Im Banne des Schlüpfrigen: Highfield – Pt. 2

Text: | Ressort: Diary, Musik | 27. August 2013

Für Bands ist es nicht immer eine feine Sache, wenn man zu einem Symbol geworden ist. Zu flott wird man lediglich als solches wahrgenommen und nicht mehr als Band, die neben dem Symbolsein auch so etwas wie Musik macht und zwar mit einer gewissen Ambition. Ein Lied, von dem Feine Sahne Fischfilet mit Sicherheit etliche Strophen kennen: Zumindest stellte ich im Eigencheck fest, diese Band exakt lediglich als Symbol wahrgenommen zu haben. Als Symbol dafür, dass es auch in den national befreiten Zonen eine Alternative geben kann. Geben muss. Und kommt mir jetzt bitte nicht mit so einem Geeier wie dem „Boden des Grundgesetzes“. Auf dem Boden des Grundgesetzes ist das Gedränge groß, schrieb mal ein kluger Mann (ich verspreche, in den nächsten Tagen mal nachzusehen, wer das formuliert hat) und ich bin hier auch nicht der Politikeronkel von nebenan, der seinen Schäfchen den übel stinkenden Käse der Wahrheit wohlparfümiert auf die abendliche Schnitte schmieren muss (siehe dazu aus gegebenen Anlass das Hin und Her um den Feine Sahne Fischfilet-Auftritt auf dem Riesaer Stadtfest – die Internetsuche der Wahl hilft dabei sicher). Ich persönlich halte eine solche Band gerade auch als Symbol für extrem wichtig – als Symbol dafür, dass es auch cool ist, kein Nazi zu sein. Kein Rassist. Kein Sexist. Punkt. Und was das ganze Schwadronieren über das „Ist doch gar nicht schlimm“ betrifft – für eine 14-Jährige, einen 14-Jährigen, die oder der sich auch nur einen Tick außerhalb einer wie auch immer zu definierenden „Normalität“ verorten, ist es in einer national befreiten Zone verdammt schlimm. Denn da gibt es tatsächlich noch eine Welt außerhalb der Bürgerlichkeit, in der Rechtsradikalität nicht nur ein bißchen verbal und bloße Meinungsäußerung auftritt (siehe den netten Fußballtrainer in Laucha), sondern mit intensiver Gewalt – psychisch und physisch. Was sich im Übrigen wunderbar an der Geschichte von Feine Sahne Fischfilet ablesen ließe. Und – letzter Punkt – wenn es tatsächlich stimmt, was man dem Bandblog entnehmen kann, nämlich dass der Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern der Band mehr als 3700 Zeichen widmete und der gesamten rechtsradikalen Musikszene des Bundeslandes ganze 4200 Zeichen, kann einem nur Angst und Bange werden um jene erwähnten 14-Jährigen. Vom Staat haben die nämlich nichts zu erwarten – außer einer Erwähnung als Staatsfeind vielleicht. Und, was bemerkt man? Ja, es ist schwer, wenn eine Band zum Symbol wird. So sehr, dass man die Beschäftigung mit der Musik gar nicht erst beginnt – wie in meinem Falle. Doch Symbol hin oder her, das war gar nicht schlecht, was Feine Sahne Fischfilet da boten. Echt jetzt. Das meine ich wirklich ernst. Als jemand, der diesen Streetpunk-Style mit sachter Ska-Note jetzt nicht unbedingt ganz oben in seiner Playlist zu stehen hat. Gut, die Hauptbühne war eigentlich zu groß dafür (was sich als Problem wiederholen sollte) und die gezwungenermaßen vorhandene Distanz dämpfte den Spaß ebenfalls (dito). Aber es dürfte einer der spontaneren Gigs der Festivals gewesen sein – einschließlich eines Security-Disses. Die wollte jemanden aus dem Publikum ziehen, der eine Rauchfackel gezündet hatte. Gut, kann man sich ins Zeug legen (einschließlich der Drohung des Konzertabbruchs). Nur war es der Fluch der guten Tat, dass prompt ein Bengalo folgte. Und da war ich dann doch froh, weit genug weg zu sein – so ein blödes, heißes Scheißding möchte ich eher nicht im Hemd haben.

