We are happy, we are doomed – Doom Over Leipzig 2015

Text: | Ressort: Allgemein, Musik, Veranstaltungen | 26. April 2015

Natürlich sollte da noch mal ein Rückblick stattfinden auf diese fünfte Ausgabe des Doom Over Leipzig. Weil es ein verdammt gelungenes Festival war. Eines, bei dem das Thema musikalische Diversität auf bestmögliche Weise definiert wurde.

Nein, erwähnte musikalische Diversität ist offenbar nach wie vor kein Standard – erst recht nicht, wenn man es um ziemlich feste Trademarks geht. Ja, ich kann diese Kritik durchaus nachvollziehen: Die Kritik daran, dass mit dem Begriff Doom irgendwie so etwas wie Etikettenschwindel getrieben wird. Weil das Doom Over Leipzig zumindest mit Blick auf den Musikstil Doom kein sortenreines Event ist. Das ist kein Doom-Festival. Kann man verwerflich finden – was ich nicht tue, weil die Argumentation der DOL-Veranstalter sehr wohl nachvollziehen kann. Diese Doom-Definition, die über die reine musikalische Komponente weit hinausgeht. Die mit Begriffen und Attitudes wie Melancholie, Dunkelheit, wegen mir auch Negativität hantiert und sich dabei zum Ziel gestellt hat, diese Begrifflichkeiten möglichst raumgreifend zu verstehen. Im Sinn von Atmosphäre, weniger im Sinn von Musikstilistiken. Das Erstaunliche dabei: Diversität scheint auch im Jahr 2015 alles andere als eine Selbstverständlichkeit zu sein. Naja, mir soll es recht sein – dem Festival hat es Aufmerksamkeit weit über den Kreis der üblichen Verdächtigen hinaus geschenkt.

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Diversität ist selbstredend immer ein Risiko. Nein, mir haben nicht alle Bands gefallen, die ich an drei Festivaltagen gesehen hatte. Aber ich schätze dieses Risiko sehr. Diese Gefühl des Gespanntseins, weil man sich nicht so richtig vorstellen kann, was einem als nächstes so geboten wird (und dieses Gefühl sollte sich einige Male einstellen). Dabei fiel (mein persönlicher) Startschuss für das Doom Over Leipzig 2015 ziemlich sortenrein aus – mit einer Band, der man ohne Probleme und/oder größere Haftprobleme das Etikett Doom anpappen kann. Allerdings hatte Tombstones im Rückblick ein gewisses Problem – es sollte einfach zuviel Markerschütterndes gerade auch in diesem musikalischen Segment kommen. So bleibt ein okayer Auftritt in Erinnerung (der überdies auch noch ein wenig darunter litt, dass man sich erst mal orientieren musste – argh, diese ganzen bekannten Gesichter).

Aber es sollte interessanter werden. Ja, ich habe mich auf Botanist gefreut. Und ja, mir hat das wirklich gefallen. Dieses Green-Metal-Ding, diese Hackbretter, dieses Harmonium, der Zwölf-Seiten-Bass und diesen kapuzenbehafteten Mummenschanz (mit den niedlichen Hobbitfüßen, wie dies ein wenig despektierlich genannt wurde).  Mit seinem pflanzlichen Überbau. Weil es etwas riskiert. Weil es einen musikalischen Stil so weit weg wie nur denkbar von seinem Ausgangspunkt einsortiert. Denn wir reden ja hier nach wie vor von Black Metal, der sich in seiner Raserei wie auch seiner flirrenden Basslosigkeit in Botanist wiederfindet. Der aber gnadenlos über das Knie gebrochen wird – mit den bereits erwähnten Punkten und überdies einer Definition von Musikalität, die sich trefflich zwischen Eingängigkeit und Irritation einsortiert. Nun, ich konnte mir nicht so recht vorstellen, wie das live klingen sollte. Und ich habe die höhenlastige Flirrigkeit der Platten auch ein bißchen vermisst (gebe ich gerne zu). Aber das Ganze hatte seine Momente, bei denen ich abgehoben bin. Im Sinne von Lost in Music. Geiles Gefühl.

