Muggertum galore! – A Perfect Circle “Three Sixty”

Text: Jensor | Ressort: Kunst, Musik | 10. Dezember 2013

Na da schau an – läuft man sich doch mal über den Weg. Mit dem Thema „A Perfect Circle“ hatte ich mich bis dato überhaupt noch nicht beschäftigt. In jenen Zeiten, in denen A Perfect Circle ihre Platten veröffentlichten (so vor einem runden Dutzend Jahren), gab es in meinem Umfeld schlicht niemanden, der sich diese Art von Musik anhörte. Oder sagen wir es mal etwas weniger ausschließlich: Es gab in eben erwähnten Umfeld niemanden, der diese Musik für derart wichtig und wesentlich gehalten hätte, um sie mir unbedingt und dringend ans Herz zu legen, vorzuspielen oder mich anderweitig mit der Nase darauf zu stubsen. Und ich selbst mochte mich nicht recht aufraffen – zu viel anderer Kram wollte entdeckt und gehört werden. Jene Dinge, die man zu A Perfect Circle zu lesen bekam, sorgten bei mir nun auch nicht gerade für schweißnasse Hände. Namedropping inklusive; tut mir leid, ich habe zu einer Band wie Tool ein durchaus respektvolles, aber eben auch distanziertes Verhältnis. Ich kann schon verstehen, wo die Band hin will, doch ehrlich gesagt kommt mir aus dem Hause Tool etwas anderes wie die angenehm sperrig-noisig-bassige „Undertow“ nicht freiwillig in den Player. Deshalb war mir persönlich die Ankunft von „Three Sixty“ gar nicht mal so Unrecht. Bildungslücken schließen! Inwiefern es jetzt in irgendeiner Form gerechtfertigt ist, dass eine Band, die gerade mal zweieinhalb reguläre Veröffentlichungen auf der Uhr hat, jetzt in der Vorweihnachtszeit mit einem Best-Of-Doppelalbum um die Ecke kommt, auf dem sich gerade einmal ein magerer neuer Song findet, oder ob wir da von schnöder Beutelschneiderei reden, möge der harte Kern des APC-Fankreises angeregt diskutieren. Ich bin da raus.

Apropos raus: Nach guten 85 Minuten A Perfect Circle – Maynard James Keenan knödelte sich gerade durch eine Live-Version von „Fiddle And The Drum“ – machte sich so langsam eine gewagte These in mir breit, die unbedingt raus muss. Vielleicht gibt es ja wirklich so etwas wie einen unterbewußten Schutzmechanismus, eine Art Radar, der einen eingefleischten Nerd um den ärgsten Unbill, den eine ausgeprägte Leidenschaft nun mal logischerweise mit sich bringt, einfach herumlotst. Der einen vor blöden Erfahrungen bewahrt und böse Enttäuschungen vermeidet. Denn nach dem Genuss von „Three Sixty“ weiß ich – das wäre nix geworden mit uns. Und das wird auch nichts mehr. Tut mir leid, bei der entsetzlichen Coverversion von John Lennons „Imagine“ kam ich mir sogar ein kleines bißchen veralbert vor. Nun war ja schon das Original DAS ideal-typische Beispiel für „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, aber diese Version flog da ja mühelos noch mal drunter durch. Warum macht man so etwas? Außer natürlich, um Leute zu veralbern. Allerdings fürchte ich, dass dies aus tiefster Seele ernst gemeint ist – zumindest lässt die generelle Inszenierung von Maynard James Keenan auf der einen und die gerade frisch gelesenen Entäußerungen von Billy Howerdel auf der anderen Seite darauf schließen, dass A Perfect Circle nun nicht unbedingt der Hort von Humor, Ironie oder gar Selbstironie ist.

