Passform, oder
Günther Janssen in der Nacht

Text: | Ressort: Musik | 27. November 2014


Die Musik ist einigermaßen überraschend: strahlend und ausladend weich. Und Max Müllers Texte, – die geben dazu ihre bekannt frappant introspektiv-geheimniskrämerischen Kommentare: „Dann singen sie Lieder, die ich nicht hören kann“. Oder sie sind so deutlich im Beschreiben eines Mißstands, dass man an Deutung nun wirklich in keiner Weise mehr zu denken vermag – und das sitzt dann, denn es konfrontiert einen mit Leben. Jetzt, fragt sich nur, aus wessen Perspektive: „Wohin nur mit denen, die ungefragt kamen, (…) die eine Seite des Parks gehört ihnen. (…) Wer hat schon Lust zu leben, wie sie leben, die wir hassen. Wer hat schon Lust zu denken, wie sie denken, die uns hassen.“ Nichts Neues, im Sinne einer Radikal-Erneuerung. Neues passiert nicht bei Mutter – Neues passiert aber zu hauf um uns herum. Ich staune also nicht, weil es nichts zu sagen gäbe oder Mutter dies nicht auszusprechen wagten, sondern weil Mutter ganz banal, beinahe lakonisch, lakonischer als vielleicht zuvor, sehr viel Wichtiges aufnehmen und weiter senden. Und, weil sie trotz eines recht umfangreichen Personal-Austausches plus Label und Produzenten-Erneuerung dabei gegenüber Zuvor gar nicht mal so verschieden klingen. Schlimmstenfalls, so könnte ich anmerken, wäre dieses Album als Rückschritt einzustufen. Aber, dann wäre es ein bewusster Rückschritt, ein Rückgriff auf ihre entspanntere, weisere, mildere Seite. Gerade war der neue rauhere und härtere Indie-Gitarrensound angekommen beim Mutter-Gefolge, da satteln sie wieder um, nehmen das Quängeln und Antreiben raus – machen stattdessen auf Leicht und Beschwingt, lassen die Gitarren sporadisch im Hintergrund klagen. „Qui?“ heißt ein Lied ohne Text, für das man sich Jochen Distelmeyer als Sänger imaginiert, so sehr old-nobody-mässig schmeichelt es den Ohren, mit Flöten und Keyboards und Akustik-Gitarren. Eigentlich das beste Stück, denn es zeigt überraschend eine neue Richtung, – hier ist das ganze rockistische Element, alles Dinosaur Jr.-mäßige, alles Gitarrenlastige schon komplett über Bord und ein dunkles, weiches Fundament drückt die Midtempo-Nummern eng um Max Müllers Stimme – hier so wenig kraftmeiernd-brüchig wie selten; ja, sogar mit gelegentlichem „La, la, la“ und „Uh-hu-hu“. Chris von Rautenkranz soll gemastert haben. Nur gemastert? Was hier zu hören ist, klingt vehement nach Rautenkranz‘ Handschrift. Da erscheint zunächst diese enorm perfekte Verspieltheit und ein Reichtum an Ideen, die mittels eines raffiniert geschichteten Soundmixes am Ende wieder in eine fast strenge Ordnung gebracht werden. Gerade am Beispiel von „Text und Musik“ wird deutlich, welch akribisch-genialer Tüftler Rautenkranz doch ist. Unzählige Meisterwerke, so kommt es mir plötzlich zu Bewußtsein, scheinen ja tatsächlich mit Chris von Rautenkranz in Verbindung zu stehen. Sagte ich Meisterwerke? Das heißt natürlich nicht, dass jede Partizipation von benanntem Genius schon eines generiert. Auch sehe ich hier bei Mutter nicht, dass Rautenkranz‘ Stil dem Album NUR förderlich wäre. Grundlegende, von mir immer schon als ironisierend wahrgenommene Elemente werden durch die Mischung, den Sound komischerweise fast ZU glaubhaft. Was mich bei Blumfeld im Laufe ihrer Sound-Entwicklung immer neu erstaunte, erstaunt mich hier dagegen kaum. „Land der feien Waffen“ klingt unter den genannten Laborbdingungen geradezu keimfrei. Gleichzeitig vielleicht auch die Chance, im Radio unter Mainstreamkausalitäten aufführungswürdig zu erscheinen – nein, dass meine ich nicht ironisch. Das hier vorgenommene Reinschleifen von Klang – dem Klang, der mich vor ein paar Jahren wirklich irritieren konnte durch die sehr anders und abwechslungsreich klingenden, geradezu aggressiven Gitarren -, das hat eine domestizierte Note: gekappte Spitzen und geschliffene Kanten. Die Dreck-Variante von Chanson geht reguliert in Space-House-Dimension über. Das gab’s auf früheren