Berlin Festival 2013 – Der Rückblick

Text: | Ressort: Diary, Musik, Veranstaltungen | 25. Oktober 2013

Den Abschluss der diesjährigen Open Air Festivalsaison markierte diesmal das Berlinfestival. Tagsüber Bands und Liveacts auf vier Bühnen vor und unter den Hangardächern des stillgelegten Flugplatzes Tempelhof und danach DJ-Bespassung für Zappelwütige und Nimmersatte in den Räumlichkeiten der Arena. Das Wetter war angenehm spätsommerlich warm, Sonne, kein Regen. Die Location bunt geschmückt, Sauf- und Fressstände, hier ein Radiosender, da eine wohltätige Organisation, Werbung, Ramsch, Beutel, T-Shirts, uswusf.. Soweit nichts Verwunderliches. Ein spezieller Bereich war der Kunst vorbehalten und geistreich Art Village benannt. Dort konnte man diverse Kunstexponate bestaunen, begehen, am Entstehungsprozess partizipieren oder einfach nur zuschauen. Obenderein fanden hier Tanz- und andere Performances statt und auf der Malstrasse eines bekannten Buntstifteherstellers durfte man sich die eigene Haustiermaske bemalen. Was vom begeisterungsfähigen Publikum gern angenommen wurde. Apropos Publikum, der Veranstalter gibt die Zahl der Besucher mit mehr 20.000 an. Verglichen mit ähnlichen Events, wie zBsp. dem Melt!,  hat man den Eindruck, das dass man sich als Zuschauer nicht so sehr auf der Pelle hängt, oder dass das Berlin Festival für weit mehr Besucher ausgelegt wurde. Massenweise Toiletten, nie musste man Schlange stehen und selbst am Zapfhahn musste man nur selten warten, was für den Ticketkäufer natürlich sehr angenehm, wenn nicht über die Maßen luxuriös war.

Flugplatz

Art Village: Live Painting

Der erste Act des Tages hat natürlich immer einen undankbaren Platz: Sonne, die Leute trudeln erst langsam ein usw.. Bastille machten das Beste daraus und zeigten einen beschwingten Auftritt.

Und schon auf Startplatz 2 gab es ein Highlight: Big Black Delta aus L.A., die coolen Säue der Saison, zelebrierten die Stücke ihres selbstbetitelten Hammeralbums.

Auf der First We Take Berline Stage konnte man ein paar Newcomer entdecken, wovon einige auch auf dem gleichnamigen Event, der dem Festval voranging zu sehen waren. Hier: Frontfrau Hanna Antonson von den Schwedenpoppern The Majority Says. Ganz nett.

Vor dem Wochenende wurden mir Parquet Courts noch wärmstens ans Herz gelegt und richtig, der 90er Indierocker in mir hatte großen Gefallen am Tun der New Yorker. Griffig, mitreißend, knackig.

Was man von OK Kid nicht sagen kann. Optional liegts vielleicht auch an meinem Alter, aber dumme Algemeinplätze und Durchhalteparolen sind irgendwie nicht sexy, vom Flow ganz abgesehen…

Capital Cities haben ohne Zweifel mit ihrer 2011er Single „Save And Sound“ dank Dauerwerbeberieselung einen der Sommerhits diesen Jahres an den Start gebracht. Tut nicht weh, hört sich weg, ganz nett, nur leider ist der Rest des Gebotenen ein bunter Brei eklektisch zusammenkopierter Versatzstücke und auf der Bühne gibt man die Boyband mit Hiphop und Bläsern. Brrrrr

Lieber schnell zu den Bosnian Rainbows rübergerannt. Ohne Brille erkennt man Omar Rodríguez-López von The Mars Volta gar nicht wieder, auch das befürchtete Progrockgegniedel blieb aus. Alternative Rock hieß das mal und hat hat Verwandte in Blues, Rock und Americana. Was bei einer band aus El Paso, Texas nicht direkt verwundet.

Speziell und unverwechselbar wird das Ganze durch Teri Gender Bender, die zuvor bei den Le Butcherettes zugange war. Nicht nur stimmlich, hier war voller Körpereinsatz angesagt. Ganz groß.

2013

the sounds

2007

Manchmal muss man sich wundern. Ja, die Zeit ist unbarmherzig und geht nicht spurlos an uns allen vorbei, aber was will Frau Ivarsson von den schwedischen The Sounds uns mit ihrem Businesskostümchen und der strengen Haartracht mitteilen? Beim dritten Song schon aus der Puste und zum Hohn das Cover der „Living In America“-Single von 2002 riesengroß als Bühnentransparent. Besorgt

Fast dasselbe bei NYPC, dem zusammengeschrumpften New Young Pony Club. Irgendwie eigenartig, hat man den schwungvollen Elan und die Verspieltheit der frühen Tage noch im Hinterkopf. Da fehlen beim verbliebenen Trio dann doch zwei Leute auf der Bühne, um sich die Bälle zuspielen zu können. Schade

new young pony club

2007

Conor O’Brien und seine Mannen von den Villagers waren gut aufgelegt und die Songs der beiden Alben „Becoming A Jackal“ und „{Awayland}“ sind ohnehin Extraklasse. Es war schön, sie einmal mehr zu sehen.