Doch ich schöpfte Hoffnung. Hoffnung, die von einer Band namens Hawk Eyes weiter geschürt wurde. Da hörte ich dann das allererste Mal wirklich interessiert auf: Huch, was ist das denn? Diese prägnante Dissonanz in der Gitarrenarbeit, die ungebremste Wucht in der Rhythmik? Da wird doch nicht etwa jemand Amphetamine Reptile-Bands gut finden und/oder Helmet lieben? Gut, nach dem wirklich gelungenen Opener ging der Band a bisserl die Luft aus und das Ganze glitt dezent in musikalische Gefilde, die man auch dem normalen Highfield-Besucher zumuten konnte. Aber über eines können sich Hawk Eyes freuen: Sie haben unter allen Bands, die ich gesehen und gehört habe, den Hauptpreis als dissonantester, kratzbürstigster, noisigster Act mit in Lichtjahren zu messenden Vorsprung gewonnen. Was ja auch auf jeden Fall etwas wert ist.

Vor der nächsten, ähem, Band hatte ich ein wenig Angst, dies muss ich an dieser Stelle einräumen. Schon allein der Name Monsters Of Liedermaching jagte mir diese Angst ein, ohne dass ich auch nur eine einzige Note der Formation gehört hätte. Ganz unbewußt und automatisch hatte ich die Vision einer Gruppe von älteren Männern, die zur Lagerfeuer-Akustischen einen Haufen Mitgröhler – vorzugsweise auf der Basis sogenannter Trigger-Songs, die auch bei einem Füllstand oberhalb der drei Promille oder gerade bei einem Füllstand oberhalb der drei Promille die richtigen Knöpfe im Kopf drücken – mit mehr und meistens minder lustigen Texten intonieren. Gerne hätte ich jetzt geschrieben, dass das Leben auch mal eine richtig unerwartete Volte schlagen kann. Doch der Opener „Marzipan“ erfüllte so 100-, gar 1000-prozentig die von mir gehegten Befürchtungen, dass ich schon wieder lachen musste: Auf der Melodielinie des ausgelutschtesten aller Uriah Heep-Song – yep, „Lady in Black“ – wurde ein witzischer Text geträllert, der bei Süßigkeitenmißbrauch beginnend über den Zahnarztbesuch derart zielsicher bei der selbstredend bildhübschen Krankenschwester landete, dass sich vermutlich auch Mario Barth für diesen Verlauf nicht geschämt hätte. Ich sah justament bei diesem Song den Herrn Nauber deutlich vor meinem inneren Auge, wie er im Fotograben still „Oh mein Gott“ murmelte. PAAAAAATY. Wieder ohne R, dafür aber mit Festfrieren an der Laterne, Restetrinken, Sitzpogo und Salamandervorhautdiät. Und dafür war ich am Nachmittag um 16 Uhr einfach noch zu nüchtern. Was die Sache dahin gehend verkomplizierte, dass ich umgehend begann darüber nachzudenken, was jetzt hier eigentlich genau der Unterschied zur Witzischkeit eines zünftigen Büttenabends oder eines Stadtfest-Programms ist. Ich fürchte still, da gibt es keinen – die Monsters Of Liedermaching würden bei diesen Anlässen mit „Marzipan“ und „Laterne“ auch für reichlich Schenkelklopfer sorgen. Immerhin, Angst habe ich jetzt nicht mehr, trotzdem gilt für mich ab sofort: Wo die drin sind, bin ich draußen. Und umgekehrt. Immer. So viel Humor vermag ich einfach nicht zu ertragen.

