Mister Jensors Fahrt ins Glück – Rotormania 2015

Text: Jensor | Ressort: Musik, Veranstaltungen | 14. Juli 2015

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Ja, das ist ein Satz von Gewicht und Tragweite, von Einsicht und Wahrheit. Das wurde mir mal wieder in schöner heller Klarheit bewußt, als ich mich in Gedanken herantastete an diesen Artikel, an diesen Beitrag über ein feines Wochenende, über (wieder einmal) ein gelebtes Gegenbeispiel zur allgegenwärtigen Verseuchtheit von (Pop-) Musik mit Banalitäten, mit Werbesprech und Markenbotschaften, mit Oberflächlich- und Gedankenlosigkeiten. Wie geht man ran an so ein Ding? Ja, die zwei Seelen! Ich bin mir der Zwiespältigkeit des Tuns sehr bewußt: Was Erfolg aus einer Sache machen kann, habe ich oft genug erlebt. Weil in der Regel am Erfolg der ganze, ähem, Fliegenschwarm dranhängt, mit den Typen, die aber mal ganz genau wissen, was man gerade braucht (Der Deal mit der Brauerei, Alter, echt fett! Und Mann, Alter, diese eine Band da, die musst du einfach machen. Äh, ja, ach so, ja, da krieg ich Prozente für …). Die dir das Ohr vollquatschen mit Visionen und Potenzial und dem ganzen Käse, dass man die Erwartungshaltung von irgendwem aber mal unbedingt erfüllen müsse. UND DIE GANZE KOHLE, die man mit so ner Marke machen kann. Usw. usf. Von den ganzen Fremd-Bespaßern mal ganz abgesehen. Herrje, dagegen kommt man ja nicht mal mehr mit Understatement an – spätestens mit dem Moment, an dem ein durchaus ehrenwerter Fußballspieler im Ruhestand damit begann, via Understatement Autos zu verkaufen, war dieser Käse verputzt. Argh! Es bleibt eigentlich nur zu schweigen. Einfach zu schweigen und zu genießen. In der Hoffnung, dass der Kelch des handelsüblich definierten Erfolgs vorbeigehen möge. Aber dann müsste ich ja an dieser Stelle aufhören. Ach! die zwei Seelen. Denn manchmal muss man auch das Wort verbreiten. Das Wort, dass man sich einen Dreck um den erwähnten Krempel scheren kann. Dass es GEHT! Dass es irgendwie doch noch ein Outback gibt, ein musikalisches Draußen, das sich abseits der PR-Agenturen und Fremd-Bespaßer, der Markenbotschafter und Business-Berater manifestiert. Es gibt mit Sicherheit ein paar Leute, die wissen worauf ich hinaus will. Auf Rotormania. Auf dieses wunderbare Event, an dem teilzuhaben ich immer noch als eine Ehre betrachte. Von dem ich (Achtung! zwei Seelen) natürlich nicht möchte, dass es sich in irgendeiner Form verändert. Nein, nein, nein. Es gibt schlicht nichts, was da zu verändern wäre. Da bin ich in diesem speziellen Fall bis ins Mark erzkonservativ, gebe ich zu. Ich möchte, dass da nur eine Handvoll Leute (in diesem Fall 400 plus Helfer und Nebengeräusche) reinkommen. Handverlesen. Kommt mir jetzt von wegen ‚Du hast ja gut reden!‘ – ich stelle mich auch jedes Jahr auf‘s Neue an der Mailschlange an und hoffe. Und hopse wie ein kleines Kind, wenn es geklappt hat. Es kann gar nicht anders funktionieren, dieses Festival. Diese besondere Atmosphäre, die so gar nichts mit den handelsüblichen Festivalklischees zu tun hat. Dieser Hauch an Glückseligkeit, der wie ein Teppich über dem Festival liegt. Dieses Wahrheit gewordene Hippie-Ideal einer idealisierten Gemeinschaft, die sich da mitten im Outback (und ob dies Outback ist!) auf und neben einem alten Vierseitenhof bildet. Ihr findet jetzt, ich trage da zu dick auf? Nur weil ihr noch nicht dort wart. Und im Toilettenwagen munter und angeregt plauscht mit dem Death-Fan (die Band, you know), der ein paar