Borcholte, Fidel Bastro, das sublime Mysterium Lana del Rey und ich

Text: | Ressort: Musik | 1. Juli 2014

Es muss schon etwas Bedeutsames in Gange sein, wenn wirklich aus allen Bevölkerungsschichten Menschen zusammen kommen, um einem Konzert einer Künstlerin, an der sich die Geister scheiden, beizuwohnen, so wie es nun, am 20.6.2014, in Berlin in der altehrwürdigen Zitadelle zu Spandau geschehen ist, bei, genau, Lana Del Rey.

Details zu Künstlerin und Werdegang derselben lassen sich an dieser Stelle vorerst aussparen, weil hinlänglich bekannt und allerorten nachlesbar – aber halt! Da fangen sie schon an, die Probleme: Zwar ist man sich einig, dass das neue Album „Ultraviolence“ soweit in Ordnung geht, aber ihre Auftritte…! Jedoch von vorn.

Gut eine Stunde vor Beginn des zu 19 Uhr angedachten Konzertes, zu dem zu fahren wir unsere guten Gründe hatten, erwartet uns -dass es so etwas noch gibt!- eine Endlosschlange vor dem Einlass, ich wähne mein Nervenkostüm aufgrund exorbitant langer Warterei (nix Gästeliste, Akkreditierung oder gute Bekannte bei der professionell agierenden Peripherie rund um das 6000-Gäste-Event, die beim Durchmogeln hilfreich sein könnten, so dass wir, schnöd zahlendes Gastvolk, das wir nur sind, uns brav hinten anstellen müssen, welch Genugtuung mitzubekommen, wie nach wenigen Minuten das Ende aufgrund fortwährenden Gästezustroms zur sich zwar immer noch nicht bewegenden, aber hoffnungsfroh bleibenden Schlangenmitte mutiert ist) bereits weit vor Sichtung der eigentlichen Location in Fetzen und schreite in meiner Not, denn Schlangen-Warterei ist mindestens so nervig wie Bandwurmsätze wie dieser hier, forschen Schrittes die Schlange ab, in der Hoffnung, ein bekanntes Gesicht zu sehen, so dass wir uns formschön mit reindrängeln können, aber keine Chance, nur fremde Leute hier. Na ja, fast. Doch dazu später.

Plötzlich geht dann doch alles ganz schnell und wir sind drin. Warterei und Wurstbuden, ein kleiner Voract, Max Jury, der in Jackett und Habitus kurz an Epic Soundtracks, Gott hab ihn selig, erinnert, und der Menge ein paar eigene Keyboardpianoballaden und Neil Youngs „Helpless“ gibt, nicht, dass allzu viele davon groß etwas mitbekommen hätten, dann Lana, knapp länger als ’ne Stunde, und dann ist es, kurz vor Zehn, auch schon wieder vorbei und die Geister beginnen sich wieder zu scheiden. Aber zurück.

Wir befinden uns noch direkt in der Phase „Warterei und Wurstbuden“, die mir Gelegenheit verschafft, über das weitläufige Areal zu schweifen, um die Topografie der Lana-Hörerschaft tiefer zu ergründen. Sehr junge, junge und nicht mehr ganz so junge Menschen, manche vom Fach, Familien, Fans, Pärchen, Grüppchen, Mädchen mit Kränzchen aus Blümchen, später wird von anderer Seite eine hohe Punk-Rock-T-Shirt-Dichte eruiert, selbige Quelle erstand an jenem Abend gar eine frühe Die-Kreuzen-Single am Second-Hand-Plattenstand, der -neben dem üblichen Merchandise-T-Shirt-Nepp und den vom den Abend dominierenden H&M-Look abweichenden Dresscodes jugendkulturell involvierter Merkmalsträger, die die marktführende Berichterstattung später zumeist, wir sind hier schliesslich am Puls der Welt, als „Hipster“ zusammenfassen wird, plusminus „Indie-Publikum“ – als einziger Hinweis auf ein Event aus dem weiten Feld der Popkultur zu bewerten ist. Eine beeindruckende, gänzlich unerwartete Transaktion, die den Verkäufer auch Stunden später noch zu Begeisterungsstürmen verleitet. Wenn er nur wüsste, wem er sie verkauft hat! Aber dazu gleich.