Eine Entdeckung waren die britischen Electropopper Fenech Soler deren selbstbetiteltes Debüt bislang noch nicht zu mir durchgedrungen war. Die diesjährige Platte „Rituals“ erschien erst Ende September. Irgendwie gediegen, eingängig und auf angenehme Weise erwachsen.

Adultpop der Ausnahmeklasse bieten auch Get Well Soon und die Konzerte sind stets fulminate Erlebnisse. was sie auch in Berlin erneut bestätigten.

Als Unterstützung am Keyboard hatte sich Konstantin Gropper die Wahlberlinerin Cherilyn McNeil von Dear Reader auf die ohnehin schon gut gefüllte Bühne geholt.

Ein Rosinenbomber (Douglas C-54 Skymaster) gemahnt an die Zeiten der Luftbrücke 1948-49.

Say Yes Dog mit gefühligem Pop auf der Nachwuchsbühne.

Kontrastprogramm und großes Kino mit Hausmitteln boten hingegen die Altmeister der Pet Shop Boys. Minimalistischer Bühnenaufbau, Visuals und ein paar interessante Kostüme. Einzig der Wackelkontakt in der Soundtechnik nervte mächtig gewaltig. Aber die Profis zogen eisern durch. Eine Verzögerung war aufgrund der unverrückbaren Deadline 0.00 Uhr nicht möglich.

Stoischer Chris Lowe an der Tastatur.

Begeisterung

Hauptbühne und Imbissstände bei Nacht

Und dann wurde der Abend noch besser: Mike Patton und sein Projekt Tomahawk mit Mitgliedern der Melvins, Jesus Lizard und Battles bzw. Helmet zelebrierten das, was der Chef wohl unter zeitgemäßer Croonermusik versteht. Keine der bisherigen Platte dürfte so eingängig und radiokompatibel sein wie die diesjährige „OddfellowS“.

Hach und dann gab es noch ganz großes Kino: die wiedervereinigten Blur haben tatsächlich den verlorengegangenen Schwung des letzten Konzertes, im zuge der Think Tank Tour wiedergefunden und spielten jeden Hit. Mit „Boys & Girls“ ging es los und schon war auch die Menge in der Britpopparty drin. Mitsingen sowieso und dank Herr Albarns Drang nach intensivem Publikumskontakt gab es auch eine Legende zum Anpassen.

Ein kleines Highlight hab es beim Klassiker „Parklife“: auf der Bühne zeigte sich Duettpartner und Schauspieler Phil Daniels (Quadrophenia, Breaking Glass), der auch schon im Original auf dem gleichnamigem Album von 1994 den Parkpenner gab. Und als besonderen Tribut oder auch Hohn, bei den Engländern weiß man ja nie, im deutschen Fußballnationalmanschaftsshirt.

Besonders schön für mich, dass sie als vorletzten Song in der Zugabe mit „The Universal“ auch noch einen der perfektesten Popsongs ever spielten. Den endgültigen Abschluss machte dann der „Song 2“ mit einem zünftigen Woo Hooo aus zig Tausend Kehlen.

Ließ man sich nach dem zünftigen Final noch zur Arena shutteln konnte man wählen zwischen Strandidylle,

Gedränge im Arena Club,

Zappelei im Glashaus

oder Großraumdisko in der riesigen Omnibushalle der Berliner Verkehrsbetriebe von 1927.

Am Samstag Mittag grüßt die Empfangshalle des zwischen 1936 und 41 errichteten Flughafenterminals sonnendurchflutet und mit dem spießigen Charme der grauen Vorzeit.

Start mit Hoodie Allen einem weißkäsigen Hiphopdarsteller.

Musikalisch verzichtbar, aber die Girls freuts.

Viel angenehmer dagegen der scheue Kammerpopentwurf der Berliner Band The Mouse Folk.

Zu Recht aufmerksame Hörer unter dem weit auskragenden Vordach.

Die unsäglichen Orsons beim Schniedelvergleich und wer hätte das gedacht: der von deutschen Rappern wird nicht größer.

Unverständlicher Weise gefällt dem Mob der Quatsch.