Dörfer weiter wohnt und nun Glückseligkeit abstrahlt wie ein heißer Ofen ob dieses Festivals, das er da gefunden hat (wir hätten gerne weiter geredet, wurden dann aber mit energischen Worten von der Rinne der Möglichkeiten vertrieben – aus, naja, guten Gründen). Gut, ich gebe mal zu, unsere (schwer jugendlichen) Nachbarn passten da nicht hundertprozentig rein. Mit dem Hang zum Flunkyball und Glen Grant am frühen Morgen, mit der Melone voll Apfelkorn und den sich daraus ergebenden lautstarken Ausfallerscheinungen. Die im Tagesverlauf derart arg wurden, dass sie Herrn Nauber zum Satz des Tages provozierten: Als die Kommunikation mehr und mehr litt, schrie er in seiner Not über den imaginären Gartenzaun: „Was ist den eigentlich aus Haupt- und Nebensatz geworden?“ Dennoch muss ich mal festhalten, dass im Laufe des Festivals hochgradiger Respekt in mir aufkeimte, Respekt vor diesen Leuten, die sich mit Schwung, Anlauf und unter Nutzung aller Möglichkeiten ins rauschvernebelte Nirvana ballerten und es dabei schafften, niemanden bei der Ausübung ihrer Rauschtätigkeit auf die Nerven zu gehen. Wow. Mal ganz abgesehen von einem gemeinschaftlichen Stehvermögen, für das ich inzwischen einfach nur tiefe Bewunderung empfinde. Aber dies nur mal am Rande. Ansonsten gab es keine Klischees: Keine Bierwagen. Keine genormten Fressbuden. Keine Werbung. Kein Bühnen-Budenzauber. Der einzige, uns immer wieder zum geradezu kindischen Grinsen provozierende Bühneneffekt war jene durchhängende Latte, die hinter der Schleppdach-Bühne spätestens mit dem Dunkelwerden alle Blicke auf sich zog. Gut, da war ja noch etwas. Klar, die Musik. Nun klingt es ein wenig paradox, wenn ich jetzt mal rundheraus erkläre, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte, wer sich da an den beiden Tagen ein Stelldichein geben würde (mal abgesehen von Rotor, die selbstredend immer spielen). Wegens der wortreich gemachten Betonung auf das Musikerlebnis. Ist aber gar nicht paradox, das. Ich habe da das gewisse Vertrauen. Die machen das schon. Nein, da hatte ich nicht eine Millisekunde Angst. Die wissen genau, was sie tun. Und da stimmt ja auch alles, weeßte. Strukturen und so. Netzwerk. Man kennt sich. Dem allgemeinen Gedrängel und Smartphone-Gezücke (wir sind ja schon im Jahr 2015) vor den Aushängen mit Line-Up und Zeitplan entnehme ich mal, dass unser Fähnlein nicht das einzige war, das ohne echten Background angereist war (später sollte sich gar herausstellen, dass dies gar höchst bewußt geplant war). Dem allgemeinen zufriedenen Grinsen um mich herum war wiederum ebenfalls abzulesen, dass nicht nur ich mehr als glücklich war mit dem, was da auf den Zettel zu lesen war. Menno, so viele gute alte Bekannte! Und schau an, da gibt es ja immer noch Bands, von denen man noch nie in seinem Leben etwas gehört hat. Das Fazit vorneweg: Das hatte Klasse, das hatte Stil, das hatte Abwechslung. Ich habe jetzt keine Band parat, die wirklich irgendwie ein Ausfall war. Wobei – dies muss schon auch mal gesagt werden – die eine oder andere in erster Linie unterhaltsam war. Einfach in dieser Live-Situation Spaß machte. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Weshalb ich mir jetzt einfach mal die bemerkenswerten Highlights herauspicke. Und – dickes Sorry dafür – mir mal Ausführungen zu Deaf Flow, Samavayo und Lonely Kamel mal spare. Einfach auch aus dem Grund, dass ich für mich ganz subjektiv nicht so richtig was gefunden hätte, das mich nun zu großen Ausführungen bewegen würde.