Ein Wort zur Presse. Sie wird in den nächsten 24 Stunden mit Beiträgen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, zu Tage fördern, was eigentlich alle wissen: Jeder hat sein eigenes Bild von Lana, und so sehr sich die Geister an ihr scheiden, so sehr macht sie deutlich, wie inspirierend und aufregend diese für die Veränderungen unserer kulturellen Welt signifikante Kunstfigur, egal ob man ihre Musik mag oder nicht, für jedermann doch ist – und was man sich dazu so alles zusammenreimen kann. Darüber bald mehr.

Im Randbereich fallen zwei Typen auf, der eine befindet sich, wann immer ich ihn sehe, Bier trinkend relativ weit hinten, mitunter vom Konzert abgewandt, zusammen mit zweidrei Leuten, die so rumstehen, wie Menschen, die den Eindruck vermitteln möchten, irgendwie drüberzustehen, halt immer so rumstehen auf Konzerten. Der andere steht zwar am Rand, aber weit näher dran und seine Begleiterinnen werden tanzen und trinken. Er verstrahlt die Würde eines Seelöwenkönigs, der auf den Galapagosinseln über seiner Herde auf dem geilsten Fels der Insel thront, weist physiognomische Ähnlichkeiten zu Gerard Depardieu auf, kann aber besser schauspielern. Beide Typen sind, wie ich, der ich auch mit 3 Begleiterinnen da bin, erkennbar jenseits der 40. Es ist ein Wunder, denke ich, da fährt man einmal nach Berlin, und wen trifft man hier? Welch sonderbares Triumvirat norddeutschen Musiknerdlertums! Und so kommt es, dass Andreas Borcholte, Popleitkulturer von SPONS Gnaden, Bernd Kroschewski, Ex-Fanzinemacher („Das Heft“), Fidel Bastro-Labelcheffe und u.a. Boy Divison Band Member, inzwischen zum mit Kampnagel-Engagement geadelter Theatermensch der etwas anderen Art avanciert, und, äh ich (der ich mich als kleines Licht in diese Riege einfach mal einreihe, weil es dramaturgisch so schön passt, der hiesigen Leserschaft aber eine Aufzählung meiner persönlichen Leistungen für das uns umspannende Musikfreakparalleluniversum vorenthalte, weil es die innere Etikette so will (Nicht, dass ich mich schämen würde, ganz im Gegenteil, auch heutzutage trifft man noch auf Menschen, die, bekommen sie zu erfahren, dass man damals für PNG geschrieben hat, spontan den Spross aus der Karre hieven, ihn mir entgegenstrecken und verzückt immer wieder „Küssen Sie mein Baby!“ rufen.)) alle heut bei Lana sind, so dass ich quasi gar keine andere Wahl habe, als diese Steilvorlage textlich zu verwerten, in der Hoffnung, auf diese Weise ein wenig Licht in das samtene Dunkel, das Lana umspielt, zu bringen. Natürlich gehe ich zu Bernd, Andreas kenne ich ja gar nicht persönlich. Bernd habe ich mal vor Urzeiten, in der Prä-Post-PNG-Phase des Landes kennengelernt, damals wurde das Gesamtwerk der wichtigsten deutschen Rockband aller Zeiten, Hrubesch Youth, auf einer CD wiederveröffentlicht, was bei mir zu verständlichen Euphorie- und Begeisterungsstürmen führte, hatten meine Kumpels und ich uns doch oft und gern beim Hören ihrer Debüt-LP Dahlin Orgel“ die Birne weggesoffen, während der Rest der Welt privilegierter junger Männer mit den gleichen Hobbies Selbiges zu Oasis zu tun bevorzugte. Was für Schnarchnasen! Aber genug davon.