Alben auch schon einige Male, zuckersüß gemixte Neue-Welle-Stücke, klanglich kaum zu unterscheiden von maßgeschneiderten Hits, – nur die Texte blieben halt kubistisch. Jetzt wird versucht beides gleich gewichtet zu bringen, das Beschwingte UND das Rockelement. Gezähmt und einfach hinzu garniert klingt Letzteres . Gar nicht unähnlich einer guten Wire-, oder New Order-Platte der neuen und neuesten Phase. Perfektionismus, der den genannten Bands immer gut stand – bisher, und der dort als Konstante auch erwartet wird, liegt Mutter aber eigentlich fern. Mutter klangen niemals ähnlich klar, vergleichbar geradeaus – das hier bedeutet etwas anderes. Es geht eher in Richtung von Blumfelds „Old Nobody“-Album, welches ebenfalls mit einem extrem kalten unterschwelligen Druck im Sound aufwartete. Exemplarisch zu hören bei Mutter in – nomen est omen – „Fehler“. Die Domestistizierung von Rohheit, Roh-Klang wird dramarturgisch vorgeführt und mündet gar in eine Symbiose mit dem Text: „Auf und ab – und immerzu: Auf und ab …“. Am gelungensten finde ich das Stück „Ihr kleines Herz“, da es quasi alles daran setzt, nicht mehr als Rock wahrgenommen zu werden. Disco, Chanson, Space-Wave, alles, nur kein Indie-Gitarren-Knarzen, -Feedback. Fast das Brockdorff Klang Labor in Reinform! So geht es übergangslos in „So viel Platz“ weiter. Tanzbar, wirklich tanzbar. Das könnte Mutters „Graue Wolken“-Single werden. Anspruchspop mit Dauer-Airplay-Erlaubnis. Fast schon Soul. Aber, was wären denn Mutter überhaupt ohne Soul? Nur diesmal fährt die Maschine mit Leichtöl, und selbst die sich krümmenden und verrenkenden Satzbausteine, die – wenn man nicht aufpasst – beißende Ironie, all dies wirkt unerwartet weich abgefedert und schafft Raum zum Dahin-Gleiten, dort , wo ältere Mutterstücke schon mal einfach brachial durchbretterten. Alles in Allem die swingenste, sphärischste Mutter-Platte, die ich kenne, ohne dies auch nur andeutungsweise als einen Bruch mit Underground oder Subkultur zu empfinden. Conny Plank lässt grüßen – und Chris von Rautenkranz‘ stellt einmal mehr klar, dass Untergrund auch im Wortsinn etwas sehr Filigranes, etwas sehr Ausgefeiltes sein darf. Und, als wollten sie dies als Makel etwas zudecken, platzt als letztes Stück noch „Ich will nicht mehr als das“ herein, welches dem „Amerika gegen Europa“-Album entsprungen scheint. Was wäre schlimm daran, wenn Mutter die Rock-Maschine endgültig verlassen würden? Nichts, aber ich denke, das werden sie nicht wollen. Sie wollen auch immer noch zeigen, dass sie machen was sie wollen, und wie sie es machen wollen. Und genau das, finde ich, reißt das Album etwas hin- und her. Muttertypisch – okay. Mutter LASSEN sich nicht bändigen, zähmen. Gut, gut – alles akzeptiert. Aber, man darf sich immer was wünschen. Und Rick Rubin baut auch viel Mist, und ich will auch hier kein Hohelied auf geniale Produzenten und so anstimmen – dennoch: manchmal ist es ein Glücksfall, wenn sich ein Mensch dem anderen ganz hingibt, loslässt. Aber, verdammt! Was rede ich. Zum großen Teil hat das hier genau so hingehauen. Der Klang dabei perfekt, die Texte stimmig. Die Stimmung: Provokant. Und das ist wieder mal ein Quäntchen mehr, als das, was die meisten Provo- , und neuerdings vor allem „Novo“-, Bands bieten. Ah, das letzte Stück endet mit einem U2-artigen Keyboard-Teppich. Mehr Keyboards, mehr Disco … Mutters Texte und Musik in unerhört perfekter Passform. Ja, genau, Herr Rubinowitz, ich fürchte mich auch schon wieder vorm Realitätscheck, den das nächste Album aussenden könnte, bei dem ich mich wieder einmal so fühlen werde, als hätte ich die ganze Zeit in einem Parallelkosmos gelebt – bis dahin sollte man „Text und Musik“ einmal AM TAG- ALSO TAGSÜBER BITTE im Deutschlandfunk Raum geben. Ich schlage die mir so verhasste Sendung „Campus und Karriere“ vor, um die Einschreibungsquote für Non-Profit-Fächer zu erhöhen.


Mutter – Text & Musik, Clouds Hill, Hamburg 2014

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