Den Namen Dukes Of Blizzard werde ich mir auf jeden Fall mal merken. Und im Auge behalten. Das Trio hatte die etwas undankbare Aufgabe, am Freitag das Festival eröffnen zu müssen. Was sich für uns insofern ganz gut traf, da ein hibbeliger einzelner Herr die Reisegruppe in Richtung Bändchenausgabe und Vierseitenhof scheuchte (ja, ich nehme die Schuld auf mich) – dort vertrieb man sich ganz gut die Zeit mit Line-Up-Gucken und Biertrinken und zack! da standen die schon auf der Bühne. Und hinterließen bei mir einen verdammt guten Eindruck: Sehr tighter, sehr trockener, sehr zündender Stoner-Desert-Rock mit dicker Betonung auf Rock, der nicht nur einmal Referenzen in Richtung jener Genregröße aufmacht, deren Name mit K beginnt (ich denke, da weiß jeder Bescheid). Das machte aber insofern nichts, weil es aus meiner Sicht bei den respektvollen Referenzbekundungen blieb und nie in Richtung schnöder Rip-Off abglitt. Feiner Auftakt, das.

Apocalipsis

Gorilla Monsoon

Android Empire

Bemerkenswert – der Metal-Anteil war diesmal ziemlich hoch (wenn ich Metal sage, meine ich auch Metal!). Mit den Mexikanern von Apocalipsis und den Dresdnern von Gorilla Monsoon gab es zwei ziemlich waschechte Metalbands, die aber eher in dem Kontext „unterhaltsam“ unterwegs waren (und deshalb nur erwähnt werden). Richtig aufmerken ließ mich in diesem Segment erst Android Empire. Die hatte ich ja in den letzten Jahren ziemlich aus den Augen verloren, was offenkundig ein Fehler war. Wie diese Band mit einer geradezu traumwandlerischen Sicherheit chargierte zwischen dem klassischen Gedoppelte-Gitarren-Heavy-Metal, extremistischen Ausbrüchen und gediegener Post-Metal-Eleganz – tja, das ließ mir schon das ein oder andere Mal die Kinnlade runterklappen. Weil diese Fusion perfekt und stimmig wirkte. Nichts an den Haaren Herbeigezogenes, nichts mühsam Vermengtes. Dafür ein breiter, kontinuierlicher Strom an musikalischer Wucht, präzise auf den Punkt gebracht bis auf den allerallerallerletzten Beckenschlag. Das war verdammt großer Sport. Hatte ich erwähnt, dass ich diesen Namen Android Empire künftig wieder verstärkt auf der Rechnung haben werde? Nein? Dann sei es hiermit getan – ergänzt um den wichtigen Hinweis an alle Recken (und Reckinnen) da draußen, die an genannter Musik eine gewisse Freude finden, es unbedingt gleich zu tun. Selten so ein tightes, Herz und Hirn gleichermaßen ansprechendes Metal-Konzert gesehen.

Apropos merken: Das werde ich auch mal mit dem Namen Used F.O. tun. Die hatten den Blues mitgebracht und dies in erster Linie zu dem Zweck, ihn wahlweise durch die dreckige Garage oder durch verwirrendste Elektronik zu zerren. Na aber hallo, wie sich da die Jensor‘schen Lauscher aufstellten – wie immer, wenn sich etwas tut, mit dem man ums Verrecken nicht gerechnet hat. „Zwei Mann treten mit Würde und Haltung dem Mittelstand des Lebens in die Knie“, habe ich dem allwissenden Internet als Beschreibung entnommen und diese macht mich lachen. Weil sie stimmt – selten eine derartig schöne Gleichzeitigkeit von Leckt-uns-doch-alle-am-Arsch-Attitude und ausgeprägter Breitbrustigkeit erlebt. Coole Band. Und irgendwie die Überraschung des Festivals.

Was auch für CR gilt: Die gaben uns den Rausschmeißer am Sonntagmorgen und die machten es mit Bravour. Die Vortags-Witzeleien, wo denn bei diesem Bandnamen das zweite C abgeblieben sei, sollten sich als hellsichtig herausstellen: Dieses Duo klatschte uns einen entsprechenden Hit nach dem anderen um die Ohren mit einer Lust und Laune, die hochgradig ansteckend war. “Bad Moon Rising” ist schon ein geiler Song, wenn er mit einer latenten Rotzigkeit rausgehauen wird. Und als dann ganz zum Schluss gar noch ein Dead-Moon-Stück rausgekramt wurde, stand Freund Schnulf schon die ein oder andere Träne der Freude im Knopfloch.