Aufmerksam, wie der der hiesige PNG-Leser nun einmal ist, wird er sich sicherlich bereits zusammengereimt haben, dass Bernd das mit der Die-Kreuzen-Single war, welch praktischer Einstieg in eine schöne Konversation, in der wir auf die Insel von Fidel Bastro reisen, die nun schon etwas mehr als 20 Jahre allen Dürreperioden getrotzt hat, ein entsprechender Jubi-Sampler, auf dem u.a. eine der letzten Aufnahmen von Ari Up enthalten ist, wurde auf den Markt geschmissen und hat inzwischen erfolgreich die Schallmauer zweistelliger Verkaufszahlen durchbrochen, doch wer sich beeilt, kriegt vielleicht noch einen ab! Auch mit Boy Divison, man ahnt es schon, kann man was erleben. Eine neue Definition von „Erfolg“ gefällig? Na gut: Erfolg ist, wenn man in die Lage versetzt ist, ein Booking als Support Act für die UK Subs dankend abzulehnen, jedoch für die Buzzcocks in Norwegen eröffnen zu dürfen. Und während sich andere das Warten mit Bratwurstbeschaffung, Crepe-Konsum oder Handyhypnose vertreiben müssen, komme ich in den Genuss zahlreicher Anekdoten rund um die Welt von Boy Division, welche allein schon einen Beitrag wert wären. Aber nicht hier, nicht heute. Also lassen wir das.

Weil Lana kommt.

Mit ihrem Erscheinen auf der Bildfläche ist eigentlich alles klar. Uns männlichen Fortyups sollte unmissverständlich bewusst sein, sie ist nicht wegen uns hier. Kann man auch ihren Texten entnehmen. Obwohl, in gewisser Weise ist sie schon wegen uns hier. Mittelalte Männer machten sie zu dem, was sie ist – was sie draus gemacht hat, bekommt die ganze Welt zu hören, und nun wissen wir nicht so recht, was wir davon halten sollen. Leider wollen das einige von uns nicht wahr haben und wenden sich beleidigt oder vermeidend ab. Sich dem Phänomen Lana Del Rey und ihrem Werk, ihrer Inszenierung und ihrer Person unbefangen zu nähern, scheint mit zunehmender Professionalität immer schwerer zu fallen. Zumindest einigen dem eigenen Metier entwachsenen Männern vom Fach: Zum einen irgendwo zwischen völliger Abstrahierung und Drei-Prozent-Hirn-in-den-Schritt-Gewandert zu verortende, väterlich anmutende Inschutznahmen, redlich bemühte Rechtfertigungsarien und blanke Abfeierei, zum anderen enttäuschte Erwartungshaltungen, latentes Schuldgefühl, mangelnde Selbstreflexion – was immer es sein mag, was fachlich versierte Typen (btw: „Fachlichkeit“ bzw sich darauf zu berufen, ist meist ja nur ein Totschlagargument mit dem Hintergrund, die eigenen Pfründe schützen zu wollen, eine verkappte Form der Rechthaberei, meine Oma hätte gesagt „Ihr habt die Wahrheit doch nicht gepachtet!“ und sie hätte, wie immer, recht.) wie Borcholte & Co. dazu bewegt, am Tag danach erstaunlich hilflose Konzertberichte als nach den richtigen Worten ringenden Verrisse oder Lobhudeleien zu verfassen, sie entpuppen sich als Interpretationen, die allesamt mehr oder weniger deutlich auf Spekulation und Missachtung des Ganzen fussen. Nur Volker Weidermann von der FAZ hat sich aufrichtig Mühe gegeben und seine Gedanken haben etwas Verwundbares an sich, weil die durch den Abend initiierte Erkenntnis des eigenen Alterns zum Zeitpunkt des Schreibens offenbar noch nicht sich völlig in sein Bewusstsein hat vorarbeiten können, so mäandert sie als ätherisches Wesen durch seinen leicht melancholischenText, der sich stets um Zugewandtheit zu etwas im Kern fremd Bleibendem bemüht. Einzig Ruth Schneeberger (Süddeutsche) findet einen Ansatz, der irgendwie sachlich erscheint, aber die ist ja auch eine Frau. Aber weiter.