Eher schon des ausgeprägten Kunsthandwerks. Nicht ohne Grund bekommt man ja im APC-Kontext alle Nase lang Begriffe wie „Supergroup“, „Genies an den Instrumenten“, „absolute Könner“ (ohnehin mein Lieblings-Euphemismus) und „Ausnahmekünstler-Status“ um die Ohren gehauen bekommt. Musik mit “Niveau“! Damit man ja auch merkt, dass hier etwas Großes passiert. Und da saß ich nun vor meinen Boxen und wartete auf Großes und heraus kam „The Hollow“, ein ordentlich angeprogter Stadionrock-Tränenzieher, den ich nur mit äußersten Bedenken und dem unbedingten Verweis auf die völlige Sinnentleertheit des Begriffs mit der Bezeichnung „Alternative“ versehen mag. Darüber thronte die Stimme von Maynard James Keenan, der man die vielen, vielen, vielen Gesangsstunden seit „Sober“ anhörte. Leider. Denn in diesen vielen Stunden hatte er sich ein überambitioniert-emotionales Knödeln antrainiert, das ich in dieser Form von Tool gar nicht kenne (möglicherweise gibt es da die nötigen Gegengewichte, die ihm entsprechendes Auftreten verbieten – was aber nur eine vollkommen unbestätigte Annahme meiner Wenigkeit ist). Immerhin – der Gesang passte perfekt zu einer Musik, auf der ein ähnlicher Fettfilm lag wie über den Platten von Alice In Chains. Der Fettfilm des AOR, des Überambitionierten, des Künstlerisch-Wertvollen, des Muggertums. Kurzum jener Rockismen, die sich über den Satz „Die beherrschen ihre Instrumente aber wirklich perfekt“ definieren – was ja dann irgendwie sein Manifestierung auch im Bandnamen erfährt. Instrumentbeherrschen tun A Perfect Circle in der Tat, ganz gleich in welcher Besetzung – aber gerade dieser schwere Hang zur Perfektion ermüdete mich auf lange Sicht. Mal ganz abgesehen davon, dass die Band schlicht nicht in der Lage war, das Tempo zu wechseln, um mal ein Bild aus dem Fußball zu nutzen. Die legten mit „The Hollow“ einen Trademark-Sound vor, aus dem APC nicht mehr rauskommen (wollen). Einzige Überraschung blieb „Counting Bodies Like Sheep To The Rhythm Of The War Drums“, das schwer nach Trent Reznor klang, aber ohne ihn auskommt. Während ausgerechnet jenes Stück, das aus dem Tapeworm-Projekt mit erwähnten NIN-Mastermind stammte, echt öde war – „Passive“ hat eine Hookline, für die sich auch gestandene AO-Rocker wie Boston oder Journey nicht geschämt hätten.

Allerdings bin ich trotzdem sehr froh, diese Platte gehört zu haben. Sie hatte mir doch noch einmal einiges erklärt. Zum Beispiel, wo unter anderem dieser mittlerweile schon arg ausgeprägte Hang zum progressiven Rock her kommt (immerhin habe ich im Zuge meiner Recherchen mal gelesen, dass APC schlanke fünf Millionen Platten verkauft haben). Dieser Trend ist mir ja auch erst aufgefallen, seitdem ich recht regelmäßig mal in das Fachblatt „Visions“ schaue – da wird ja in jeder Ausgabe mindestens dreimal Neo-Prog richtig geil gefunden. Abgefahren, dass ein Musikstil, der zumindest in meinen Ohren exakt das Gegenteil dessen formuliert, was man mal unter Punk, Post-Rock, Metal, Noise, meinetwegen auch Alternative subsimiert hat – nämlich Kunsthandwerk, Muggertum, Überambitioniertheit und Hang zum Perfektionismus – in den erwähnten Kontexten eine derartige Renaissance erfährt. Aber da bin ich dann auch raus (ich habe es mit Steven Wilson versucht und entnervt aufgegeben).

PS: Ach ja, der Bildungsauftrag. Ja, es gibt exakt einen neuen Song auf „Three Sixty“ namens „By And Down“. Ich persönlich finde ja, dass dieser im gesamten Kontext nicht weiter auffällt – eher noch abfällt im Vergleich zum älteren Material. Und ob man nun die Ein-CD- oder Zwei-CD-Version braucht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Auf erster Ausgabe fehlen in erster Linie die vier Live-Aufnahmen von „People Are People“ (grrrrrr, auch so ein schrecklicher Totalausfall), „3 Libras“, „Gravity“ und „Fiddle And The Drum“.

„Three Sixty“ von A Perfect Circle ist auf Virgin erschienen.

Foto: A Perfect Circle/T. Cadiente

www.aperfectcircle.com

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