Break. Der (aus meiner Sicht) härteste Bruch des Festivals. Runterkommen von Botanist auf Kayo Dot. Puh. Ich komme mit Kayo Dot einfach nicht klar. Das liegt nun mal an meiner musikalischen Sozialisation. Prog klingt in meinen Ohren immer irgendwie falsch. Nach Muggertum, nach Handwerk. Und bei Kayo Dot ist echt ne ganze Menge Prog drin. Gut, es wärte jetzt verkehrt, die Band ausschließlich in diesen Kontext einzusortieren, aber selbst die wuchtigen (Extrem-) Metal-Parts formten sich in meinem Kopf zur Präsentation handwerklicher Fähigkeiten. Und wenn es dabei als Selbstzweck bleibt, bin ich raus – und genau an diesem Punkt konnte mich das Konzert überhaupt nicht erwischen. Auf dieser emotionalen Ebene. Kein Lost in Music. Eher die Überraschung, als ein Stück exakt nach Type O Negative klang – zumindest, was den Basssound betrifft. Ich habe echt lange gebraucht, um auf diese Verbindung zu kommen.

Dann kam die Stunde der Entscheidung: Bei einer Band wie Acid Witch muss man sich entscheiden. Stellt man sich jetzt hin, lässt den Bierbauch lässig über die Jeans raushängen und kippt sich noch drölfzig Biere in den Rachen? Oder geht man nach dem ersten (ausgezeichneten) Eindruck brav nach Hause, um eben jenem Absturz mit Ansage aus dem Weg zu gehen? Sicher, der knorrige, vollfette Stoner-Sludge-Doom-Heavy Metal des amerikanischen Quartetts mit den feinen Namen Shagrat, Slasher Dave, Chaz, Mike Tuff und dem bis zum allerletzten Pin und Aufnäher stilechten Outfit verbreitet jetzt nicht unbedingt den Hauch der großen Innovation. In Verbindung mit einer konsequenten Horror-Attitude, markerschütternder Lautstärke, der Live-Situation und den bereits erwähnten Bieren breitet sich eine grandiose Unterhaltsamkeit vor einem aus, der man sich nur sehr schwer entziehen kann. Ach ja – wie‘s ausging? Naja, es gibt mittlerweile so etwas wie die Weisheit des Alters: Wenn man eh noch leicht angeknockt ist, schon einen Tag ausgelassen und noch zwei weitere Tage vor sich hat, neigt man Kraft seiner Weisheit dazu, Abstürze zu vermeiden. Auch wenn ich‘s im Nachgang fast a bisserl schade finde – die ersten vier Stücke haben wirklich richtig, richtig, richtig viel Spaß gemacht.

Auch der Freitag sollte mit einem ziemlich klassischem Doom-Erlebnis beginnen; dazu noch mit einem, das mir wesentlich mehr in Erinnerung geblieben ist. Tatsächlich erfüllten Uzala den Tatbestand der Festival-Überraschung – diesen Namen kannte ich überhaupt noch nicht. Aber das war richtig fein, was da im Zusammenspiel Darcy Nutt, Chad Remains und Chuck Watkins geboten wurde. Dabei war es gerade der Gesang von Darcy Nutt, der in der Konterkarierung der wie erwähnt ziemlich klassischen Doom-Metal-Sound-Entwürfe (mit dezenten psychedelischen Anklängen) den Hinhörer ausmachte. Die Art und Weise, wie der entstandene Raum mit einem, hm ja, geradezu sirenenhaften Gesang ausgefüllt wird. Das ist durchaus außergewöhnlich – und es funktionierte vortrefflich, weil die Sängerin gerade auch live die nötige stimmliche Präsenz mitbrachte, ah, das war wirklich wundervoll (gerade auch im Rückblick und Vergleich – dazu später mehr). Zudem war es vergnüglich anzuschauen, wie das Trio auf der Bühne gemeinsam Spaß hatte. Wie das Ehepaar Nutt-Remains interagierte, wie man über den immer ziemlich blöden Fakt einer gerissenen Gitarrensaite einfach hinwegspielte (und dies in einem verdammt langen Song). Vortrefflicher Auftritt, vortreffliche Band.

Danach sollte das erste Naturereignis des Abends folgen: Eagle Twin. Denn das war tatsächlich kein Konzert, das war ein mauloffenstehendmachendes, mir komplett die Birne weichklopfendes Natureignis. Eine Walze. Ein Trip. Es lässt sich schlicht nicht in Worte fassen, wie ich nach diesem Auftritt (bei dem mir auch das Zeitgefühl total abhanden gekommen ist) breitgewalzt war. Systems overload. War ich bei Botanist partiell Lost in Music, hatten mich die beiden Eagle Twins in die entfernteste musikalische Galaxis geballert. Diese Breaks! Dieses Zusammenspiel aus finstersten Blues und intensivster musikalischer Wucht! Dieses gleichzeitige Aufbauen und Zerstören von musikalischen Strukturen! Wie gesagt – systems overload.

