Die Freiheit der Möglichkeiten – Frittenbude reloaded

Text: Jensor | Ressort: Allgemein, Diary, Musik | 30. August 2015

Die Freiheit der Möglichkeiten

Frittenbude sind wieder am Start. „Küken des Orion“ heißt die Platte, die just erschienen ist. Natürlich auf Audiolith. Das schwierige Album nach dem Durchbruch. Die Markierung dessen, worum es künftig gehen soll. Irgendwo habe ich schon mal die ziemlich richtige Feststellung gelesen, dass diese Band, die sich immer als Underdog definiert hat, auf einmal selbst zum Establishment zählt. Attraktiver Festival-Slot auf‘m Highfield inklusive. Und Interviewtouren durch Radiosender, die sich genau genommen einen feuchten Kehrricht um die Attitudes scheren, für die eine Band wie Frittenbude steht.

Der Trick ist, Haken zu schlagen. Auszuweichen. Klar, ab in Richtung Nebenprojekte. Und dann noch zusätzlich eine Neujustierung in Angriff nehmen: Frittenbude wird vom Electro-Projekt zur Band – mit Schlagzeuger und Keyboarder. Stichwort „Alles ist möglich“ – darauf lässt sich das neue Album von Frittenbude durchaus fokussieren: Das, ähem, klassische Audiolith-Gebollere (eine Begriffskombination, die alle Beteiligten nicht so gerne hören, die aber in der öffentlichen Wahrnehmung nun mal zu verzeichnen ist) zwischen Rave und HipHop ist noch da, klar. Aber auf „Küken des Orion“ geht es um melancholische Zwischentöne, um Zitatpop und generell um die Grenzenlosigkeit der musikalischen Möglichkeiten. Eine Bestandsaufnahme.

Wie ist Frittenbude eigentlich zur Band geworden?

Jakob Häglsperger: Für uns stand nach „Küken des Orion“ die Herausforderung, neben den neuen Songs die alten elektronischen Sachen live im Band-Zusammenhang umzusetzen. Und damit weg von dem alten Electro-Liveset-Stil zu gehen. Dafür haben wir uns einen Schlagzeuger und einen Keyboarder neu in die Band geholt. Ich spiele Bass und Moog-Synthesizer und Martin bleibt an der Gitarre. Dadurch werden wir anders klingen. Da haben sich manche Songs schon ganz schön krass entwickelt.

Martin Steer: Man muss dabei aufpassen, dass die ganze Sache nicht an Druck verliert. Aber bis jetzt war es eine ziemlich gute Entwicklung. Ein echter Zugewinn.

Kann man da auch von einer Neudefinition im Sound sprechen?

Johannes Rögner: Auf jeden Fall.

Jakob: Auf der anderen Seite hatten die Produktionen, die noch ohne Band entstanden sind, ja auch schon einen leicht anderen Sound: Mehr richtiges Schlagzeug, weniger diese ganze Drum-Samples. Das war dann letztlich der entscheidene Punkt, live mit Schlagzeug zu spielen.

Johannes: Die beiden Neuen sind eben auch Freunde und bringen damit auch ganz viel Spaß in die Sache rein.

Martin: Man kann jetzt auch mal zum Schlagzeuger auf das Podest hüpfen und der grinst einen an. Das ist cool. Ich glaube, die Band hat dies auch gebraucht nach den zehn Jahren, in denen wir stets zu dritt gespielt haben. Wobei es wie schon erwähnt diese technische Hürde gibt: Man muss ganz genau aufpassen, dass man nichts verliert, sondern wirklich etwas dazu gewinnt.

Gab es diese Idee, die Stücke mit einer Band auf die Bühne zu bringen, schon bei der Entstehung von „Küken des Orion“?

Jakob: Irgendwie schon. Wir hatten die Songs vor uns und uns war sofort klar – die kannst du live nicht wie immer spielen, das musst du anders machen.

Wenn ich mir die neue Platte anhöre, fällt mir da ein melancholisches Element auf, das ich beu Frittenbude derart ausgeprägt vorher nicht gehört habe. Ist das ein weitere neue Facette im Sound?

Johannes: Naja, das hatte sich eigentlich schon angekündigt. Zumindest schon auf „Delfinarium“.