Bloß gut, dass dann The Bronx aufspielten. Die kann ich ja richtig gut leiden: Fünf veritable Schreihälse, die sich einen ziemlichen Dreck um solche Seltsamkeiten wie Komplexität und/oder Vielschichtigkeit scheren und es eigentlich nur ununterbrochen krachen lassen wollen. Und die die beneidenswerte Fähigkeit besitzen, diesen Willen zum Krachschlagen in ausgesprochen ansprechende Songs zu gießen. Schnörkellosigkeit in Perfektion, die sich fein mit ernstzunehmender Aggressivität paart. Entsprechend engagiert rumste es und ich war‘s sehr zufrieden. Ehrlich. Vielleicht mit einem leichten Punktabzug ob der mangelnden „Fettness“ im Sound – das hätte gerne noch deutlich mehr krachen können.

Zum Disco Ensemble fällt mir jetzt gar nichts ein. Habe ich die überhaupt gesehen? Ach ja, die Finnen, die überhaupt nicht finnisch waren. Im Sinne von Durchgeknalltheit. Zumindest konnte ich in diesem Poutpourri aus ein bißchen (Post-) Punk, viel tanzbarer Eingängigkeit und der handelsüblichen „Crazyness“ nichts Durchgeknalltes entdecken. Nein, nur weil mal einer einen Gitarren-Schreng macht, auf das Keyboard einhämmert oder gar einen Schrei loslässt, ist er noch lange nicht durchgeknallt. Um dies mal aus meiner Sicht klarzustellen.

Den nächsten Durchläufer (Herr Orlowski) besorgten Skindred. Das musikalische Schaffen der Beteiligten war bis dato gleichfalls an mir komplett vorbeigegangen. Dachte ich, bis mich die Information erreichte, dass sich wesentliche Teile der Band aus Dub War-Bestandteilen rekrutieren. Ah, ja, da klingelte was, die spielten mit ihrem gerne als „Ragga-Metal“ bezeichneten Crossover vor nicht ganz 20 Jahren mal eine durchaus ernstzunehmende Rolle. Was man von Skindred zumindest nach dem Live-Eindruck nicht behaupten kann: All das, was diese Musik angeblich spannend machen soll, Dub, Funk, Drum‘n‘Bass, Reggae, Punk, war schlicht nicht zu hören. Immer nur Dieser-Beat-Schon-Wieder (Bounce, Bounce – ihr wisst schon, was ich meine) zu einer metallischen Säge-Gitarre, die jetzt auch nicht gerade Einfallsreichtum ausstrahlte. Und darüber rapsang Frontmann Benji Webbe mit einem gewissen Charisma, aber ohne Wiedererkennungswert. Die teilweise grenzwertig dummen Sprüche machten das auch nicht besser. Haken dran.

Bühnenwechsel: Die Monsters Of Liedermaching hatten die Green Stage bereits mit leicht schlüpfrigem Humor ankontaminiert, jetzt besorgten Zebrahead den Rest. Darf ich mal einen Begriff stehlen (keine Sorge, ich verlinke auch!)? „Die-Welt-ist-eine-einzige-Titte-Pop-Punk“ wurde dies alles im Kontext des letzten Albums „Call Your Friends“ von laut.de-Autor Kai Butterweck genannt. Eine Umschreibung, der eigentlich aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen wäre. Außer vielleicht der Information, dass Zebrahead die einzige mir erinnerliche Band sind, die zusätzlich zum musikalischen Personal einen Barkeeper mit auf die Bühne schleppte. Naja, weiß man wenigstens gleich, worum es geht.

