jahrgang genehmigte – immer unter dem Aspekt der Langstrecke, wohlgemerkt. Ich bin nun mal eher Album-fixiert. Und sehe auch gar nicht ein, warum ich dies ablegen sollte. Kann man doch viel besser mit seinen Lieblingen kommunizieren, wenn man über mehr als nur einen Song spricht. Und von einem Liebling wie Malcolm Middleton kriege ich eh nie genug. Und – zum Abschluss – noch etwas Schmackhaftes: Kraut never die. Die x-te. Mit Stabil Elite.

Der Konsens

Alt-J – An Awesome Wave (Infectious)

Die Platten, auf die sich alle einigen können. Die in jeder Liste auftauchen. Die jedem gefallen. Alt-J haben mit „An Awesome Wave“ so ein Ding rausgehauen, das angefangen von den Nerds bis hin zum Feuilleton mit hohem Genuß goutiert wird (bis hin zur Preiswürdigkeit). Mit Recht, muss ich mich da (leider – eigentlich will man ja bei höchstmöglicher Einigkeit mit Macht wider dem Stachel löcken, wie es beispielsweise Pitchfork-Autorin Laura Snapes getan hat – allerdings tat sie dies aus Gründen, die ich nun wiederum nicht nachvollziehen kann) anschließen: Das hat schon eine Menge Charme. So im Sinne einer gewissen unprätentiösen Erscheinung, hinter der sich allerdings eine Menge Aufregendes verbirgt. Und wenn sich mal wieder eine Band aufmacht, am praktischen Beispiel zu beweisen, dass es weder bei Analog noch bei Digital in emotionaler Hinsicht Reibungsverluste geben muss, finde ich dies immer grundsätzlich gut. Auf dass dieses Gequatsche von der „seelenlosen Computermusik“, das man sich immer noch eine Spur zu häufig anhören muss, endlich einmal aufhören möge. Wenn‘s allerdings um einen weiteren Konsens geht, kann ich in das allgemeine Lobhudeln nicht so recht einstimmen: Ich halte „The Coexist“ von The XX in der Tat für nicht mehr als ein solides Follow-Up. Meine Platte des Jahres ist das nicht, aus einem schlichten Grunde – es bleibt ums Verrecken nix hängen. Es ist wie verhext, ich habe mir „The Coexist“ wenigstens ein Dutzend Male angehört und währenddessen mag ja wirklich alles gut sein, aber übrig bleibt nicht mal eine schwache Erinnerung. Kein Schimmer. Nix! Schade, aber wahr.

It‘s House-Music!

John Talabot – fin (Permanent Vacation)

Noch so eine Sache, die ein bißchen sprachlos gemacht hat. House war ja niemals wirklich weg (wie alle anderen Styles auch), aber 2012 ist es endlich mal aber so etwas von back. Back on the top. Mit Platten, die mich so richtig gerockt haben – mit Lindström und Dave Aju, mit Jacob Korn und map.ache, mit Erdbeerschnitzel und Nina Kraviz, mit Ricardo Villalobos und Âme. Über allem thront – dies muss auch mal so gesagt werden – irgendwie „fin“ von John Talabot aka Oriol Riverola. Auch so ein Konsens-Ding, die Platte, auf die sich alle einigen können und wieder einmal völlig zu Recht. Um so mehr, da der gute Mann auf der langen Distanz es schafft, weit, weit, weit über den Schatten seiner Hits wie „Sunshine“ zu hüpfen. Und damit – by the way – nachhaltig zu unterstreichen, dass es da um viel mehr geht als um pure balearische Partystimmung. Wobei – und auch dies ist wirklich hochgradig erfreulich – John Talabot auch diese Komponente von House nicht aus den Augen verliert, das hedonistische Element, das Prinzip der Ekstase. Neinnein, es geht nicht um das Prinzip elektronisch-analoger Verkopfung (denn John Talabot scheint doch anständig auf analoge Gerätschaften zu setzen), eher schon um die Erweiterung des klassischen House-determinierten Dancefloor-Dings um durchaus naheliegende Styles. Techno, Psychedelic, Entschleunigung, ein bißchen Melancholie und natürlich Pop. Fett. Echt fett und zwar durchweg auf der gesamten Distanz. DAS ist wirklich richtig beeindruckend. Und die Münchner Permanent Vacation – die gute Adresse für House, siehe auch Wolfram, Roisin Murphy oder unsere local Buddies Good Guy Mikesh und Filburt – sollte man ohnehin immer auf dem Schirm haben.