Jakob: Gut, mit Platten wie „Katzengold“ haben wir schon anders geklungen – mit diesen ganzen Superhelden-Melodien, die einfach nur nach vorne gegangen sind. Jetzt gibt es eben auch mal andere Stimmungen.

Martin: Wobei ich denke, dass diese Melancholie schon immer in uns drin war. Diesmal haben wir sie mehr zugelassen.

Johannes: Das ist aber nicht bewußt entstanden. Wir haben uns nicht hingesetzt und gesagt – das muss jetzt so sein. Es war eher so, dass es uns auch erst aufgefallen ist, als sich ein Song zum anderen gesellt hat. Und da haben wir nicht den Superhelden-Party-Riegel vorgeschoben, sondern es eben passieren lassen.

Hat sich in diesem Zuge auch von der inhaltlichen Seite etwas verändert? Wie entstehen die Texte, wie die Aussagen?

Johannes: Boah, das ist immer gleich: Ich schreibe die Texte und wir machen die Songs. Da steckt jetzt kein großer Masterplan dahinter. Ähnlich wie sich die Songs entwickeln, entwickeln sich eben auch die Texte.

Martin: Lebensgefühl ist das Stichwort.

Johannes: Ganz genau: Die meisten Songs sind einfach 100 Prozent Ich. Das ist mein Leben. Und es gibt dann aber auch Songs, bei denen ich über allgemeine Sachen schreibe und bei denen ich mich auch direkt die Leute anspreche. Aber eigentlich ist es so: Wir sind Frittenbude. Und das ist unser Leben. Wobei da natürlich auch alles dazu gehört, was außerhalb der Band passiert.

Das impliziert ja auch, dass sich euer Leben verändert hat …

Johannes: Klar. Das verändert sich ständig.

Ist dies eine Ursache dafür, dass diese Methode der griffigen Slogans nicht mehr so präsent ist?

Johannes: Ja, aber dies war ja schon beim „Delfinarium“ so,. Schon damals hatten wir den Ansatz, dass wir ein Album machen wollen, das man nicht nur im Club hört, sondern auch Zuhause auflegt. Kann sein, dass es uns erst mit „Küken des Orion“ wirklich gelungen ist. Aber das ist eben auch ein ganz normaler Prozess: Die Jungs kaufen sich mehr Equipment, sie werden besser im Produzieren der Songs und ebenso verändert sich auch meine Art des Textschreibens. Wobei ich jetzt nicht mal einschätzen kann, ob es besser geworden ist – vielleicht ist es jetzt auch schlechter. Oder besser gesagt ist es komplizierter geworden. Aber mal ehrlich: Es wäre ja schade, wenn es stagnieren oder sich gar zurück entwickeln würde. Und ich dann nur noch ein Wort pro Songs sage. Wobei das natürlich auch fantastisch funktionieren kann.

Was dann der Reiz der absoluten Minimalisierung wäre …

Johannes: Genau, du sagst etwas und die Botschaft ist absolut klar. Nazis raus zum Beispiel. Manche Songs sterben ja auch manchmal, weil sie völlig zugetextet sind. Genauso wie manchen Stücken ein bißchen mehr Text gut getan hätte. Aber ich spreche jetzt nicht von unseren Songs, die sind perfekt (lacht).

Grundsätzlich klingt das jetzt alles nach einer ziemlich großen Lust, offene Entwicklungen zuzulassen?

Jakob: Wir sind immer noch hungrig. Und wir sind noch lange nicht dort angekommen, wo wir hinwollen.

Johannes: Das ist wiederum das Schöne, wenn man noch so viel Neues entdeckt. Nicht nur bei mir, sondern auch bei den anderen Beiden. Ich habe das Gefühl, da kann noch so viel passieren.

Martin: An den Punkt, zu dem man eigentlich hinwill, kommt man sowieso nie. Man kommt vielleicht im besten Fall recht nahe dran. Man muss sich frei machen von diesem Streben nach Perfektionismus. Sonst würden wir immer noch an dem Album arbeiten.

Jakob: Andererseits gibt es so viele Bands, bei denen die Alben immer gleich klingen. Das wird bei uns nicht passieren.