Wobei auch unbedingt zu erwähnen wäre, dass sich da ja mittlerweile personelle Überschneidungen ergeben zu jener Band, wegen der man ja ohnehin immer dorthin fährt. Einfach aus dem Grund, weil da Rotor auf der Bühne stehen. Eine Band, die mich nie enttäuscht hat. Auch wenn ich – dies gebe ich unumwunden zu – mit ein wenig, mit ganz sachter Sorge am Start war: Eben wegen dieser neuen Viererkonstellation, die im ungünstigen Falle ja auch etwas Außergewöhnliches kaputt machen kann. Wegen der neuen Platte, die vor der Tür steht und die an „Rotor 4“ anschließen muss. An eine Platte, die eben in jeder Beziehung außergewöhnlich ist (hab sie jetzt erst mal wieder gehört und muss mich erneut verneigen). Naja, jeder Musiknerd und Fan kennt diesen Bammel. Tja, der ist weg. Komplett. Weil alles funktioniert hat von der allerersten Sekunde an. Weil sich an der bemerkenswerten Konstellation nichts verändert hat: Diese Musik, die sich da im weiten Spannungsfeld von purer Wucht und feiner Dynamik, von intensiven Riffs und emotionalen Melodien bewegt, ist nach wie vor in allererster Linie dem gleichberechtigten Zusammenspiel von Gitarren, Bass und Schlagzeug zu verdanken. Was sich dann auch schon im Bühnenaufbau niederschlägt: Alle in einer Linie, alle auf Augenhöhe, alle von einer essentiellen Bedeutung für das Funktionieren der Musik. Mit einem kleinen, aber enorm feinen Unterschied: Die neue Besetzung eröffnet noch mehr Optionen, noch mehr Möglichkeiten – womit ich jetzt nicht einmal nur an die Durchschlagskraft denke, die mit der zweiten Gitarre selbstredend erhöht wurde. Langer Rede kurzer Sinn: Es war wie immer. Rotor haben mich locker weggeknallt. Gerade auch mit den neuen Stücken, denen ich ein paar ganz neue Seiten entnehmen konnte. Grandioses Konzert.

Ansonsten sollte denn mal grundsätzlich gesagt werden, dass ich keine Band beneide, die nach Rotor spielen muss. Die hat – aus dargelegten Gründen – immer irgendwie ein Problem. Ich bin mir allerdings nichts sicher, ob dieser feststehende Fakt dergestalt lange Nachwirkungen hatte, dass er auch auf den Treedeon-Auftritt durchschlug. Denn auf das Trio Yvonne Ducksworth, Arne Heesch und Christian Böhm hatte ich mich bannich gefreut: Sehr präsent war da noch der Moment, an dem mich diese Band zum Stoned From The Underground 2014 geradezu umgehauen hatte – mit einer furchtbar wuchtigen Emotionalität oder wahlweise emotionalen Wucht, der ich mich als alter Noise-Nerd auf gar keinen Fall entziehen konnte. Das schürt Erwartungen – erst recht, wenn man da mit einer formidablen Platte namens „Lowest Level Reincarnation“ nachzulegen weiß. Aber irgendwie passte es an diesem Abend nicht. Was ich auch tun mochte: Ran an die Boxen, hinter in die Mitte, naja, das ganze Programm. Ich stand herum und fühlte mich doof und unglücklich, bis ich bemerkte, dass es wohl nicht nur mir so ging. Es entspann sich ein Disput, bei dem sinngemäß Folgendes herauskam – irgendwie schien das Schlagzeug einen winzigen Tick hinter der Gitarre hinterherzuspielen. Echt nur minimal, so wenig, dass es im eigentlichen Soundbild nicht wirklich auffiel. Aber eben doch merklich Dynamik und Drive verschleppten, was wiederum dem Noiserock der Band (der ja eher auf Downtempo-Durchschlagskraft und Riff-Mächtigkeit setzt) nicht so besonders gut zu Gesicht stand. Wobei ich allerdings auch ssagen muss, dass es dazu auch ganz andere Meinungen gegeben hat – subjektiv gesehen reichte es aber für mich nicht an den „Aus-den-Latschen-Hau“-Moment von Erfurt-Stotternheim heran. Der einzige, klitzekleine Wermutstropfen des Wochenendes.