Was leider auch die folgenden Minsk zu spüren bekamen. Ich mag die Band ja eigentlich und ich hatte mich auch gewaltig auf diesen Auftritt gefreut. Aber wer nach einem Naturereignis „nur“ mit einem Konzert um die Ecke kommt, hat ein Problem: Ich bin in dieses Konzert einfach ums Verrecken nicht reingekommen. Ja, ich habe Leute getroffen, die von Minsk grandios begeistert waren und ich glaube es ihnen gerne. Ich musste erst einmal Eagle Twin verdauen und hatte damit ein gutes Stündchen zu tun. Tut mir wirklich, wirklich, wirklich leid. Und eines muss ich noch erwähnen: So schade es ist, dass es Minsk so erwischte – am Ende des Tages war ich richtig froh, dass die Debatte um die Headliner-Position ausging, wie sie ausging. Floor gleich nach Eagle Twin – das hätte ich nicht ausgehalten. Denn was Steve Brooks mit seinem beiden Mitstreitern zum Tagesausklang da noch einmal auf die Leute losließ, erschütterte erneut bis ins allerletzte Mark: Unfassbare, drückende, basslastige Noisewucht, die sich am Ende ziemlich wenig um so etwas wie Songs schert. Was jetzt nicht heißt, dass Floor keine Songs hätten – da sind teilweise Melodien zum Abheben dabei. Aber Floor hat eben auch den Mut, Songs nur mal zu skizzieren, anzudeuten. Und Melodien auch mit purer Gewalt zu zerschlagen. Und ob da Gewalt im Spiel war: Ich stand auf vibrierenden Grund (und ob das UT Connewitz bei diesem Auftritt vibriert hat!) und wurde wieder weggetragen von einer Woge an Musik. Von einer Woge, die sich deutlich über den klassischen Stoner-/Sludge-Kontext hinaus erhebt – ich habe vor allem eine Affinität zum Noiserock im (anständig fiependen) Gehörgang. Und damit kommt man mir ja immer in die Tasche. Ach ja – nach dem letzten donnernden Kracher (bei dem der Boden noch mal richtig satt vibrierte) musste ich raus, Zugabe hin, Zugabe her. Ich war satt, durch, systems overload. Was für ein Abend.

Der Auftakt via Doom blieb auch am Sonnabend das Festival-Prinzip. Und auf diese Band hatte ich mich wie verrückt gefreut. Ich liebe SubRosa. Platten wie „No Help For The Mighty Ones“ und „More Constant Than The Gods“ liegen immer in Reichweite. Was inzwischen ein Problem ist, das merke ich immer wieder – Drecks-Erwartungshaltung bei Dingen, die mir wirklich etwas bedeuten (ging mir auch schon bei Pallbearer so). Argh, dieser bittere Geschmack der enttäuschten Erwartungshaltung! Wobei ich im Rückblick einiges relativieren kann: Es war eigentlich ein verdammt gutes Konzert – zumindest habe ich mir inzwischen dieses Feedback von nah und fern geholt. Ja, SubRosa hatten Sound-Probleme. Und ja, in Sachen stimmlicher Präsenz reichte Rebecca Vernon nicht an jenes Niveau heran, das Darcy Nutt markiert hatte – was mir am Ende des Tages wohl die meisten Kopfschmerzen bereitete. Aber in sich ist dieses Prinzip SubRosa allein schon ob der fantatischen Songs nicht kaputt zu bekommen. Diese schwere Getragenheit, der bei allem Gewicht aber auch eine gewisse Luftigkeit der Melancholie inne wohnt. Und dieser Sound, der sich aus der Erweiterung des klassischen Doom-Instrumentariums um die beiden E.Violinen ergibt. Dieses weit in das Psychedelische und Folkifizierte hineinragende Songwriting, das sich über den erwähnten klassischen Doom hinausbewegt. Unterm Strich bin ich heute dann doch glücklich. Weil ich es gesehen habe.

