Ganz weit draußen – The mighty return of Monster Magnet

Text: | Ressort: Allgemein, Musik, Veranstaltungen | 2. Januar 2014

Foto: Sandi Murphy

Es gibt eine ganze Menge von Entscheidungen, für die ich dem Hause Glitterhouse verdammt dankbar bin (was aber mal ein Thema für einen eigenständigen Artikel wäre). Dazu zählt auf jeden Fall die Entscheidung, im Jahre 1991 die Platte „Spine Of God“ der Band Monster Magnet zu veröffentlichen. Eine Platte, die ich mir auch umgehend zugelegt hatte – weil sie cool aussah. Und weil jeder irgendwie meinte, dass ich dies tun sollte. Wobei ich mit jeder jene Menschen meine, deren Meinung ich als relevant erachtete. Muss man ja auch mal sagen. Mit dem Namen Monster Magnet konnten damals noch nicht gar so viele Leute etwas anfangen – abgesehen von den Checkern in Form von Plattenhändlern (zumindest jenen, die ihr Treiben unter einem gewissen Nerd-Gesichtspunkt betrachteten), Fanzine-Schreibern, Fanzine-Lesern und sonstwie mit Popkultur verwobenenen Menschen. Nix Pitchfork. Oder so. Langer Rede kurzer Sinn: „Spine Of God“ (und a bisserl später noch die „Tab“ als Monster Magnet 25) knallte richtig gut rein. Wie gut, bekam ich erst justament vor einer Handvoll Tagen mit, als ich mir die Platte mal wieder auf den Turntable legte. Wow, das fetzt ja immer noch.

monster magnet

David Wyndorf war aber auch ein cooler Hund. Dieses „It‘s A Satanic Drug Thing/You Wouldn‘t Unterstand“ war genau das, was man als 23-Jähriger in der nach wie vor latent vorhandenen Anarchie der Nachwendezeit hören wollte. Ausprobieren wollte. Monster Magnet mit ihrer rockistisch angedockten Breitbeinigkeit, mit ihrem unbedingten Willen zum Abgespact-Sein waren genau zur richtigen Zeit da, um bei mir eine Leerstelle zu besetzen. Weil dieses Rock-Ding irgendwie ja doch cool ist – Hardcore hin, Punk her. Wobei sich die gesamte Coolness des Rock-Universums haargenau in diesem Herrn Wyndorf manifestierte. In seiner drogifizierten Outlaw-Attitude, in seiner irrwitzigen Übersteigerung aller denkbaren Klischees, in seiner grandiosen Fettheit. Und so ganz nebenbei brachte mich „Spine Of God“ auch noch auf den Pfad des Psychedelischen – das war mir bis dato eher so zufällig mit reingerutscht. Spacemen 3 und so. Shoegazer. Allerdings war mir da das Ding mit der Psychedelica nie so vordergründig ins Auge gefallen. Bei Stücken wie dem 32-Minuten-Schinken „Tab“ oder „Nod Scene“, „Spine Of God“ und „Ozium“ ließ sich der psychedelische Aspekt des gepflegten Kontrollverlustes nicht mehr ignorieren – weil er einfach auch so perfekt in das Gesamtkonzept passte.

Nun wäre das Ganze wahrscheinlich auf lange Sicht nicht so spannend geblieben, wenn sich David Wyndorf & Co. in dieser Nische nachhaltig festgesetzt hätten. Aber Monster Magnet blieben aufregend, weil sie zugleich den unbedingten Willen zur Veränderung zeigten. Jede Platte eine Überraschung. „Superjudge“, das diese fette Melange noch einmal mit einem ordentlichen Schlag Spacerock verfeinerte. „Dopes To Infinity“, welches hier noch einmal einen ordentlichen Schuss Black Sabbath hinzu gab und überdies mit „Negasonic Teenage Warhead“ einen Hit parat hielt, der auf anstehende Großtaten aber mal so etwas von deutlich hinwies. Und letztlich der Kumulationspunkt: Das unkaputtbare Monument „Powertrip“, mit dem sich Monster Magnet gewissermaßen als rockistischer Gegenpol zu Turbonegro positionierte. Mit ähnlicher Urgewalt, Intensität und Überstilisierung, nur am anderen Ende der Skala – natürlich deutlich konventioneller, da unbedingt hetereo. Aber da schwang trotzdem immer etwas ähnlich Gefährliches, Gefährdendes mit. Und sei es „nur“ (nur in dicken, dicken Anführungszeichen) ob des latenten Borderlinings zwischen Leben und Tod, mit dem Dave Wyndorf aufwartete. Überdosen inklusive. Und bloß nicht damit anfangen, dieses Album auf den „Space Lord“ zu reduzieren – eigentlich ist es dieses bösartig Knurrende am Anfang von „Bummer“, das als exemplarischer Moment stehen sollte. Hell yeah. Was für eine große Musik.

