Die Balance stimmt: Ryker’s – Never Meant To Last

Text: Jensor | Ressort: Allgemein, Diary, Musik, Veranstaltungen | 20. Oktober 2015

Wie hälst Du‘s mit dem Testosteron? Diese Frage stellt sich stets als erstes, wenn es um den Hardcore im sehr klassischen NYC-Style geht. Ein Hort der höchst ausgefeilten Feingeistigkeit war dort nie zu finden und wird auch nie zu finden sein – weshalb das Beklagen der ausgeprägten Macho-Kernigkeit der Rebelleninszenierung schon mal ausfällt. Ist einfach stil-implementiert. Punkt. Allerdings sind es gerade bei Styles, die eine gewisse, nun ja, Attitude-Limitierung in sich tragen, die Feinheiten in Detail, die den Unterschied ausmachen. Und da hatten es die Ryker‘s bei mir immer schwer in meiner aktiven Hardcore-Phase vor – bei Gott! – mehr als 20 Jahren: Ich nahm die Band stets als Abziehbild der üblichen Verdächtigen von Agnostic Front über Sick Of It All und Cro-Mags bis zu Judge wahr, dem das eigene Fehlen der feinen originären Eigenständigkeiten der erwähnten Vorbilder so bewußt war, dass man es mit gnadenlosen Overacting über die Kitschgrenze hinaus zu kompensieren suchte. „Hard To The Core“, die Comeback-Platte aus dem letzten Jahr, machte da auch keine Hoffnung auf Besserung – eher im Gegenteil.

Doch Obacht! Jetzt kommen die Ryker‘s mit „Never Meant To Last“ um die Ecke und ich denke, na herrje, geht doch. Gut, das Thema Eigenständigkeit wird wohl immer ein heikles bleiben in diesem Zusammenhang, aber die Balance stimmt auf einmal. Die Balance zwischen erwähnten Testosteronschub und einer klar erkennbaren Authentizität, die eben diesen ein wenig erdet, haut auf einmal hin. Wobei ich – dies sei erklärt – mich mit dem Begriff Authentizität jetzt nicht wirklich solche Dinge wie die Botschaften, Attitudes oder so abziele, sondern eher das unbestimmbare, aber wahrnehmbare Gefühl, hier einer Band zuzuhören, die tatsächlich Bock auf das hat, was sie da tut. Und dies ist dann schon ein wohltuender Fortschritt gegenüber der allzu wohlkalkulierten Ästhetik von „Hard To The Core“. Und so kommen 13 Klopper zwischen Uptempo-Gehoppel und Midtempo-Mosh heraus, mauerfest verankert im klassischen Soundbild mit leicht metallischer Unterkante, Gangshouts und zementierter Humorlosigkeit. Und darüber werden dann die ebenso klassischen Botschaften in der mindestens ebenso NYHC-typischen knödligen Gepresstheit rausgebellt: Wir gegen den Rest der Welt! Das ist ohne Zweifel schwer klischeebeladen, aber es funktioniert auf „Never Meant To Last“ richtig trefflich – ohne Kitsch, ohne Overacting, ohne jene Momente, in denen meine Mundwinkel abhauen wollen nach oben oder nach untern. Und zum Teufel, diese Gangshout-Hymne „The Outcast‘s Voice“ hat tatsächlich das Zeug zum waschechten Hit. Da brauche ich dann den „Cowboy Song“, der offenbar so etwas wie musikalische Freigeistigkeit und Offenheit implizieren soll, überhaupt nicht. Siehe oben. Und mit dem Testosteron habe ich in diesem Kontext nicht so große Schwierigkeiten.

Ryker’s – Never Meant To Last ist via Beatdown Hardwear Rec./Soulfood erschienen. Die Band ist auch live zu sehen:

4. Dezember – Leipzig, Conne Island

19. Dezember – Berlin, Huxleys

www.rykershardcore.com

Fotos: Label

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