Austra – Olympia

Text: | Ressort: | 18. November 2013

Das finde ich aber höchst überraschend: Yes hatten irrige Ansichten über das Wesen der Siebziger und machten dennoch Entdeckungen, leiteten Revolutionen ein, erweiterten unseren Progressiv-Horizont. Und Austra… erweitern gerade ihren Gothic-Pop hin zu einem Cocteau-Zwilling des achtziger Ambient-Schmocks – für die Stereoanlage.

Lustigerweise gab es da mal diesen ungewöhnlichen Mainstream-Progressive-Zwitter-Track von Jon Anderson namens „Olympia“ – erschienen auf seinem 1982er „Animation“-Abum. Ja, genau der Anderson, Sänger der britischen Art-Prog-Band Yes, die Mitte der Neunzehnhundertsiebziger auf der Höhe ihres Schaffens war. Neunzehnhundertdreiundachtzig hatten Yes ihren größten kommerziellen Erfolg mit einem ganz ähnlichen Geräusch-Konglomerat wie es Anderson im Jahr zuvor schon ausgeheckt hatte: Chorknabenstimme wabert über abstrus zusammengefummelten Bass- und Keyboardlinien, alles per Fusion-Rock-Drum-Teppich hip-wopperig zusammengestanzt. Wie hieß der Stil damals? Viele Junge mögen das heute einfach unter Seventies Rock’n’Roll verorten. Dieser Abzweiger hier ist aber ein paar Jahre jünger, ein extrem konsumerabel zugeschnittener Ambient-Artefakt – dazu textlich beinahe religiös… Wer’s nicht mehr erinnern kann, höre „Owner of a lonely heart“ von Yes, oder auch „We built this city“ von der auf diese sehr einträgliche Schmock-Schiene aufgehüpften Starship (einst Jefferson Airplane!) deren 1985er Album neben dem kommerziellem Erfolg den Preis für den originellsten Titel, nämlich: „Knee deep in the hoopla“, hätte bekommen müssen. Was hat dies nun mit Austra zu tun, diesem bislang einwandfrei mainstream-resistent klingenden Gruftdisco-Organismus?

Austra haben derzeit einen Stilbruch gewagt, aus ihrem zackig modernden Grab Richtung beschwingte Mittsommer-Mondschein-Serenade. Nicht so epochal, aber in der Konsequenz durchaus Anderson & Yes‘ waghalsigem Todessprung aus den Siebzigern in die Achtziger ähnelnd. Dabei ganz haarscharf an einem Mike Oldfield-Deep-House-Mix vorbei schrammend, mit wehendem Haar und goldenen Satin-Mänteln sowie lustigem MGMT-Neo-Hippie-Outfit für den männlichen Teil der Band – so gesehen beim diesjährigen Melt-Festival. Das ist unter Marketing-Gesichtspunkten gesehen nicht klug, – mir aber sympathisch: eine kanadische Vampir-Jäger-Clique tanzt sich hinein in eine mediterrane Strandparty. Himmlisch. Gotisch-totenbleich geschminkt führt Katie Stelmanis mit ihrer Stimme durch trickreich gesetzte Labyrinthe aus reichlich, und deutlich hörbaren, elektrischen Handclaps- bis Maracas-Samples. Dieser extrem überkanditelte, ja quasi ironische Charakter, oder: Pseudo-Prog-Ambient-Stil, macht dann aber gerade den Reiz dieses Albums aus. Auf welchem hierzu, gegenüber dem Vorgänger „Feel It Break“, vermehrt mit Entschleunigung, weichen Sounds, einigen Non-Rock-Rhythmen und Breitwand-Mixes gearbeitet wurde. So, dass am Ende gar nicht genau feststeht, ob dieses Werk nur einfach eine reflexartige Fluchtbewegung aus dem Goth-Disco-Genre, oder doch eine bewusste Verneigung vor dem Werk der Cocteau Twins sein könnte. Jedenfalls finden sich einige essentielle C.T.-Zutaten auch bei Austra wieder: eine bis an die Geschmacksgrenze desingte Sound-Landschaft und die hochaufstrebende Stimme mit ihrem spärisch-diffusen Charakter, der mittels zum Chor aneinander gereihter Lead-Stimmen erzeugt wird. Was live dann leider lange nicht so adäquat umgesetzt werden konnte. Der extrem unwirkliche Schwebezustand schrumpft hier zur Null-Acht-Fünfzehn New-Wave-Show. Was gerade die raffinierten Songstrukturen des Albums völlig entzaubert, auf welchem diese dermaßen omnipräsent, gleichzeitig dermaßen unaufdringlich über dem Schwermut-Beach wabern, dass sie einen Finnischen-Saunagang der Gefühle erzeugen. Somit eine superbe Studio-Konserve, die Austras Live-Show sowas von olympisch überragt, dass Letztere mir kläglich, mikrig, lediglich: „knee deep in the hoopla“ von der Bühne herüber zu wummern scheint. (Domino Records)

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