Die Begeisterung erlahmte? Ja und wie sie erlahmte. Doch sie wurde von unerwarteter Seite aufgefrischt: We Came As Romans hatte ich ja eigentlich nur so halb auf dem Zettel. Klein geschrieben und auf der Rückseite. Ausgerechnet diese Herren sollten zum Aufmunterer werden, zum Mutmacher auf langer Durststrecke, der einem die Kraft gibt, um die volle Distanz zu gehen. Vielleicht, weil eben auf der einen Seite die Erwartungshaltung extrem niedrig und das Interesse anti-proportional hoch war – man möchte ja auch im Stil des Metalcore a bisserl auf dem Stand bleiben. Und dann machte es wirklich mal Rums. Rums! Breaks, Alter! Oder das Verständnis, warum man ein Break macht. Um es danach richtig rumsen zu lassen. Boum! Gitarre und Bass nach der Pause voll auf die Snare und Boum! Ist doch eigentlich so einfach. Warum spielte das sonst kein anderer? Schon allein wegen dieser gut eingestreuten Knalleffekte hatten We Came As Romans bei mir aber mal so etwas von einem Stein im Brett. Und dann bin ich ja auch einer von der Sorte, der ein wenig Pop-Infizierung immer zu schätzen weiß. Der es als überhaupt gar kein Problem empfindet, wenn da die Samples dazwischenfunken und die Arpeggios zischeln. Auch mit dem Thema Eingängigkeit im Songwriting habe ich keinen Hader. Ob da Eingängigkeit am Start war? Und ob da Eingängigkeit am Start war! Hooks und Lines, Der-Beat-Schon-Wieder (Bounce, Bounce – ihr wisst schon, was ich meine) und das sacht spannungsfördernde Wechselspiel zwischen Geschrei und Klargesang. Straffe Metalriffs und Refrains hart am Klischee-Wind. Ich fand’s cool. Und ertappte mich beim Mitwippen. Allerdings fürchte ich ein wenig, dass der ganze gute Eindruck verfliegen könnte, sobald ich mich an einen Tonträger heranwage. Ach, laben wir uns doch lieber noch ein wenig am süßen Nektar der Erinnerung.

Auf der Green Stage wurde derweil die Kontaminierung zur flächendeckenden Verseuchung. Schlüpfrigkeit galore! Alles, was sie schon immer mal über Muschis (selbstredend enthaart), Titten, harte Nippel gar nicht wissen wollten, bekommen sie von Jennifer Weist garantiert erzählt. Yo, wenn sie sich an ihrer Muschi kratzt, dann bitte die Boys mit dem freien Oberkörper und den harten Nippel aufeinander zuspringen. Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Das habe ich erlebt. Irgendwann (so nach dem dritten Lied) wünschte ich mir, Jennifer Rostock würden einfach öfter Musik spielen, weniger Pausen machen, nur damit die Frontfrau endlich den Schnabel hält. Mehr Musik! Bei Jennifer Rostock! Hey, das muss man sich mal vorstellen! Ist das eigentlich immer so bei dieser Band? Verzweifelt versuchte ich, diesen geballten Pennälerhumor nicht schrecklich peinlich zu finden (unter Einbeziehung der Stichworte sexuelle Befreiung, selbstbewusste Frauen und des T-Shirts „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender Pride“), aber ähnlich wie bei Charlotte Roche musste ich dann doch kapitulieren: Ich fand es so schrecklich peinlich, am liebsten wäre ich vor lauter Fremdscham unter einen Tisch gekrochen – genauso wie ich finde, dass „Feuchtgebiete“ schlicht ein unlesbares Buch ist, miserabel geschrieben und grauenvoll editiert. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Durchläufer die letzte. Und Verzweifler der letzte. Was finden bloß alle an Callejon? Wo ist da der Punkt? Was ist hier der Kick? „Schwule Mädchen“ im Metalcore-Gewand nachspielen kann es ja irgendwie nicht sein. Oder doch? Ich meine, die Leute gingen ab wie Schmitz‘ Katze. Ich hingegen ging dann lieber beim vierten Titel, als mir endgültig klar wurde, dass hier außer geballten Klischees nichts zu erwarten war.