Lana gibt natürlich auch ’ne Menge Vorlagen. Aber ob es nun um Auswahl der Songs, Präsentation, Performance und Inszenierung dieser oder ihrer Person selbst geht, um das ungewöhnliche Ende des Konzertes oder all die Nähe-Distanz-Aspekte, sei es ihre im eigentlichen Wort Sinne unfassbare Ausstrahlung, seien es die Bäder in der Menge vor der Bühne, unterm Strich bleibt stets über, dass Lana polarisiert, Rätsel aufgibt, berührt. Es reicht ein Satz von ihr und es folgt der Griff der Journallie, ganz den Regeln und Fallstricken der eigenen Deutungshoheit folgend, zum Pschyrembel oder „Grundkurs PR und Öffentlichkeitsarbeit“. Aber egal, mit welchen Instrumentarien und Haltungen der Pop-Berichterstattung man ihr beizukommen versucht, sie bleibt einfach unfassbar. Gestatten, die Herren: Lana Del Rey, sublimes Mysterium. Soweit erstmal.

Den größten Bock geschossen hat diesmal wohl Andreas Borcholte. Der wohl nicht ganz bei der Sache bzw gelangweilt war und keine Lust auf Inspiration hatte. Signifikant betitelt mit „Nähe? Gibt’s nur in der ersten Reihe“ wird seine Sicht der Dinge zum persönlichen Offenbarungseid, sucht er doch überall im Aussen, findet aber selbst dort, wo es durchaus einige Hinweise zu entdecken gäbe, keine schlüssige Antwort und vermeidet, gerade bei diesem sensiblen Thema, jede Innenschau. Tja, mein Bester, wir kennen uns zwar nicht, aber wer, selbst öffentliche Person geworden, gewerbsmäßig die Arbeit öffentlicher Personen bemisst, muss wohl auch ein Gleiches bei sich selbst erdulden können. Fangen wir an.

Zuerst einmal: Die Zeiten haben sich geändert. Mit der Hegemonialmacht popkultureller Berichterstattung ist es lange vorbei, tausendeinhunderundelf Smartphonedokumentarfilmer machen dies auf beeindruckende Weise ab dem Moment, zu dem Lana auf der Bühne erscheint, mehr als deutlich. Fasziniert und befremdet vom plötzlichen Handymeer, welches auf den Konzerten, auf die ich sonst so gehe, nicht auch nur annähernd in einem solchen Maße vorhanden ist, nehme und gebe ich mir die Freiheit und zücke auch mein Handy, es ist zwar von Samsung, aber weit vor der globalen Einführung des Touchscreens entstanden; immerhin lassen sich schon Fotos damit machen – es besitzt sogar eine stufenlose Helligkeits- und eine Zoom-Funktion, deren Verwendung garantiert dazu führt, dass das Bild unscharf wird. Ausserdem gehöre ich zur Gruppe derjenigen Fotoloser, die immer ’ne Sekunde zu früh oder zu spät abdrücken, trotzdem wage ich den Versuch einer fotografischen Dokumentation des Gesehenen, einfach mal kucken, wie das is‘. Na ja. Aber weiter.

Letztlich ist die ganze Sache mit den Smartphones wohl so zu deuten, dass es sich hierbei grösstenteils um ein Publikum der Generationen handelt, das seine Sichtweisen nicht aus dem Studieren feuilletonistischer Beiträge über eventuell popkulturell relevante Geschehnisse generiert. Man kann ja noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass die meisten Erwachsenen heute hier dabei sind, weil sie Lanas Lieder mögen. Kurz vorher hat Bernd mir noch die Geschichte erzählt, wie es war, als Boy Divison, alle so Vierzig aufwärts, vor einiger Zeit im schönen Esslingen spielten, in einem Jugendzentrum, gebucht von einem Neunzehnjährigen, das Publikum, von der Menge her immerhin im soliden zweistelligen Bereich, im Schnitt irgendwas zwischen Sechzehn und Achtzehn. Ging auch gut ab, irgendwann bemerkte die Band dann eine Handvoll alte Bekannte, Wiedersehensfreude, ja was macht ihr denn hier und so…die Antwort war: „Oh, wir holen nur unsere Kinder ab.“ Alles klar?