Im Anschluss sollte das (für mich unumstrittene) Highlight des ganzen Festivals kommen: Monarch! zelebrierten das in jeglicher Hinsicht irrwitzigste, beeindruckendste, intensivste Konzert des gesamten Festivals. Und dies für mich vollkommen aus der Kalten heraus. Klar kenne ich die Band, diesen kompromisslos zelebrierten Funeral Doom an der Grenze zum Drone. Aber das dies alles auf eine derart markerschütterende Weise (da hätten wir es mal wieder) live auf der Bühne funktionieren würde, knallte mich dann doch regelrecht weg: Ein einziger Sog der Riffs und Geräusche, permanent wogend, ein irres Auf und Ab zwischen Wucht und Kontemplation, untermalt von den Stimm-Inszenierungen von Emilie Bresson – dargeboten in der bestmöglichen Atmosphäre. Ja, das hätte in einem anderen Laden wie dem UT Connewitz so einfach nicht funktioniert. Nicht in dieser gänsehautbescherenden Intensität, die sich aus dieser melancholisch-morbiden Stimmung in diesem Kinosaal nun mal zwingend ergibt. In einem anderen Laden hätte einfach auch dieses Kerzenarrangement von Emilie Bresson bei weitem nicht so funktioniert. Und dann ist da – zwischen all dieser musikgewordenen Kompromisslosigkeit – dieses Licht der Melodie, das immer mal wieder aufscheint. Ja, richtig, im klassischen Monarch!-Kontext zeichnete sich dieser Auftritt durch eine geradezu beängstigende Zugänglichkeit, geradezu Eingängigkeit aus. Das hat richtig fett Wirkung hinterlassen – diese Band werde ich nicht mehr aus den Augen verlieren. Versprochen.

Ansonsten wiederholten sich die Ereignisse: Auch Year Of No Light hatten unter dem vorher stattgefundenen Naturereignis zu leiden. Es war für mich ein bißchen kompliziert, von einer Musik, die mich in vielerlei Hinsicht absolut an Grenzen gebracht hat, wieder runterzukommen auf einen Entwurf apokalyptischen (Post-) Metals, dem diese Außergewöhnlichkeit ein ganzes Stück weit abgeht. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch Year Of No Light zählen nach wie vor zu meinen Faves. Aber nach Monarch! gab‘s wieder mal systems overload. Da passte erst einmal nichts mehr drauf.

Tja, und dann waren da ja noch AmenRa. Schwieriger Fall. Ja, dieses ganze Drumrum kann einen auf den Wecker gehen, dieses Ding mit Spiritualität und Church Of Ra, mit der Live Suspension, die ich mir selbstredend nicht angeschaut habe. Ich kann das nicht einordnen, was ich daran ernstnehmen kann oder muss. Immerhin weiß ich, dass dies für eine Attraktivität weit außerhalb der handelsüblichen Post-Metal-Fraktion sorgt (was man denn auch trefflich am Publikum ablesen kann). Wozu sicherlich auch die gnadenlose Eingängigkeit beiträgt. Aber die – dies muss ich im Rückblick sagen – die hat schon was. Etwas, das einen packt und schwerlich wieder loslässt. Ja, die ganzen Einwände sind richtig – Neurosis, Isis und Konsorten haben das musikalische Feld bereits vor vielen Jahren beackert und wenn man es mal ganz genau nimmt, dann in der Regel meist auf interessantere Art und Weise. Ja, ich hatte ein mittelschweres Deja-vu-Erlebnis, weil mich die ganze Geschichte permanent an das AmenRa-Konzert im letzten Jahr erinnerte – die Sounds, das Bühnengeschehen, die Visuals. Und ja, dieses Akustikkonzert, bei dem sich die Band um das imaginäre Lagerfeuer scharte, war – naja, reden wir nicht drüber (auch wenn es nicht so schlimm war, wie ich befürchtet hatte). Alles richtig. Aber wenn man sich mal so schön locker machte und diese schwergewichtige Eingängigkeit an sich ranließ, machte das verdammten Spaß. Kopfwackeln und so.

Tja, ins Institut für Zukunft sind wir nicht mehr gegangen. Da waren Christian Smukal und UR irgendwie vor – es war noch Pfeffi zu trinken und wer einmal Pfeffi getrunken hat, weiß, dass einem danach nicht mehr so richtig nach Clubben ist. Und es gäbe ganz gewiss noch eine Menge zu erzählen über die Workshops, die Ausstellung, die Vorträge, den Film, das ganze Drumherum. Das müssen aber andere machen, die ein bißchen dichter dran waren (ich hatte mich nur einmal umgeschaut, sorry dafür). Unterm Strich freue ich mich, dass dieses Festival so funktioniert hat. Bei allen Problemen (und ob es Probleme gab) und Querschlägern (kann man sich über Punk-Rock-Totalopposition aufregen? Ich nicht mehr) hat es grandios funktioniert. Was mir (im Verbund mit dem Wissen über die Menschen, die hinter diesem Festival stehen und denen ich an dieser Stelle höchsten Respekt zolle) die Gewissheit gibt, mich auch im kommenden Jahr über ein Doom Over Leipzig freuen zu können. Im UT Connewitz – das ist sicher. Mal schauen, was sonst noch so passiert. Auch in Sachen Diversität.

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alle Bilder: K. Nauber

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