Gut, brechen wir mal mit der bisherigen Formulierungstradition – ein wenig. Und fassen wir das Folgende mal unter einem Begriff zusammen, den Herr Bass treffsicher geprägt hat: Der Epitaph-Block. Auch wenn NOFX, Pennywise und Bad Religion nicht direkt nacheinander spielten (da schob sich noch ein Herr mit Pandamaske dazwischen), sollte man diese Chose unbedingt gebündelt betrachten. Was mich zunächst erst einmal zu der erstaunten Feststellung brachte, dass dieses Package vor 20 Jahren auch als zünftiges Line-Up für einen gepflegten Hardcore-Abend im Conne Island durchgegangen wäre. Aber mal so etwas von problemlos. Es wäre vermutlich anständig voll geworden, 800, 1000 Leute, eben was so in den Eiskeller reinpasst, und alle hätten sich anständig gefreut über dieses ziemlich undergroundige Konzert – so wie man sich damals immer darüber gefreut hat, nichts mit dem gängigen Mainstream zu tun zu haben. NOFX haben im Conne Island ja gespielt, Pennywise auch, bei Bad Religion bin ich mir nicht so sicher – Anfang der 90er waren die mit Sicherheit zu teuer. Da gab’s ja noch die Eintrittspreisbremse bei acht Mark, falls sich jemand dran erinnert. Naja, langer Rede kurzer Sinn – erstaunlich, was sich innerhalb von 20 Jahren aus der tiefsten Undergroundigkeit hin zum Overground-Festival entwickelt hat. Mit einer schlanken Verzehnfachung der Zuschauerzahl beispielsweise (es kann auch noch a bisserl mehr gewesen sein). DAS hat mich dann wirklich verblüfft, erst recht, nachdem ich mitbekommen hatte, dass die 10, 15 Tausend Hanseln (viel mehr dürften es trotz gegenteiliger Behauptungen bei den drei angesprochenen Bands nicht gewesen sein) auch tatsächlich für die Kombination NOFX, Pennywise und Bad Religion angetreten waren. Punk’s not dead, sondern Rock-Mainstream. That’s it.

Also nix wie rein in den Epitaph-Block. NOFX spielten stilgerecht auf der kontaminierten respektive verseuchten Schlüpfrig-Bühne, was ja erst mal ganz gut passte. Einen gewissen Hang zum stark infantilen Humor hatte die Herren um Fat Mike ja schon immer ausgezeichnet und dem wurde selbstredend auch beim Highfield gefrönt. Wobei ich ja fand, dass es sich in Grenzen hielt – vermutlich war ich auch einfach zu abgehärtet, um an munteren Punk-Sprücheklopfereien noch irgendwas verwerflich zu finden. Ansonsten schien sich die Band ganz wohl zu fühlen, was mich wiederum erstaunte – eigentlich wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, dass dies alles, dieses ganze Trara, diese Zehntausend Leutchen, diese ätzend große Bühne einfach einen Tacken mehr ist, als das Konzept NOFX grundsätzlich vertragen kann. Weil die zu weit weg waren vom Geschehen. Distanz bekommt denen nun mal gar nicht, weil es da nicht um stadionkompatibles Pathos geht, sondern um schwitziges Miteinanderhampeln. Das war schwierig bei ein paar Metern Abstand und dem grundsätzlichen Verbot von Crowdsurfing. Und eines muss ich ja auch mal feststellen: Wenn man sich das Gehampel von NOFX mit den vielen Metern Abstand anschaute, dachte man plötzlich über ganz andere Dinge nach als über das schwitzige Mithampeln. Darüber, ob es wirklich noch Not tut, mit freiem Oberkörper, Dreadlocks und blauem Iro über die Bühne zu kaspern. Ob ich dies beispielsweise noch tun würde (so viel jünger als die Herren Burkett, Melvin, Sandin und Abeyta ist man ja nun auch nicht). Solche Gedanken sind immer ganz schlecht. Für die Gesamtsituation. Denn dann blendete man auch mal ganz fix aus, dass die nominell nicht schlecht drauf waren: Hits haben die ja ohne Ende auf der Pfanne („Don‘t call me white“ – sehr fein) und wenn man NOFX ja etwas nachsagen kann, dann dass sie durchaus eine gewisse Vielschichtigkeit in ihrem Melodycore verankert haben. Vielleicht fühlte es sich auch einfach nur hochgradig seltsam an, eine solche Band, deren Vorstellungen von Vermarktung denen der meisten anderen Formationen schlicht diametral entgegen standen, auf der Hauptbühne eines Mainstream-Festivals zu sehen. Und zwar nicht um 14 Uhr vor 150 verkaterten Hanseln, sondern um 21 Uhr vor den erwähnten Zehntausend Leuten.