Die nächste Parallele zu Turbonegro: Es ist verdammt schwer, einem Monument etwas folgen zu lassen. Die Norweger lösten sich nach „Apocalypse Dudes“ konsequenterweise erst einmal auf (und kamen auch nach dem Comeback nicht mehr so recht auf die Beine, nimmt man mal die aktuelle, runderneuerte Version heraus). Monster Magnet entschieden sich für den aus meiner Sicht unglücklicheren Weg. Sie machten einfach weiter. Mit „God Says No“. Da machte sich zum ersten Mal bei mir so etwas wie Enttäuschung breit. Ich meine, es gibt ja ein paar schöne Songs auf dieser Platte – „Doomsday“ zum Beispiel oder der Schinken „Cry“. Aber irgendwie war der Zauber weg. Der Zauber der stetigen Entwicklung. „God Says No“ war irgendwie nichts anderes als eine Neuauflage von „Powertrip“ – das war schon eine Enttäuschung. Und dann fehlte auch noch die Konsequenz. Aber es sollte noch schlimmer werden für mich: „Monolithic, Baby“ war der Moment, an dem ich raus war. Endgültig. Weil Dave Wyndorf auf einmal nicht mehr wie Dave Wyndorf klang, sondern wie ein Dave-Wyndorf-Darsteller. Argh, das wollte ich nun gar nicht hören. Mit „4-Way Diablo“ und „Mastermind“ habe ich mich dann überhaupt nicht mehr beschäftigt. Nicht, dass die Rezensionen dazu wirklich schlecht gewesen wären. Aber allein schon diese lasen sich uninteressant. So uninteressant, dass sich eine Beschäftigung mit der Musik nicht lohnte. Eine Erfahrung, die ich in den letzten Jahrzehnten zur Genüge gesammelt hatte. Hatte sich also erledigt, das Thema Monster Magnet.

Denkste. Denn in den letzten Jahren hat man offenbar den Dave-Wyndorf-Darsteller wieder gegen Dave Wyndorf ausgetauscht. „Last Patrol“ klingt beinahe schmerzhaft authentisch (wenn ich mal mit diesem zugegebenermaßen abgenutzten Begriff um die Ecke kommen darf). Nicht im Sinne von Hits, nein nein, die gibt es auf „Last Patrol“ eigentlich nicht und der eine Versuch namens „Hallelujah“, der sich in Richtung Eingängigkeit bewegt, zählt nun nicht unbedingt zu den Höhepunkten der Platte. Die sind eher in Richtung des psychedelischen Freakouts zu finden, mit denen „Last Patrol“ aber mal wieder so etwas von aufwarten kann. So ein typischer Schinken wie der Titelsong, der neun Minuten lang auf einer Grundstruktur herumkaut und sich dabei dennoch hinausbewegt in die endlosen Weiten des Spacerock. Nicht ohne Grund wird gerne „Spine Of God“ als unmittelbarer Bezugspunkt angegeben. Freilich angedickt mit der Erkenntnis, auch bis in die letzte Ecke der rockistischen Breitbeinigkeit reinzukommen, wenn es Not tut. Das schwingt so als Ahnung mit – ebenso wie die Tatsache, dass es eine dunkle Seite der Rockismen gibt, die sich schwer auf die Seele legen kann. Als neue Aspekte, die „Last Patrol“ eben nicht zu einem schnöden Wiedergänger machen, sondern zu jener Platte, die ich mir eigentlich nach „Powertrip“ gewünscht habe. Cool. Ich bin wieder dabei.

Ach ja: Monster Magnet sind auch wieder unterwegs. Dave Wyndorf scheint seine Dämonen so einigermaßen im Griff zu haben. Und es kann eine Menge Spaß machen, sich mit ihm auf einen anständigen Trip zu begeben (davon zeugen die durchaus überschwänglichen Reaktionen auf die letzten „Dopes To Infinity“- und „Spine Of God“-Touren). Erst recht, wenn ihm geschultes Personal wie die komplette Atomic Bitchwax-Rhythmusfraktion mit Drummer Bob Pantella und Bassist Chris Kosnik zur Seite steht. Wir sehen uns dann am 28. Januar im Werk 2.

PS: Die haben Church Of Misery mitgebracht! Hey, Church Of Misery! Ist das nicht geil? Noch ein Grund mehr, da aufzuschlagen.

Monster Magnet sind unter anderem am Start:

27. Januar – Berlin, Huxleys Neue Welt

28. Januar – Leipzig, Werk 2

31. Januar – Wien, Szene

1. Februar – Lindau, Club Vaudeville

2. Februar – Nürnberg, Hirsch

3. Februar – Zürich, Komplex

9. Februar – Karlsruhe, Substage

10. Februar – Wiesbaden, Schlachthof

16. Februar – Dortmund, FZW

18. Februar – Köln, Live Music Hall

19. Februar – Hamburg, Markthalle

„Last Patrol“ ist bereits via Napalm Records erschienen.

www.zodiaclung.com

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