Bock auf sinnlosen Stunk – The Prodigy

Text: | Ressort: Allgemein, Musik | 22. April 2015

Rückkehr Part 1. Da musste ich dann doch einmal auflachen, als ich Liam Howlett im Interview (via Visions Nummer 265) über die Mainstreamisierung von Techno gepaart mit allgemeiner Mutlosigkeit und Niveau-Nivellierung in technischer DJ-Hinsicht schwadronieren las. Nun ja, wenn man die Sache mal furchtbar genau nimmt, waren es ja gerade The Prodigy im Verbund mit diversen Big-Beat- und Hau-Drauf-Kollegen, die mittels einer Kombination von permanenter großer Sound-Fresse und dem klassischen Rockstardom die klassischen Techno-Attitudes untergraben haben. Und damit den David Guettas, Swedish House Mafias, Steve Aokis, Calvin Harris‘, Tiestos dieser Welt (und wie diese ganzen EDM-Leute noch heißen mögen) den Weg aus der Hölle geebnet haben (nein, ich mag das nicht – richtig erkannt). Naja, geschenkt. Weil es irgendwie noch heiterer ist, dass der gute Mann ausgerechnet „The Day Is My Enemy“ als Gegenmittel ins Feld führt. Hehehehe. Cooler Witz.

Nach diesem Interview war ich mir hundertprozentig sicher, dass ich mir diese Platte überhaupt nicht würde anhören müssen. Mir war absolut klar, wie sie klingen würde. Dafür hat Liam Howlett gesorgt, als er von den alten Sequenzern und Samplern redete, die erneut zum Einsatz kamen. Und ich hätte munter losramentern können von einer Band, die aber mal so etwas von hängen geblieben ist im Film von 1997, in jeglicher nur vorstellbarer Hinsicht. Mit Blick auf Styles und Attitudes, auf Sounds, auf Beats. Dass auf dieser Platte jedes Stück den dezenten Hauch des permanenten Stunk-Suchens ebenso verströmt wie das Odeur von völliger Zeitvergessenheit. Ey, 1997 ist inzwischen 18 Jahre her! Und so weiter und so fort, die Labermaschine in full effect – ohne auch nur eine einzige Note gehört zu haben! Das Verrückte: Jedes verdammte Wort wäre wahr gewesen! Hell yeah! Schon diese Dreierkombination „The Day Is My Enemy“, „Nasty“ und „Rebel Radio“ lässt einem die Haare zu Berge stehen (natürlich nur im Außenbereich des Kopfes, der Witz muss einfach sein) – wer hat an der Uhr gedreht? Bin ich plötzlich zurückgebeamt in die Pubertät? Habe ich 18 Jahre lang „Fat Of The Land“ auf dem Plattenteller vergessen? Ja, ich weiß, das sind jetzt alles verdammt platte Sprüche, aber sie sind immerhin trefflich dem musikalischen Niveau der Platte angepasst. Hehehehe. Bloß gut, dass mit „Ibiza“ mal Sleaford Mod Jason Williamson dazwischen grätscht, so stellt sich wenigstens das wohlige Gefühl des Hier und Jetzt ein.

Man hatte ja schon immer das Gefühl – da ist eh nicht so besonders viel. Hinter dieser permanenten großen Punk-Fresse, dem stetigen Klopfen auf der Riesentrommel, dem ununterbrochenen Störfeuer an Sounds. Hintergründigkeit war nie das Ding von The Prodigy. Muss ja bei aller rückblickenden Verklärung auch mal gesagt werden. Ebenso wie die Langstrecke nie das Ding von The Prodigy waren: Abseits von „Breathe“, „Smack My Bitch Up“ und dem unkaputtbaren „Firestarter“ waren auf „The Fat Of The Land“ eben auch ein paar richtige Scheißtracks drauf. „Mindfields“, grrrr. Oder „Narayan“, neun Minuten verschwendete Lebenszeit. Auch bei der neuen Platte erlischt zumindest bei mir irgendwann die Lust am Zuhören. Spätestens bei „Rhythm Bomb“ weiß ich endgültig Bescheid. Ja, ich habe verstanden. Distortion. Geschrei. Zuckende Lichter und Leiber. Großraumdisko. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das hat schon seine Momente. Kann einen schon rocken. Auf der einen Seite murmelt das Gutwillige in mir: Ah, genau die Platte, die The Prodigy nach „The Fat Of The Land“ hätten machen sollen. Das Böswillige grummelt dazwischen: Ja, vor 15 Jahren.

Ich schwanke permanent zwischen einer gewissen Grundsympathie für Natural Born Krachschläger und der gewissen Gelangweiltheit ob der allzu bekannten Wahl der Mittel. Denn im Gegensatz zu Leuten wie Alistair „Perc“ Wells, die einen ohne großes Drumherum mit der puren Magie elektronischer Musik hinabziehen in eine dunkle, bedrohliche Welt, müssen sich The Prodigy permanent gegenseitig versichern, wirklich die Bad Guys zu sein. Ach, wenn es nur mal beim Gegenseitig-Versichern geblieben wäre! An sich habe ich erwähnt wenig gegen die musikalische Seite von „The Day Is My Enemy“ einzuwenden – außer, dass es eventuell doch mal an der Zeit wäre, sich ein bißchen intensiver mit dem Thema Songwriting zu beschäftigen. Auf das bei mir mal etwas mehr hängenbleiben würde als „Ibiza“, wegen dem Sleaford Mod. Wenn nur dieses Getöse drum herum nicht wäre – dieses stetige und lautstarke Geningel über die Mutlosigkeit elektronischer Musik, von der die Protagonisten außerhalb des handelsüblichen Mainstreams bemerkenswert wenig Ahnung haben. Dies nehme ich dann doch persönlich. Erst recht, wenn man mit einer Platte um die Ecke kommt, die in jeglicher Hinsicht mit dem Aufkochen des klassischen Erfolgsrezepts auf Nummer sicher geht. Dann doch kein Witz mehr.


„The Day Is My Enemy“ ist erschienen via Vertigo/Universal.

Foto: Paul Dugdale

PS: Ein paar Rückkehr-Parts gibt‘s noch, denke ich. Vorlagen sind ja ausreichend vorhanden.

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