Erstaunlich, aber wahr: Den internen Wettbewerb um den besten Auftritt gewannen Pennywise mit deutlichem Abstand. Weil die etwas mit auf die Bühne brachten, dass den Herren um Fat Mike dann doch leider ein wenig fehlte. Feuer im Arsch. Zug in den Aktionen. Einen latent vorhandenen Groll, eine stets präsente Wut, die sich einer schnörkellosen Direktheit und entschlossener Straightness äußerte. Da war es mal wieder, das Rums! von der Bühne. Der Knalleffekt. Auch die Lautstärke. Es war der Moment, an dem ich mich gut daran erinnern konnte, was mich an Hardcore mal nachhaltig fasziniert hatte – diese Energie, dieses wütende Anrennen gegen das, was man als falsch empfindet. In dem andererseits aber auch schon wieder die Melancholie des sicheren Wissens um das Scheitern eben dieses Anrennens drinsteckt. Überrascht kratzte ich mich am Kopf und fragte mich, warum zum Teufel ich eigentlich diese Band nie wirklich auf dem Schirm hatte. Denn Jim Lindberg & Co. machten alles, aber auch absolut alles richtig – bis hin zum Aufzeigen der richtigen Referenzen bis hin zu den Beastie Boys via „Fight For Your Right“-Cover in wütend.