Johannes: Zudem muss man sich eben auch selbstkritisch gegenüber stehen. Ich denke, wir sind uns selbst die größten Kritiker. Wenn wir uns nicht einig sind, dann wird das auch nichts.

Das klingt nach einem demokratischen Prozess …

Johannes: Nein, bei uns ist das Kommunismus. Demokratie wäre schwer mit drei Leuten. Wir sind die letzte kommunistische Bastion Bayerns.

Jakob: Wobei ich diesmal wirklich das Gefühl habe, dass wir eine Vision auf das Papier gebracht haben, wie Frittenbude klingen sollte. Genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Damit haben wir jetzt aber auch einen Punkt erreicht, an dem man sehen muss, wie es weitergeht. Ich glaube nicht, dass wir beim nächsten Album noch einmal diese Frittenbude-Essenz so bündeln können. Das haben wir jetzt abgeschlossen. Aber da können wir vielleicht in zwei Jahren noch einmal drüber sprechen, wie es da weitergeht.

Damit definiert ihr „Küken des Orion“ als klassische Momentaufnahme?

Jakob: Auf jeden Fall. Wir haben ja von Anfang an immer alles gemacht. Alles war möglich. Auf dem ersten Album war ein Kanon drauf. Worauf wir Bock hatten, haben wir gemacht. Auch, was die Musik betrifft, die mit reingespielt hat. Und da muss ich dann doch auch mal sagen, dass wir nach wie vor hungrige Musikkonsumenten sind. Solche Einflüsse hört man dann einfach auch.

Martin: Deshalb macht die Band auch so Spaß. Es gibt keine Grenzen. Außer die, die unsere eigenen Möglichkeiten setzen.

Welchen Einfluss hatten eure Soloprojekte?

Johannes: Es gibt sogar zwei Stücke auf die Platte, die ich geschrieben habe, als mit meinem anderen Projekt im Studio war. Da hatte ich einfach das Gefühl, dies ist eher Frittenbude. Wie soll man das sonst abwägen? Das ist jetzt Frittenbude und das ist jetzt Lama LA? Das bin ja immer ich, das ist immer 100 Prozent Johannes. Also habe ich immer abgewogen, welcher Text besser zu welchem Beat passt. Dann gab es eben die zwei Frittenbude-Beats, auf die die Texte super gepasst haben.

Jakob: Ich glaube zum Beispiel, dass man es auf „Stürzende Helden“ ganz gut raushört, dass ich mich mit meinem Soloprojekt Kalipo ziemlich auf das Thema Vocal-Verfremdung und Vocal-Schnipsel gestürzt habe. Das ist ja der Sinn von Experimenten: Man macht sie und kommt zu Ergebnissen.

Johannes: „Michael Jackson hatte recht“ ist auch so ein Ding – da hört man ganz klar Martins Einflüsse von Pandoras Box raus. Sein Fantum für Brian Joneston Massacre und Nine Inch Nails. Zumindest höre ich dies raus.

Martin: Das ist – ich sag es gerne noch einmal – das Geile an Frittenbude: Ich kann dies alles ausleben.

Das Prinzip des Zitierens rückt in meiner Wahrnehmung auf der neuen Platte noch stärker in den Vordergrund …

Jakob: Na gut, bei diesem Album habe ich mal mit bekannteren Sachen agiert. Aber das Zitat an sich gab es schon immer, da habe ich nur irgendwelche Indie-Rapper aus Amerika zitiert, die gerade mal 300 Platten verkauft haben. Auf dem neuen Album habe ich bewußt viele Sachen genommen, die ich früher auf MTV gesehen habe. Und die mich bewegt haben, obwohl ich das garnicht durfte, weil ich ja der totale HipHop-Nerd war. Da reden wir über Die Sterne, Wir sind Helden, Die Ärzte.

Warum diese Zitate?

Jakob: Es ist halt Sampling. Wie man einen Beat samplen kann, kann man auch Text samplen.

Aber mit diesem Zitieren von gemeinhin bekannten Dingen schafft man ja zugleich eine ganz andere Botschaft …

Jakob: Das war eher unbewußt. Manche Sachen sind von anderen Leuten so schön gesagt worden, dass man es nicht besser machen kann.