Und wenn man sich mal auf dem Areal umschaut, mehr Fressbuden als Biertränken, der Abend nahezu frei von alkoholisierter Atmosphäre (Legendär: Erstmalig im Leben stosse ich mit jemandem aus dem Fidel-Bastro-Clan mit purer Cola an, Fahrerschicksal. Für mich, der ich sowieso seit vielen Jahren keinen Alkohol mehr trinke, kein Problem, bei Bernd bin ich da nicht so sicher. Ich hoffe, mit dieser kleinen Randnotitz nicht seinen guten Ruf unter den letzten aufrechten Trinkern Hamburgs ruiniert zu haben.). Dann die -natürlich auch den Lärmschutzauflagen geschuldeten- Anfangzeiten, Anfangzeiten. Familien mit Kindern und Teenies, hauptsächlich Mädchen, originäre Fans halt, wohin man sieht. Wir sind ja selbst hauptsächlich wegen meiner Töchter hier. Die sind beide 12 und dies ist das erste Konzert dieser Art ihres Lebens. Beide sind nach dem Event hellauf begeistert, natürlich, ohne ihr Understatement abzulegen. Später höre ich Sätze wie „Papa, weisst Du was? Nur, weil Lana nicht zu uns gekommen ist, hat die eine neben mir echt geheult! Bescheuert, oder?“ und „Nee, vorne waren nur Kinder. Bis auf der eine, der war vielleicht so alt wie Du oder der, den Du heut getroffen hast. Der stand zwischen uns Kindern und hat immer wie blöd „Lana, Lana!“ gerufen, voll peinlich. Zu dem wäre ich an Lanas Stelle auch nicht hingegangen!“ Word.

Den Kindern ist, wie wohl den meisten hier, egal wer oder was Lana vorgegebenermaßen oder wirklicherweise ist, ob eine Clubatmosphäre dem De Rey’schen Werk besser täte als dessen Rock-Inkarnation an diesem Abend, die, so ehrlich muss man sein, schlimmer hätte sein können, statt des befürchteten Stadionrocksounds und nervtötendem Sologegniedel mehr so die Indie-Hard-Rock-Schiene von jungen Männern, die ungefähr genau so aussehen, wie junge Indie-Hard-Rock-Männer halt heutzutage aussehen. Hätte man mir ein Bandfoto gezeigt und dabei erklärt, es handele sich bei dieser Formation um die neuen Baronesss oder wasweissich, es wäre mir glaubwürdig erschienen. Egal. Wichtig ist, dass meine Kinners Lana cool finden und Miley oder wer auchimmer gerad‘ die neue Britney ist, nicht. Weitere musikalische Eckdaten der Kinder gefällig? Sachen wie Deichkind und Electro-Zeuchs, Namen, Charts und Epigonentum sind Schall und Rauch für die beiden, und das ist auch gut so. Weiter im Text.

Meinen Mädchen, zumindest einer, gelingt es, sich bis in die 1. Reihe vorzuarbeiten. Dorthin begibt sich Lana wiederholt, auch während „National Anthem“, dem letzten Lied des Abends, was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt. Gut zehn Minuten geht sie in Direktkontakt mit ihren jüngsten Fans, was, und an dieser Stelle sollten mindestens alle Smartphonefilmer ihre Beschwerden über zu wenig Lana auf der Bühne zurückziehen, auf die grosse Videoleinwand der Bühnenrückwand übertragen wird. Die kann allerdings nicht, wie ich auf meinen Wanderungen über das Areal feststellen konnte, von überall gut gesehen werden, der Tag noch zu hell, der Sonnenstand zu unglücklich, die Lichttechnik zu unbedacht? Ich weiss es nicht. Was ich weiss, ist, dass man sich bewegen und mit den Menschen sprechen muss, um zu ergründen, worum es hier eigentlich geht. Bühnentechniker, Security, Max Jury, sie alle bestätigen mir, wie nett Lana sei, als wie angenehm sie die Atmosphäre des Konzertes empfinden. Die Sanitäter haben zweidrei Kreislaufzusammenbrüche, nichts Ernstes. Überall singen Menschen mit, auch ganz allein am Rand, ganz ernsthaft und in sich versunken. Ich entscheide mich, dies für eine gute Sache zu halten und nicht peinlich zu finden. Immerhin sind diese Leute nüchtern. „Wonderwall“ z B grölen immer nur Besoffene mit, das wird im allgemeinen akzeptiert und für cool befunden. Verrückte Welt! Einmal bittet ein Vater den einzigen von mir gesichteten ernsthaft Betrunkenen, beide ungefähr mein Alter, doch etwas beiseite zu gehen, seine Töchter schauen befremdet auf die Szenerie. Der Betrunkene bellt zurück „Was willst Du denn?“, da ist schon gleich ein Security zur Stelle und ermahnt ihn freundlich, aber bestimmt, dass er, wenn er noch einmal unangenehm auffalle, gehen müsse. Er trollt sich, wenig später sehe ich ihn weinend in den Armen seiner Frau, zumindest hoffe ich, dass es seine ist und nicht eine wohlmeinende Seele, die ihn nun an den Hacken hat. Ein anderer Vater schwadroniert über Jimi Hendrix, sein Sohn schaut ihn mit dem gleichen mitleidig-gelangweilten Gesicht an wie meine Mädels, wenn ich sie im Überschwang mal mit für sie absolut nutzlosen Nerd-Informationen zubombe. Inzwischen haben sie gelernt, mich zu stoppen. Gut so.