Blieb noch Bad Religion. Die hatte ich ja noch nie gesehen. Die Gründe sind dargelegt, irgendwann kam hinzu, dass mich die Band schlicht auch nicht mehr interessierte. Aber die gehen nicht einfach weg. Die sind immer noch da. 16. Studioalbum „True North“. Das eine Dickschiff des Hardcore (gewissermaßen als Gegenstück zu Sick Of It All). Und ziemlich offenbar eine bis in den Mainstream hineinstrahlende Institution, was sich hervorragend an der Wanderungsbewegung vom Herrn mit der Panda-Maske zum Herrn mit dem Professor-Titel ablesen ließ. Warum dies so ist? Ich habe ehrlich gesagt auch nach diesem Konzert keine Ahnung. Vielleicht lag es daran, dass man sich eine Band wie Bad Religion problemlos in die gute Stube holen würde. NOFX? Oh nein, die sind dermaßen durchgeknallt, da geht ja schon was kaputt, wenn die sich nur einmal umschauen. Jaja, die meinen das nicht böse, schon recht, aber das hilft nix, wenn die gute Stube zügig zu einer bösen Ruine mutiert. Pennywise? Ach, auch lieber nicht, die sind irgendwie echt sauer und angepisst, womöglich meinen die diese ganze Chose noch ernst. Am Ende muss man sich auch noch damit beschäftigen. Aber Bad Religion? Hey, kein Problem, die sind echt smart. Smart! You know? Da nimmt man dann auch in Kauf, dass es Greg Graffin eigentlich auch ganz schön erst meint. Ansonsten wunderte ich mich eigentlich nur über dieses Gescheppere. Ich meine, ne Stunde vorher standen Pennywise auf der gleichen Bühne und ließen es aber mal so etwas von krachen. Dann kamen Bad Religion und ließen es scheppern. Eine Reminszenz an die klassischen Werte des Punkrock in Form eines Soundzitats? Die einzig logische Erklärung, die ich mir vorstellen könnte – und irgendwie in diesem Highfield-Kontext ein Statement, das ich immer besser finde, je länger ich darüber nachdenke. Denn das Scheppern passte natürlich perfekt auf diesen Melodycore, der sich in erster Linie durch absolute Abwesenheit von Metal-Attitudes auszeichnet. You know? Riffs! Metal! Keine Riffs! Kein Metal! Höhö. Was soll ich sonst noch großartig sagen? Dass Greg Graffin manchmal ein paar Stimmprobleme hatte? Geschenkt! Dass auf der Bühne mal kurz die Epitaph-Party abging (inklusive Fat Mike-Gesangseinsatz)? Immerhin gemeinsam mit der Feine Sahne Fischfilet-Aktion der schönste, weil mit Sicherheit ungeplanteste Moment des Festivals. Ansonsten lieferte unsere schöne Heimatzeitung den abgefahrensten, weil absolut und vollkommen ahnungslosesten Satz zu diesem Auftritt: Nein, der Song heißt nicht nur „Digital Boy“, sondern komplett „21st Century Digital Boy“ und er ist auch keine „ironische Ode an die Lebensunfähigkeit des Internetnerds“ – als dieses Stück 1990 auf „Against The Grain“ veröffentlicht wurde, gab es das Internet-Wie-Wir-Es-Alle-Kennen noch gar nicht (selbstredend habe ich die Platte daheim). Und so weit ich das einschätzen konnte, hielt sich der Herr Graffin an den Originaltext, der dann doch eher in Richtung einer Konsumkritik zu deuten ist. Vielleicht sollte man aber als Autorin eines Onlineportals einer nicht gerade unbedeutenden regionalen Tageszeitung mal damit anfangen, die wissensspendenden Segnungen eben dieses Internets ein wenig intensiver in die eigene Arbeit einfließen zu lassen anstatt sich unreflektiert von Signalbegriffen (Digital!) leiten zu lassen. Eine 20 Sekunden dauernde Recherche in der Suchkombination „Bad Religion“ und „Digital Boy“ hätte zu einem brauchbaren Ergebnis geführt. Hab‘s ausprobiert. Genau an dieser Stelle kann ich all jene verstehen, die professionellen Journalismus für verzichtbar halten – wenn sich professioneller Journalismus und im Online-Angebot einer Tageszeitung sollte sich professioneller Journalismus finden, dergestalt entäußert, hat man nur sehr, sehr, sehr wenige Gegenargumente.

Wobei dieser Satz mit der Kombination „Deutschrock“ und „Cro“ auch nicht schlecht ist. Allerdings geht es hier immerhin um eine Ansichtssache und nicht um schlichte Unkenntnis gepaart mit dem Unwillen, den eigenen Bildungsstand zu erhöhen. Trotzdem glaube ich für meinen Teil ja nicht, dass Cro Deutschrock macht. Ich würde eher auf HipHop mit seinen musikalischen Wurzeln im Funk und Soul auf der einen Seite und auf Pop mit dezent alternativen Einschlag auf der anderen Seite tippen. Party diesmal mit R. Ihr wollt mich über Cro lästern hören? Kann ich nicht. Ich fand das ganz und gar nicht schrecklich, die paar Sommerhits hörten sich prima weg, die Mädchen und Jungen tanzten, ein ordentlich angetrunkener Junge aus Paderborn wollte umarmt werden und alle freuten sich. Die Backing-Band war groovy und tight. Die Maske saß, passte und hatte Luft. Allein zwei Dinge verunsicherten mich: Zum einen die seltsame Pause auf der halben Strecke, mit der das Publikum offenkundig zum „Zugabe, Zugabe“-Stimmungs-Overkill getrieben werden sollte. Ging so leidlich in die Hose, ich hatte eher das Gefühl, dass sich die Anwesenden a bisserl veralbert vorkommen. Ich kam mir definitiv a bisserl veralbert von den diversen Mashups vor, die da munter eingestreut wurden. Ich persönlich fand das Prinzip ja schon Mitte der 90er exakt 30 Sekunden lang interessant (Achtung, übertreibende Zuspitzung!). Und jetzt im Cro-Kontext Bloc Party, Iggy Pop oder Aloe Blacc als pures Nachspiel zu erleben – sorry, das war kein Samplen mehr – hmm, naja.

