Die PnG-Kinowoche

Text: Lars | Ressort: Film | 25. Juli 2014


Feuerwerk am helllichten Tage
Auf dünnem Eis

Der Schnee ist schwarz vom Ruß der Kohleflöze, hier im Norden der Volksrepublik und er färbt sich rot als Leichenteile auf den Förderbändern entdeckt werden. Die Ermittlungen der Polizei führen zu nichts. Verhöre der Angestellten enden in einer Sackgasse. Bei der Festnahme der mutmaßlichen Mörder sterben zwei Polizisten, einer wird schwer verletzt. Der Cop Zhang Zili (Fan Liao) zerbricht an dem Fall. Jahre später fristet er sein Dasein als Wachmann in den Fabriken, die Tatort des Verbrechens wurden. Bis erneut Morde geschehen, die Ähnlichkeiten zum damaligen Fall aufweisen. Zhang ermittelt auf eigene Faust und entdeckt, dass alle Opfer in Beziehung zu der jungen Wu Zhizhen (Lun-mei Gwei) standen, die in einer Reinigung arbeitet. Zhang gibt sich als Kunde aus und beginnt sie zu beschatten. Dabei verwickelt er sich immer tiefer in den Fall, bis er selbst keinen Weg mehr heraus findet.
Regisseur Yi’nan Diao inszenierte seine Mordsgeschichte, die in diesem Jahr mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, als tiefschwarzen, atmosphärisch dichten Film Noir. Die Suche nach dem Mörder inszeniert er in langen Kameraeinstellungen, in der Tradition der Meister des Suspense. Mit der vielleicht ersten Verfolgungsjagd auf Kufen, schuf er dazu selbst eine Szene für die Ewigkeit. Unter dem Genredach liegt eine sehr genaue Studie sozialer Verhältnisse in dieser armen Region Chinas, durchsetzt mit subtiler Kritik an den untätigen Behörden. Einen ähnlichen Weg ging zuletzt der Koreaner Bong Joon-ho mit seinem meisterhaften »Mother«. Diao kann auf seinen überragenden Hauptdarsteller setzen, der mit chandleresquer Lässigkeit durch eine blutige Krimihandlung schlurft. Fan Liao gelingt der Wandel vom strebsamen Polizisten zum gebrochenen Underdog eindrucksvoll. Eine Leistung, die ihm in Berlin den Silbernen Bären als bester Darsteller einbrachte.

VRC 2014 R: Yi’nan Diao D: Fan Liao, Lun Mei Gwei, Xuebing Wang

Die Karte meiner Träume
Ein Spatz auf Reisen

Der amerikanische Autor Reif Larsen schuf mit seinen Abenteuern des zehnjährigen T.S. Spivet ein wunderbar verspieltes Universum um ein hochintelligentes Kind, das die Welt der Erwachsenen mit zunehmender Befremdlichkeit betrachtet. Jean Pierre Jeunet ist selbst so ein Kind in viel zu großen Schuhen. Kein Wunder, dass er in Larsens Protagonist einen Bruder im Erfindergeiste fand. So erzählt er nun die Reise des großen kleinen Mannes für die Leinwand.
T.S. wächst in Montana als Sohn eines Schafzüchters und einer Insektenforscherin auf. Während sein Bruder Layton ganz dem Cowboy-Ideal des Vaters entspricht, erbte der schmächtige T.S. die Neugier seiner Mutter. Die Schwester im Teenageralter nervt mit ihren Träumen von einer Karriere im Showbiz. Sein Forscherdrang bringt T.S. eines Tages eine Einladung ins Smithsonian Museum ein. Dort soll er den prestigeträchtigen Baird-Preis entgegen nehmen. Doch die Stiftung weiß nicht, dass ein Kind am anderen Ende der Leitung steckt und lädt ihn nach Washington ein. T.S. macht sich auf die Reise und muss sich zwischen dem Weg der Lüge und dem der Wahrheit entscheiden und sich unterwegs einigen Ängsten und Zweifeln stellen.
Mit der gewohnten visuellen Verspieltheit, in 3D und satten Farben erzählt Jeunet die Geschichte. Im Gegensatz zu Michel Gondry hat er seinen Spieltrieb für die erste Produktion außerhalb Frankreichs jedoch in reifere Bahnen gelenkt. Angenehm viel Zeit nimmt er sich für die Charakterbeschreibung. Mit T.S.’ Worten aus dem Off lernen wir die Mitglieder der Familie Spivet kennen und damit auch ihre Geheimnisse. Erst dann setzt sich der Zug in Bewegung und ein Roadmovie rollt aus der Prärie in die große Stadt. Die Geschichte ist gesäumt von allerlei kuriosen Gestalten, zerfällt aber nie ins episodenhafte. Vielmehr vermag Jeunet am Ende den Kreis zu schließen und man erinnert sich gern zurück an diesen Trip und unseren charmanten Reisebegleiter mit dem kuriosen Namen T.S.

USA 2103 R: Jean-Pierre Jeunet D: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter

Wie der Wind sich hebt
Abgehoben

Der Großmeister der japanischen Animation dankt ab. Wie schmerzlich wir ihn vermissen werden, unterstreicht Miyazaki-San mit seinem letzten Opus Magnum. Mit der Adaption der Lebensgeschichte des japanischen Flugzeugdesigners Jiro Horikoshi fährt er noch einmal alles auf, was seinem Namen Größe verleiht. Er beschränkt sich nicht nur auf die Stationen der Vita des Aerodynamik-Genies. Sein Traum vom Fliegen, dem Design einer perfekten Flugmaschine, den er an der Universität und später im Auftrag des Militärs verfolgt. Miyazaki füllt den Zwischenraum mit Menschlichkeit und legt das schicksalhafte Band zwischen Jiro und Nahako als verbindendes Glied zwischen die Jahrzehnte.
Mit „Wie der Wind sich hebt“, dessen Titel einem Gedicht von Paul Valéry entlehnt ist, kehrt der 73jährige zu seinen Anfängen zurück und schließt den Kreislauf eines Künstlerlebens. Die Faszination für das Fliegen war bereits in seinen Frühwerken „Nausicaä“, „Laputa“ oder „Porco Rosso“ allgegenwärtig. Seine Liebe zum europäischen Kontinent beweißt er auch hier mit liebevoll gestalteten Charakteren, wie dem italienischen Designer Giovanni Battista Caproni, dem Jiro immer wieder in seinen Träumen begegnet. Die Traumsequenzen geben Miyazaki Raum, seine überbordende Phantasie auszuleben. Dem Ende wohnt eine gewisse Melancholie inne. Nicht nur, weil Hayao Miyazaki erzählerisch eins wird mit seinem Helden, sondern auch weil wir einem der wichtigsten Filmemacher hinterher blicken, dessen Schaffen eine immense Bereicherung des Kinos bedeutet und dessen Abgang einen mächtigen Krater hinterlässt.

J 2013 R: Hayao Miyazaki

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