Worauf ich hinaus will: Das Konzert ist, hätte man z B an auf die Bühne geworfenen Teddybären, selbst gemalten Bildern usw. erkennen können, nicht gedacht/gemacht für Checker-Typen wie Andreas, die hinten stehen, Bier trinken und versuchen coole Vibes zu machen. Um dann später sich anzumaßen, „nur einen musikalischen Höhepunkt“ gehört zu haben und sich über Lanas Zeit für die Kiddies zu echauffieren und in dem Zusammenhang eine Applausverweigerung des Publikums am Ende des Auftritts erkannt haben zu wollen. Hallo? Gehts noch? Wurde da jemandem nicht genug Süßstoff dorthin gepustet, wo ihm sonst immer die Sonne rausscheint? Oder zu wenig Sozialkontakte ausserhalb des eigenen Arbeitsmilieus? So aber läuft das nicht mit Lana. Vielleicht bei all den Gitarrenjungs, die seit „The Who“ kamen und gingen und in gewissen, den Rest der Welt einfach mal ausblendenden Fanboy-Zirkeln gefeiert wurden/werden, als hätte der Liebe Gott das Wort „Innovation“ nur für sie erfunden, dabei war es ganz bestimmt nicht dieses, ihnen hat er das Wörtchen „Adoleszenz“ zugedacht. Aber die ist irgendwann zum Glück vorbei, und die damaligen Kumpaneien und Treueschwüre, die für jede Freundin einfach nur anstrengende Egomanie und götzenhafte Starhörigkeit jener Jungen/Jahre werden einem irgendwann ein wenig peinlich, so wie der Pubrock von Oasis, die letzten Brandreden von Paul Weller, der Rummel um den Dussel Pete Doherty oder das Gesamtwerk von Tomte und Tocotronic dann peinlich berühren. Schnee von gestern. Wer aber aus diesem Gestus nicht aussteigen kann, bleibt starr und steif und muss, wie nun Andreas an Lana, zwangsläufig scheitern. Denn genau auf diesen Gestus scheisst die Gute, entschuldigen Sie die deutlichen Worte. Lana hat mit diesen Welten nichts am Haarkranz, sie ist ein familienfreundlicher Akt und mehr so’n Mädchending. Ein Zugang zu ihr kann uns alt gewordenen Jungens nur über den Sprung über den eigenen Schatten, den Blick aus der eigenen Suppe über den Tellerrand, gelingen. Am Ende kann man dann über sich lachen und muss nicht alles so, genau, bierernst nehmen, das fühlt sich gut an. Vielleicht trinkt man bei Boy Division deswegen lieber Schnaps. Das wäre dann durch die Brust ins Auge. Kann man so machen, kann klappen. Bei Bernd und Boy Divison, die irgendwann einfach dazu übergegangen sind, die Coverversionen zwischen den Ansagen wegzulassen, hat es zumindest funktioniert. Wer Mitte Vierzig mit Doc Martens Lonsdale-Jacke und Big-Black-Patch zu Lana geht und sich allen Ernstes gut amüsiert, dem ist die Quadratur des ästhetisch fest definierten eigenen Kreises gelungen. Glückwunsch! Mit seiner Frau hat er übrigens gewettet, ob Lana in Jeans und T-Shirt oder in Kleid und barfuss kommt. Seine Frau hat gewonnen. War irgendwie klar, wie gesagt, mehr so’n Mädchending. Aber seltsam cool. Das macht sie für die Jungs so unheimlich. Dabei sind die wirklich interessanten Mädchen schon immer so drauf gewesen. Und irgendwie, so ist es mir schon immer vorgekommen, scheinen die alle irgendwie connected. Deswegen sind auch heute so vielen von denen hier. Das Vice z B hat ihren besten Mann, der zu unser aller Glück, vor allem fürs Vice, eine Frau ist, geschickt. Immer schön, Juliane Liebert zu treffen, sie hat, wie immer auf ihre ganz eigene unnachahmliche Weise, von der sich auch ansonsten ganz uneinnehmbare Brocken wie der gute alte Nörgelsuffkopp Mark E. Smith, fast hätte ich geschrieben, der Fidel Bastro der oben gedissten Inselmusik, haben ihr Herz aufweichen und erhellen lassen, im Vorfeld des Ereignisses, dem wir uns alle aus unterschiedlichsten Gründen beizuwohnen entschieden haben, von explodierenden toten Walen geschrieben, wie ein solcher sei Lana in ihrem Herzen explodiert. Mir erschien Lana eher wie eine handzahm gemachte Nachtigall, die, weil der Raum keine Tür hat, zurück zu ihrer Natur durch ihren Gesang gefunden hat. Und bei Dir?

