Ein Trauerspiel: “Kintsugi”

Text: Jensor | Ressort: Allgemein, Musik, Veranstaltungen | 29. September 2015

Ich kann mich noch ziemlich gut an den Moment erinnern, an dem mir klar wurde, was mich an dieser Platte so stört. Es war der dritte Anlauf, mit dem ich mich an „Kintsugi“ rangewagt hatte. Und zack, mittendrin bei „The Ghost Of Beverly Drive“ war er auf einmal da, der grässliche Soundeffekt aus der Vorhölle der Presets. Dieses (pardon) dumme, inhaltsleer trockene Klatschen und Plocken, das ich immer verortet habe bei Leuten, die via solcher, eigentlich vollkommen überflüssiger Effekte die Illusion von Substanz erzeugen wollen. Und auf einmal formt sich das ganze Unbehagen in meinem Hinterkopf zu einer großen Frage: Warum klingt denn dieses ganze Album so beschissen? So beschämend nach billigen Synthies und erwähnter Preset-Vorhölle? Ach weh, es ist wirklich ein Graus – erst recht, weil ich diese fiesen Sounds nicht mehr ignorieren kann beim Durchhören. Und immer wieder hängenbleibe an dem dummen Effekt im Refrain von „The Ghost Of Beverly Drive“, der mir obendrein noch die Ohren geschärft hat für die vielen weiteren kleinen Sound-Untaten auf dieser Platte.

Es ist ein Trauerspiel. Ich habe an Death Cab For Cutie immer den Hang zu unbedingter Nähe geliebt. Wenn sich diese Musik in den besten Momenten ganz dich an einen rangekuschelt hat. Und dir warm ins Ohr flüsterte, dass sie dich verstehen kann in deinem komischen Weltschmerz. An „Kintsugi“ ist nichts nah. Und nichts warm. Die (pardon) doofe Produktion schafft zwei Dinge und zwar umwerfend konsequent: Kühle und Distanz. Wenn dies gewollt war – Glückwunsch, läuft so. Experiment geglückt. Nur die Musik funktioniert dann halt nicht mehr. Denn DCFC können nicht raus aus ihrer Haut, sie wollen immer noch der tief empfindsame Kumpel sein. Der Sensible und Emotionale, der Trostspender – nur eben jetzt mit einem seltsamen Sicherheitsabstand. Hmm.

Wobei – dieses Experiment hätte vielleicht sogar interessant, gar spannend werden können, wenn die Songs einfach besser wären. Trostspendender, sensibler, emotionaler, empfindsamer und vor allem nachhaltiger. Mit „Kintsugi“ geht es mir ähnlich wie mit „Former Lives“, der Soloplatte von Ben Gibbard aus dem Jahr 2012: Das hört sich so weg, relativ problemlos (wenn man bei ersterer nicht so genau hinhört, um immer wieder über die erwähnten Soundeffekte zu stolpern). Fünf Minuten nach dem Plattenende ist alles weg. Absolut alles. Nichts, was sich auch nur rudimentär im Langzeitgedächtnis festsetzt. Was wiederum erneut ein Trauerspiel ist.

“Kintsugi” von Death Cab For Cutie ist bei Atlantic/Warner erschienen.

Die Band ist unterwegs und zwar da:
7. November – Rolling Stone Weekender
8. November – Kopenhagen, Amager Bio
9. November – Berlin, Huxleys Neue Welt
11. November – Köln, Live Music Hall
12. November – Brüssel, AB
13. November – Luxemburg, Sonic Visions Festival
15. November – Utrecht Tivoli Vredenburg
16. November – München, Tonhalle
17. November – Wien, Gasometer

Foto: WMC

www.deathcabforcutie.com

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Ein Kommentar »

  1. nun ja, Chris Walla ist weg…mal schaun, wie sie das verkraften.

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