Aber das hatte dafür auch einen schönen Moment großer Erhabenheit zu bieten: Ach ja, da machte sich schon ein gewisses Gefühl der Ergriffenheit breit, als Kadavar auf die Bühne kamen. Freund Schnulf hatte da schon die richtige Einstellung: „In so einem Rahmen werden wir die nie wieder zu sehen bekommen.“ Wie recht er hatte, der Wackere! Ein ebenso aufmerksames wie feierwütiges Publikum, eine zauberhafte Location ohne die üblichen blöden Nebenwirkungen der Überfüllung, eine Band, die einfach nur Bock hatte und dazu noch einen ganzen Arsch voll Hits im Köcher. Inklusive diverser Neuzugänge – zumindest wenn mich mein (zugegebenermaßen schon ein wenig bierseliges) Gehör nicht getäuscht hat (die neue Platte namens „Berlin“ steht ja nun auch schon in den Startlöchern). Ansonsten brachte mich dieses Konzerterlebnis mal wieder nachhaltig dazu, über die ganz reelle Ausnahmestellung einer Band wie Kadavar nachzudenken: Was macht sie anders als eine ehrenwerte Kapelle wie Lonely Kamel? Mehr Haare? Mehr Authentizität? Mehr Retro-Mystizität? Mehr Musikalität? Mehr Ausstrahlung und Präsenz (meine Fresse, was Tiger doch für ein Schlagzeuger ist)? Mehr Vielschichtigkeit? Ich hatte ja man (bei einem btw knallvollen) Konzert in der Pumpe Kiel darüber nachgedacht, dass Kadavar es schaffen, wirklich jeden mitzunehmen – vom Sabbath-Jünger bis zum Psychedelic-Freak, vom Schlaghosen-Jungspund bis zum Jeanswesten-Graurücken. Sexyness passt, der Groove sowieso und ein paar Momente für die Ewigkeit haben sie immer in der Hinterhand (wenn man nur mal an das Franz-Ferdinand-Break in „Come Back Life“ denkt). Naja, und als dann pünktlich um 24 Uhr die Geburtstagsständchen für Lupus Lindemann durch den Vierseitenhof schallten, war sich auch der Allerletzte sicher, einem magischen Moment beizuwohnen. Was die Band – btw. – dazu brachte, auf eine bis dato ausgezeichnetes Konzert noch einen feinen Klecks Grandioses zu setzen. Grrrr.

Last but not least: Die Momente des Kontrollverlustes. Wer auch immer auf den Gedanken gekommen ist, den Freitag mit Camera zu beschließen, er sei warm an mein Herz gedrückt. Ich fand die Berliner Krautrocker mit ausgeprägtem Hang zu rhythmusgeprägter Stoizität (gleich neben Techno zuhause) schon immer prima – ganz gleich, ob auf Tonträger oder live. Aber was sie da in der Scheune gezündet haben, machte eine vollkommen neue Dimension auf. Ekstase! Aaaaaaah! Aaaaaaaaaah! Kollektives Durchdrehen! Tanzen! TANZEN! Wieder so ein Moment für die Ewigkeit. Ein Moment, an dem alles gepasst hat. Füllstand (ein bißchen Rauschzustand schadet beim Kontrollverlust nie), Location, Atmosphäre, Abgerocktheit (wegen dem schon mal sacht angeknacksten Willen, hehe) und eine Musik, die mit ihrem unbedingten Willen zu Monotonie und Repetition immer wieder auf dieselbe Stelle schlägt. Mit Wucht und Nachdruck, mit Energie und Intensität – bis du alles fahren lässt und willenlos abdrehst in die Ekstase. Ich habe keine Ahnung, wie lange Camera eigentlich gespielt haben – gefühlt waren köstliche Stunden der Ewigkeit. Ja, ich habe auch ein paar Stück erkannt. Aber eigentlich wollte ich die ganze Zeit nur, dass mich dieses Schlagzeug weiter mit kräftigen Fußtritten vorantreibt. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Leuten geht – aber ich gehe genau aus dem Grund zu Konzerten, weil ich auf diese Momente immer wieder hoffe (und sie – btw – anderswo nicht finde).