Wie steht ihr zu dem Prinzip des „geistigen Eigentums“?

Martin: Wenn in einem kreativen Sinne Dinge neu verwertet sein, sollte das aus meiner Sicht auch legal sein.

Jakob: Genau, wenn da etwas Neues herauskommt. Das ist doch absolut legitim, wenn es die Kunst weiterbringt. Alles baut ja aufeinander auf. Das ist natürlich ein schmaler Grat: Du klaust etwas und verdienst damit Geld. Oder du nimmst es und machst etwas anderes, spannendes daraus. Es gibt ja immer wieder die Leute, die danach fragen, was die neue Musikrichtung wird. Ich denke, dass das was wir im Augenblick haben, schon die neue Musikrichtung ist. Alles ist möglich. Es gibt nicht mehr nur den Rock, den Techno, den HipHop, sondern eine Musik, die aus diesen Stilen heraus erwächst.

Martin: Meine Meinung! Zeitgenössische Musik sollte sich aus allem speisen, was vorhanden ist.

Hat in diesem Zusammenhang das Prinzip Remix noch eine Bedeutung – auch für Frittenbude?

Johannes: Eigentlich gar nicht mehr. Früher hatte jeder Song zehn Remixe, jetzt spielt das nur noch in der Techno-Szene eine echte Rolle. Für uns selbst ist das in den Hintergrund getreten.

Martin: Das hatte noch eine ganz andere Bedeutung, als wir angefangen haben. Diese ganzen Indie-Sachen, die einen Remix bekommen haben, damit sie auch im Club funktionieren.

Johannes: Genau, diese ganzen Electro-Clash-Sachen. Genau da sind wir auch entstanden. Indie-Gitarren, die auf Techno-Beats gepackt werden. Da hat sich aber eben der Ansatz inzwischen verändert: Ich glaube, wir wollten Songs machen – wobei ich nicht weiß, ob uns dies gelungen ist. Einen Song schreiben, der einfach für sich steht – ganz egal, ob Electro-Clash oder Indie oder HipHop oder sonstwas.

Was bedeutet für euch Verweigerungshaltung?

Martin: Verweigerungshaltung ist einfach ein Grundgefühl. Anti-Sein. Auch wenn das vielleicht in keine bestimmte Richtung führt.

Jakob: Dieses Prinzip hat uns auf jeden Fall schon viele Türen verschlossen. Schon durch unsere Haltung und durch unser Auftreten schließen wir schon einen gewissen Teil an Leuten aus. Wir benennen das klar und stehen auch eindeutig dazu. Das ist schon von vornherein eine gewisse Verweigerungshaltung.

Martin: Das steckt ganz tief in uns drin. Es geht nicht um Geld. Und nicht darum, sich ein bestimmtes Publikum offen zu halten. Es geht um Einstellung, um Haltung. Und wenn man dann gewisse Leute nicht anspricht, dann scheiß‘ drauf. Dann ist es auch nicht so wichtig.

Johannes: Man sollte sich selbst treu bleiben. Und die guten alten Ideale nicht ganz aus den Augen verlieren.

“Küken des Orion” von Frittenbude ist auf Audiolith erschienen.

Außerdem ist man natürlich unterwegs. Die Termine:

  • 30.09.2015 - Wolfsburg (DE), Hallenbad
  • 01.10.2015 - Köln (DE), Live Music Hall
  • 02.10.2015 - Münster (DE), Sputnik Halle
  • 03.10.2015 - Wiesbaden (DE), Schlachthof
  • 05.10.2015 - Trier (DE), Jugendzentrum Mergener Hof
  • 06.10.2015 - Saarbrücken (DE), Kufa Saarbrücken
  • 07.10.2015 - Heidelberg (DE), Halle02
  • 08.10.2015 - Bern (CH), Dachstock
  • 09.10.2015 - Zürich (CH), Dynamo
  • 10.10.2015 - Stuttgart (DE), Im Wizemann
  • 11.10.2015 - Würzburg (DE), Posthalle
  • 13.10.2015 - Hannover (DE), Faust
  • 14.10.2015 - Dortmund (DE), FZW
  • 15.10.2015 - Kiel (DE), Pumpe
  • 16.10.2015 - Hamburg, Große Freiheit
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