Ich weiss noch, wie ich sie das erste Mal gehört habe, es war, kein Witz, in der örtlichen Videothek, da lief „Video Games“ und ich hielt inne und lauschte fasziniert. Zuhause dann ein paar Textzeilen gegoogelt, das Video gefunden, dann kam „Born to Die“, über das der Nörgler mäkeln kann, zu viel Zuckerstreicher hier, zu viel grosse Geste dort, blablabla. Aber was interessierts die Nachtigall, wenn das Meerschweinchen quiekt? Oder das Wetter, wenn wir mit ihm nicht zufrieden sind. Warum wollen wir es nicht so nehmen wie es ist? Dazu sind wir doch in der Lage, oder? So ist es, und das müssen wir uns wohl immer wieder vergegenwärtigen. Gleiches gilt für Musik. Lana ist wie das Wetter. Wechselhaft vielleicht, halbwegs vorhersagbar, aber nicht zu kontrollieren, dafür stets für alle da. Lana macht „Musik für Alle“, das kann man niemals, ich wiederhole, niemals einem Künstler zum Vorwurf machen. Dass sie sich in ihrer Live-Präsentation vornehmlich an die Schwächsten im hiesigen Sozialgefüge, an die Kinder wendet, werte ich als ein Zeichen für ihr gutes Herz. Und das wird seine Gründe haben. Ob Kinder ihre Musik auch als so düster empfinden wie manch Rezensent? Dass sie die Texte lautmalerisch mitsingen, ohne groß die Inhalte zu übernehmen, kann gern als Glück und Gabe, die leider irgendwann vergehen wird, verstanden werden. So sind sie davon befreit, sich überlegen zu müssen, wie das nur alles zusammen passen soll. Gefühle lösen Lanas Melodien für Millionen bei ebendiesen auch ohne das omnipräsente Referenzensysteme der Pop-Jobber aus. Und was sie den Kindern schenkt, ist eine Defintion of Cool, die mir weitaus lieber als der meiste HipHop- und R’nB-Müll ist. Klar, sie besingt oftmals dependante Persönlichkeiten und deren Schicksale, das Scheitern ihrer irrigen Eskapismen, die fehlgeleiteten Träume, schwache und kranke Frauen, die nie die sein wollten, zu denen sie zu werden gezwungen waren. Aber sie verkörpert gleichsam einen Ausweg. Dazu jetzt.