Nun wären Camera in einer normalen Welt mit so einem Auftritt mit weitem Abstand als „Gewinner des Festivals“ durch das Ziel gegangen – aber eben nicht in einer Welt, in der auf dem gleichen Festival auch Dÿse gastieren. Die können diese Sache mit der Ekstase und dem Kontrollverlust sogar noch einen Ticken besser, weil ohne Anlauf und Verzögerung. Zack! Eben waren alle noch normal, jetzt sind sie eine wachsweiche Masse. Doch doch, das können die, habe ich selbst erlebt und zwar selten so intensiv wie in der schon erwähnten Scheune. Mir wurde zugetragen, dass André ein leises, vorfreudiges, wissendes Lächeln auf den Lippen hatte, als er realisierte, dass sie in der Scheune spielen würden. Ein Lächeln, das ich mir ebenfalls beim Blick auf den Timetable nicht verkneifen konnte – jedem Anwesenden mit Background und/oder ein wenig Vorstellungskraft war klar, was passieren würde. Diese beiden Kerle werden dich walken und rollen, schütteln und rütteln, dein Gehirn vollstopfen mit irrsinnigen Humor und der leckersten Krach-Melodie-Verbindung, die man sich nur vorstellen kann. Sie werden deinen Körper ebenso übernehmen wie deinen Geist. Sie werden dich dazu bringen, „Sag Hans zu mir“ zu schreien und dabei keinerlei Rücksicht auf deine Stimmbänder zu nehmen. Du musst Dÿse werden? Neeeee neee. DU WIRST DŸSE WERDEN! Das war kein Konzert mehr, das war ein Trip. Einer, bei dem einen alles abhanden kommt, Zeitgefühl als allererstes. Man sagt ja gemeinhin, dass besonders schöne Dinge besonders schnell rumgehen. Nun, ich hatte (und habe) den Eindruck, dass André und Jari maximal fünf Minuten gespielt haben können. Muss also der nackte Musik-Orgasmus gewesen sein …

Was bleibt? Der Blues. Grrr. Wieder ein Jahr warten auf dieses gemeinschaftliche Glücksgefühl. Auf dieses Dauergrinsen. Auf diesen Realität gewordenen Traum einer funktionierenden Hippie-Community. Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein! Um mal diesen Bogen wieder zu schlagen. Zu den zwei Seelen – denn natürlich will ich das Wort verbreiten. Darüber reden, dass es geht. Man kann so etwas auf die Beine stellen – auch wenn ich weiß, dass dazu endlos viel Leidenschaft, Euphorie, Emphatie, Engagement, Idealismus, Leidensfähigkeit nötig ist. Man bindet sich irrsinnig viel ans Bein. Und man braucht auch ein bißchen Glück, einen Haufen Freunde, ein funktionierendes Netzwerk an Menschen, die genauso oder ähnlich ticken. Aber es geht. Jenseits der eingangs erwähnten Übel. Aber kommt jetzt um Gottes Willen nicht alle. Denn dann funktioniert es nicht mehr. Macht lieber selber was. Das ist die Botschaft: Macht was. Wir sind immer an eurer Seite. Aber ich vermute, dass die üblichen Verdächtigen da draußen dies alles ohnehin wissen.

Fotos: Klaus Nauber

Noch mehr Bilder vom Check In bis zum Finale findert ihr hier:

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2 Kommentare »

  1. schön geschrieben und vielen dank für die schmeichelnden lobesworte zu Dukes Of Blizzard,
    es war uns auch ein FEST, das.
    ;D

  2. Sau guter Abriss. Konnte einige Momente wieder genauso nachfühlen und es holte mir einige Dinge aus längst vergessen geglaubter Erinnerung.
    Schön Schön. Und am besten die Botschaft am Ende ;)
    Danke

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