Liebling forever

Human Don‘t Be Angry – Human Don‘t Be Angry (Chemikal Underground)

Es gibt Menschen, die für immer ein Plätzchen in meinem Herzen haben werden. Ein Musiker, der wegen mir seine Stücke auch auf dem Kamm blasen könnte, ist Malcolm Middleton. Spätestens seit dem Arab Strap‘schen Meisterwerk „Philophobia“ bin ich diesem rothaarigen Kerl verfallen, seinem gnadenlosen Hang zur Selbstzerstörung, zum Eigenhass, zum Sarkasmus, zur schlechten Laune, zum sexuellen Verdruss. Dies alles ist vermengt mit der beneidenswerten Fähigkeit, eben diesen Hang auf wunderbare Weise musikalisch zu kanalisieren – ganz gleich, ob im Kontext mit Buddy Aidan Moffat, ob als Solomusiker oder ganz aktuell in seiner Inkarnation als Human Don‘t Be Angry. Selbstredend hat sich die funkelnde kleine Perle, die da 2012 via Chemikal Underground (wo eigentlich sonst?) erschienen ist, tief in mein dunkles Herz geschlichen. Nicht mal, weil Middleton hier tatsächlich mal eine (musikalische) Variation seiner Persönlichkeit wagt, sondern eher wegen der ebenso existenten Konstanten. Wegen dem Sarkasmus und der Selbstzerstörung, wegen dem finster schwarzen Humor, wegen allgemeiner Malcolm Middleton-haftigkeit. Weiter so, Freund der schlechten Laune! Ich werde immer dabei sein.

Stabil Elite – Wir Kommen Aus (Official Video) from ITALIC Recordings on Vimeo.

Schmackhaftes Kraut

Stabil Elite – Douze Pouze (Italic)

Wer ist eigentlich schuld? Mouse On Mars? Stereolab? To Rococo Rot? Julian Cope? Ach schnuppe, es ist gut, dass das Prinzip „Kraut“ in all seiner Schwammig- und Vielschichtigkeit als musikalische Stilkomponente anscheinend mauerfest verankert ist in der aktuellen Pop-Rezeption. Yo. Kosmische Musik, Psychedelic, Elektronik, Repetition – alles ganz feine Dinge. Die können gar nicht genug rumkommen. In diesem Sinne war 2012 mit Sicherheit genauso ein „Kraut“-Jahr wie 2011 (wofür beispielsweise das konstant segensreiche Schaffen des wunderbaren Bureau B-Labels verantwortlich zeichnet) – allerdings war das Thema ein bißchen mehr als sonst in aller Munde. Wegen Düsseldorf. Hahaha! Klar, Düsseldorf! Von dort kommen Stabil Elite, die via „Douze Pouze“ eine gewichtige Facette des Krautrock höchst gekonnt und ebenso öffentlichkeitswirksam platziert haben. Mit all seiner kosmischen Seltsamkeit, seinem psychedelischen Schwingen, seiner latenten Verrücktheit im wörtlichen Sinne (verrückt von der Normalität). Dass Bandmitglied Nikolai Szymanski gleich noch als Fanta Dorado und Der Innere Kreis eine zweite, fantastische Platte nachgeschoben hat, die in Sachen Verrücktheit gar noch ein kleines bißchen weitergeht, ist beinahe ein wenig untergegangen – deswegen der explizite Hinweis. Und wer immer noch nicht genug hat (und wer es auch noch ein deutliches Stückchen lärmiger mag), kann sich ja vielleicht mal mit Camera beschäftigen (Bureau B sei Dank). Um nur mal ein wenig an der Oberfläche zu kratzen. Ach ja – Mouse On Mars waren auch gleich noch mit zwei Platten am Start. Wobei ich da allerdings vorsichtig wäre, diese simpel auf das Prinzip „Kraut“ zu reduzieren …

So, in der vierten Runde soll’s um Haltung (yes!), Fantum (nochmal yes!), um das Schöne im elektronischen Klang und die inzwischen permanent gewordene Präsenz von Gothic-Attitudes (außerhalb der Szene der üblichen Verdächtigen selbstredend). Rock on!

Fotos: Bandpage

p.

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