Wie sie strahlt und glücklich ist, dies aparte Wesen Lana, als sie unten im Bühnengraben mit den Kindern Selfies macht, sie herzt und drückt, ihnen Autogramme schreibt und ihre Geschenke sichtlich erfreut entgegen nimmt. Das ist nicht nur professionelle Kontaktpflege zu den Fans, da passiert mehr, es scheint ihr ein persönliches Anliegen. Dann verschwindet sie einfach und ist weg. Die, die sie sowieso nicht richtig gesehen haben, trollen sich verwirrt, zurück bleiben die vorderen Reihen, die mit ansehen müssen, wie die Roadies wie Ameisen über die Bühne fegen und sie leeren. Und dann habe ich den Gedanken, dass wir, die wir ja kaum etwas über Lana, die ja angeblich mal gesagt hat, ihre Lügen seien wirklicher als unsere Wahrheit, wissen. Erst hiess es, sie hätte eine TrailerPark-Vergangenheit, doch sie muss wohl ein Kind reicher Eltern sein. Lana heisst im wahren Leben Elizabeth, und bevor diese Lana schuf, muss sie, das ist Fakt, eine Kindheit und Jugend gehabt haben – und bereits gewusst haben, was Einsamkeit bedeutet. Ihr Alkoholismus mit 13, die daraus folgende Zeit im Internat, das gleichsam als Entzugsklinik diente, ihre Besuche bei den Anonymen Alkoholikern, ihre soziale Arbeit im Suchtbereich uswusf, Splitter eines wirklich gelebten Lebens oder Projektionen oder Inszenierungen, die ihr mächtiges Alter Ego erst haben lebendig werden lassen? Weiter unten findest Du übrigens zwei Videos, die eventuell hilfreich sind. Wie wichtig ein Wahrheitsgehalt für den Zugang zu ihrer (wenn mal nicht zu jeder!) Musik ist, liegt an jedem einzelnen selbst, das ist nicht ihr Problem. Vor meinem inneren Auge sehe ich die kleine Elizabeth, ein emotional vernachlässigtes Kind reicher Eltern, die sich vielleicht scheiden lassen, als sie 12 ist, vielleicht auch nicht. Sie streiten sich um den Lamborghini, das Ferienhaus am Lake Cucamonga, oder sie streiten sich über die Affären des Vaters, das Trink- und Konsumverhalten der Mutter, sie streiten sich und streiten sich und streiten sich. Wenn sie denn mal da sind. Vielleicht gibt die Mama Lizzy die Schuld an der sedierenden Belanglosigkeit ihres Alltags und den natürlichen Alterungsprozessen ihres Körpers, vielleicht streiten die Eltern auch nicht und haben das Kind einfach vergessen oder sehen es nur, wenn es Erfolge heim bringt, einen tollen Freund hat und schön und beliebt ist, so wie es oft geschieht, wenn irgendwo auf der Welt der amerikanische Traum gelebt wird. Irgendwann nimmt Daddy sie mit auf ein Konzert, vielleicht eines jener anlassbezogenen Events für Leute aus der Branche, vielleicht Emmylou Harris, vielleicht jemand völlig anderes. Sie darf in der ersten Reihe sitzen und Emmylou singt „Love hurts“. Sie blicken sich dabei kurz in die Augen und Emmylou versteht und lächelt sie an, vielleicht gibt sie ihr nach dem Gig ein signiertes Exemplar vom „Luxury Liner“-Re-Issue. Vielleicht waren Daddy und sie auch bei Kylie, die gerade „Can’t Get You Out Of My Head“ herausgebracht und ihr kurz zugewunken hat. Oderoderoder.

Wieauchimmer: Was da in ihrem Herzen an jenem Abend explodiert ist, war kein toter Wal, sondern höchst lebendig: die Kraft der Musik, die der Allmacht des Wetters fast ebenbürtig ist. Ab jetzt ist Lizzy die Regenwolke über dem ewig-blauen Himmel von Los Angeles, langsam sickert die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass man das Leere niemals mit dem Hohlen stopfen kann. Lizzy geht in dieser Nacht für immer verändert nach Hause in ihren Raum ohne Tür – in dem sie nicht mehr allein ist. Der Rest? Geschichte(n). Man kennt das ja.

Und wenn Du glaubst, Lanas Werk zu kennen, irrst Du wahrscheinlich. Schau dieses Füllhorn:
http://lanamusic.tumblr.com/post/70253122283/masterpost

Und wenn Du glaubst, alles zu kennen…na Du weisst schon:

www.fidel-bastro.de

http://www.youtube.com/watch?v=mlcYA7QsvXE
http://www.youtube.com/watch?v=qy8XDKb3Wfw

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