So. Jetzt gilt‘s. Bühne frei! Vorhang auf! Beinahe hätte ich dieses Schauspiel ja gar nicht mehr erlebt, weil so langsam der Rücken zwackte und die Lust erlahmte und man sich versuchte vortrefflich einzureden, dass Bad Religion ein absolut okayer Festivalabschluss wären. Aber da gibt’s ja noch den Herrn Nauber und dessen ungebrochenen Ehrgeiz abzulichten, was nur irgendwie abzulichten geht. In der Konsequenz bin ich ihm ja a bisserl dankbar – weil Deichkind kann ich schon gut leiden. Und ein Hingucker ist das live unbedingt und auf jeden Fall. Wobei der Einsatz des bühnenfüllenden Vorhangs, der schon bei Cro zu bewundern war, hier zur Abwechslung einmal Sinn ergab – ein schöner Auftakt für das folgende Kaspertheater. Was ich hier nicht einmal ironisch meine. Denn mehr denn je stehe ich nach diesem Live-Erlebnis zu meiner These, nach der Deichkind in erster Linie Grenzen austesten wollen. So nach dem Sunn O)))-Prinzip. Das Langzeit-Experiment, wann endlich die ersten Teilnehmer endgültig die Nerven verlieren. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum eine Band derart frontal und ohne Rücksicht auf Verluste die jeweiligen Zielgruppen anrempelt. Für die ganzen Feingeister und Feuilletonisten bis hin zu den klassischen Musik-Nerds ist das alles viel zu stumpf, zu proletarisch, zu missverständlich. Zu viel Alkohol. Viel zu viel Party (mit R). Viel zu viel „Meinen die das jetzt echt ernst mit diesem ‚Egolution‘-Ding? Oder mit den ‚99 Bierkanistern‘? Richtig ernst?“ Zu viele Knicklichter. An sich zu viele Lichter. Dieses blöde Schlauchboot. Und so weiter und so fort. Die ganzen kompakt Gebauten kommen sich aber auch irgendwie verarscht vor: „Meinen die das jetzt echt ernst mit diesem komischen Gehampel auf der Bühne?“ Zu viele Bürostühle und Spielzeugautos. Viel zu viel Übertreibung. An sich zu viele Inhalte. Warum können die nicht mal diesen coolen Kirmestechno-Beat über 40 Minuten durchhalten? Und warum sehen die die ganze Zeit so komisch aus? Die werden uns doch nicht verarschen wollen? Es ließ sich ganz gut beobachten, dass diese Stachel und Widerhaken wirken – bei den einen, die das Festivalgelände mit jenem typischen Gesichtsausdruck verließen, den nur tiefste Beleidigung hervorzaubern kann, wie auch den anderen, die irgendwie so ihre Probleme damit hatten, dass hier nicht PAAAAATY (ohne R) gefeiert wurde. Ich? Ich fand’s cool. Gnadenlos übertrieben. Gnadenlos überspitzt. Gnadenlos Kaspertheater. Und bei alledem immer noch mit dem feinen Nachgeschmack des Checkertums. Mit dem genau richtigen Beat, genau der richtigen Choreografie, genau der richtigen Melodie. Leider geil? Aber mal so etwas von leider geil! Und wahrscheinlich bin ich ebenso gespannt wie die Beteiligten, wer als erstes die Nerven verliert.

Fotos: K. Nauber

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