Isolation Berlin: Aquarium EP

Text: | Ressort: Musik | 5. Juni 2014


„Isolation Berlin“ ist eine Normal-Problematik-Band, die schlichte Melodien mit ebenso schlichter Poesie zu einigermaßen straighter Normal-Problem-Musik verbindet. Sie steht damit in der Tradition englischer, anti-hipper Ballungsraum-Musik, die unverstellt erzählen will, statt zu versuchen in erster Linie politisch rumzupöbeln, oder avangardistisch zu reüssieren.
Ja, das wurde auch in Deutschland als sehr erfolgreiches Phänomen schon beobachtet, siehe Kettcar oder Tomte. So wie bei den genannten Bands, kann die Musik manchmal sehr langweilig und stumpf sein. „Isolation Berlin“ wandert da ebenfalls auf einem schmalen Grad. Hier das absolut redundante Wort, dort das makellos strahlende Melodie-Juwel. Titel und Cover ließen einen harten Stoff erwarten, welcher sich dann allerdings doch nicht dahinter verbarg. Eine junge Band, und eine für heutige Verhältnisse erwartbare, technisch durchschnittlich perfekte Produktion. Alles irgendwie aufgeräumt, sauber und glatt. Was manchmal eine tricky Fassadentechnik bedeuten kann. Dazu würde jedenfalls passen, dass sich die Jungen der „Isolation Berlin“ gern in der Tradition von Belle & Sebastian oder Ton, Steine, Scherben sähen. „Isolation Berlin“ sucht offensichtlich nach tradierten Anknüpfungspunkten. Und diese Suche spiegelt sich dann auch in der Heterogenität der einzelnen Stücke wieder, deren es hier vier zu hören gibt. „Alles Grau“ ist stark, ich meine zu stark, an Rio Reiser angelehnt. Dieses Plagiat geht schief. Bei mir kommen sie, trotz dieses Patzers, erstmal in die Schublade zwischen die Pretenders, The Lodger und die Ärzte („Lisa“) – was durchaus schmeichelhaft gemeint ist. Ätzender Polit-Rock à la Scherben braucht dagegen mehr als nur eine vage Haltung.

Gottlob scheint – auch, wenn es offenbar eine Sehnsucht nach dem politischen Lied gibt – kein verbissenes Epigonentum durch. Eher spielerisches Herantasten. Die merklichste Eigenschaft der Band scheint mir ihr entspanntes Tempo zu sein. Man müsste mehr hören. Ich sehe und höre im Videoportal den „Körper“-Song. Eher ein Live-, Ü.-Raum-Ding. Dieser raue Sound geht völlig weg vom ausbalanciertem „Aquarium“-Stoff. Wenn die Band eine etwas klarere Kante zeigte, wäre sie sicher einfacher wahrzunehmen. Die Produktion versucht dieses Moment zu verschleiern, indem sie alles monochrom einfärbt. Es fasert aber für meinen Geschmack etwas zu sehr um verschiedene Blaupausen herum. Nicht von Morrissey, sondern von den Toten Hosen oder den Ärzten könnten die Gesangs-Linien („Rosaorange“) stammen, also eine gewisse Schlichtheit und Grobschlächtigkeit durchaus in Kauf nehmend. Wenn sie keine Punks, sondern, wie sie schreiben: „Propop“ sein wollen. Ja, woran macht man dies dann fest? Es gibt immerhin Bezugspunkte, die zu Fifties Pop à la Buddy Holly (da schließt sich der Kreis zu den Ärzten tatsächlich), sowie in die Achtziger, etwa zu den Pretenders, beziehungsweise in die 2000er zu The Lodger, reichen, und welche oft wirklich schöne, in Momenten gar sophisticatete Gitarren-Licks zeigen. Bitte dort anknüpfen – auch, wenn ich kein ausgesprochener Pretenders-Fan bin. „Back on the chain gang“. Mischungen aus Mainstream-Pop, Poesie-Album und Protest-Song finde ich gegebenenfalls schon toll … searching for the young soul rebels et cetera. Ton Steine Scherben covern führt dagegen wirklich in die Isolation. „Isolation“ geht ja noch einfach über meine Lippen, doch: „Isolation Berlin“ – klingt erstmal Scheiße, scheint nicht zu passen. Vielleicht ist das Aufwachsen in Berlin heutzutage aber gar nicht so weltoffen und weltbesoffen wie im Allgemeinen angenommen wird. War’s das einstmals?

In einen solchen Kontext passten „Isolation Berlin“, die sicher nicht zu den coolen Sound- und Trend-Erfindern gehören, vielleicht schon besser rein. Sie klingen lange nicht so brutal selbstsicher, wie man das gemeinhin von Berlin-Bands fast schon erwartet – und was genau deshalb oftmals gleich wieder abtörnt. Pseudo-Aggressivität oder Pseudo-Gewitztheit lassen sie links liegen und bringen ihre natürliche Entspanntheit ein. Vielleicht also eine der neueren, eher atypischen, dafür aber genuineren Berlin-Bands, ganz naive Anti-Hipster. Leute, die einfach noch nicht genau wissen, wo sie andocken sollen. Unsicherheit im Sound, im Auftreten. Eigentlich komplett Berlin in Klammern: etwas Provinzielles, Poetisch-Naives, Unterbemitteltes, das musikalisch neben dem zugegeben nativen, aber dabei allzu oft nur comic-artigen Aggro-Sound bisher eher unbemerkt geblieben ist. Ein weicheres, pickeligeres testosteronärmeres Etwas, wie man es aus englischen Ballungszentren kennt und ganz natürlich erwartet. Und nebenbei als ein weiterer Wink zu lesen, dass heute Berlin in Sachen Hype vielleicht schon mehr als überzogen hat. Es gibt den Unterschied zu Birmingham, Tottenham, Enfield oder Manchester nur noch in der Fiktion. Aber, das ist der neue Aspekt: Berlin hat gegenüber München oder Frankfurt dieses Plus an Normalos, das heisst auch isolierten, arbeitslosen, wütenden Teens und Twens, die nicht glücksrittermäßig die Stadt suchten, sondern bereits hier waren. Ganz nach dem Motto: guter Pop kommt von Unten, bleibt geerdet. Sollte „Isolation Berlin“ dieser Jugend kulturell irgendwie nahe stehen, so wäre ich durchaus bereit auch ein wenig mit zu fiebern und zu hoffen. Mögen jetzt andere die Qualität der „Auquarium“-EP, mit ihren gar nicht billigen Gitarren-Melodien, näher beurteilen und – nehmen wir mal die Pretenders als Vorbild an – möge die „Isolation Berlin“ genauso unprätensiös, straight und schön laid back bleiben, wie sie es im Moment tatsächlich zu sein scheint.

Isolation Berlin – Aquarium“-EP / Funions Agency

Die nächsten Auftritte:

18.06.2014 Kaffee Burger – Buch-Release Party: Kerstin Grether – Musik: Doctorella + Isolation Berlin
21.06.2014 Musikschutzgebiet Festival

https://soundcloud.com/isolationberlin

Booking: henrietta@freizeitverhalten.com

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