Ein ganz anderes musikalisches Kaliber waren stattdessen die Ruen Brothers: oldschoolige Handarbeit an der Akustischen und Elektrifizierten, Rock, Blues, Rockabilly vom Feinsten.

Auch Man Without Country ließen aufhorchen, Elektropop galore, die Achtziger souverän in die Zehner transferiert.

Das Selbe könnte man auch zu Ellie Goulding sagen, deren Auftritt das erste Tageshighlight auf der Hauptbühne war. Zunächst haderte sie noch etwas mit sich oder dem Sound, kam aber zusehends besser in Schwung und bespielte letztlich allein die Riesenbühne.

Lecker Streicheis von der Eismaid

Fleißige Filigranzeichnerin im Art Village.

Is Tropical eröffneten den Kitsuné-Reigen dieses Tages. Auch wenn die Damen aus dem „Lover’s Cave“-Video nicht mit am Start waren wippten bald schon einige Füße im Takt und auch die eine oder andere Hüfte begann zu kreisen. Sehr infektiös!!

Malstraße wie anno dazumal beim Pioniernachmittag

Matias Aguayo & The District Union lassen es entspannt grooven, aber leider bleibt es nicht so richtig im Ohr hängen. Vielleicht ein Fall für den zweiten Versuch.

Die White Lies hingegen können zwar nicht mit ausgefallenem oder stilsicherem Bühnenoutfit glänzen, dafür punkten sie mit einer Handvoll Hits auf der Habenseite, die vom Publikum dann auch entsprechend abgefeiert wurden.

Ich bin deine Mudder…

Da kamen vor der Mainstage dann doch ein paar Leute zusammen.

Nächster Stop am anderen, gefühlte zwei Kilometer entfernten Ende des Terminalgebäudes: Savages.

Natürlich hat sich der Weg für den heißen Scheiß der Saison im New New Wave gelohnt. Coole Platte, coole Show. Und im Gegensatz zu Roskilde konnte man die Damen, dank weniger Nebel, auf der Bühne sogar unterscheiden.

Danach mit Sohn ein Trio, dass momentan auch Kriterherzen höher schlagen und den Bloggerwald rauschen läßt. Sehr gefühlige Songs im dezenten Elektroakustikgewand.

Und danach das eigentliche Highlight des Tages: My Bloody Valentine. Nicht weniger gefühlig, aber umso lauter. Im Lineup durch eine Keyboarderin & Gitarristin verstärkt gab es zwar nicht alle Klassiker, aber vor allem die Songs des neuen Großwerkes „mbv“. Erfürchtiges Staunen war angebracht.

Unverständnis hingegen bei Björk und ihrer Tanz- und Singegruppe. Die singende Pusteblume fesselte und verstörte je nach Gusto. Dazu die Visuals, die man schon im letzten Jahr sehen konnte.

Bodenständig hingegen die Punkrocker von Turbostaat, die sich interessanter Weise nicht die Größe der Bühne aufzwingen ließ und sich mit Verstärkeranordnung und vorgerücktem Schlagzeug einen intimeren Rahmen näher am Volk schufen. Routiniert mitreißend. Allerding muss mir mal noch jemand erklären, warum die Fans in der ersten Reihe die Texte so laut mitgrölen müssen. Denken die Jan Windmeier kann sich vielleicht nicht mehr an seine Texte erinnern?

Kitsuné die Zweite: New Rave Speerspitze Klaxons baten zum Tänzchen und kaum jemand ließ sich lang bitten.

Fritzchen Kalkbrenner machten dem versammelten Partyvolk den Rausschmeißer auf der großen Bühne mittels sanft abgefedertem Technosoul der romantischen Art.

Bambi lebt

Paralell dazu ließ Pantha Du Prince zwar nicht die Glocken klingen, drehte aber bekannt stilsicher an den Knöpfchen, auf das ein Zucken und Zappeln die Masse durchwogte. Ein schöner Ausklang des Livegeschehens.

Danach bliebt dem versammelten Partyvolk nur der Weg zum Shuttel in die Arena oder zum stillen Chillout in die Silent Disco im Art Village. Damit ging auch für uns ein ereignisreiches Festival voll hochkarätiger Auftritte zuende, genau wie die Openairsaison. Ab nun also wieder Clubkost, was ja auch was für sich hat. Schließlich ist dort die intimere Athmosphäre eher zu finden, aber solch eine hohe Ballung an Highlights dürfte dann erst wieder im nächsten Sommer auf den Festivalplätzen im In- und Ausland auf uns warten. Mit einer Träne im Knopfloch verziehen wir uns nun hinterm Ofen bis nächstes Jahr wieder die Sonne und jede Menge interessante Newcomer und alte Säcke ins Licht heraustreten. Bis dann…

www.berlinfestival.de

Oder alle Bilder auch bei Flickr.

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