Bestens unterwegs – Up In Smoke Roadfestival Vol. 6 & 7.

Text: Jensor | Ressort: Diary, Musik, Veranstaltungen | 9. März 2016

Mammoth Mammoth

Da wird dann wohl doch alles richtig gemacht – und sofort denke ich darüber nach. Ich habe die letzten drei Up In Smoke-Shows in Leipzig gesehen, in drei unterschiedlichen Locations und jedesmal war es gut. Nein, da rede ich (noch) nicht von der musikalischen Einschätzung. Es war gut im Sinne von „Da waren echt Leute da“ – ne Sache, die am Ende des Tages ja jedem Spaß macht, den Bands, dem Veranstalter, den Läden und auch dem Publikum (wer schon mal in einem 500er Laden mit 50 Hanseln stand und obendrein noch einer Band zuschaut, die einem richtig am Herzen liegt, kennt hoffentlich das fiese Gefühl der Scham und Verärgerung, das sich zumindest bei mir immer Bahn bricht). Das Trio Colour Haze, Radio Moscow und Kalamahara sorgte für ein anständig gefülltes Täubchenthal (viel mehr waren bei Sepultura, Biohazard und Nuclear Assault auch nicht da), das Package My Sleeping Karma, Greenleaf und Mammoth Mammoth verkaufte das UT Connewitz aus und selbst die Kombination Mars Red Sky, Stoned Jesus und Belzebong sorgte dafür, dass die Halle D im Werk 2 ganz anständig gefüllt war – und da hatte ich eigentlich wirklich Schiss, habe ich doch eben Mars Red Sky mal in einer oben erwähnten Situation gesehen. Argghh, schrecklich, das (auch wenn es ein schönes Konzert war). Noch erstaunlicher: Mal rein subjektiv gesehen gab es ziemlich geringe Überschneidungen im Publikum – das Häufchen der üblichen Verdächtigen schien mir kleiner zu sein als gewöhnlich.

Mammoth Mammoth

Gut, da wird also etwas richtig gemacht: Dieses Ding mit der Roadshow, die der ganzen Geschichte noch einmal einen eigenen Kick gibt (Festival-Feeling galore). Die Idee, in einem klar umrissenen Genreumfeld zwischen Stoner und Blues, zwischen Doom und Psychedelic dennoch an einem Abend ein Höchstmaß an Abwechslungsreichtum auf die Bühne zu stellen. Der Ansatz, das man gemeinsam Spaß haben kann – nix da mit Arschlochigkeiten der Machart „Die Vorband spielt nur auf der Hälfte der Anlage und mit zwei Scheinwerfern“, beispielsweise. Da geht es eher um das Ding der Gleichberechtigung, drei Bands auf Augenhöhe. Das ist so ein Spirit, der irgendwie auch in den Saal wabert – finde ich.

Mammoth Mammoth

Mal ganz abgesehen davon, dass in erwähntem Genreumfeld jede Band ihre Fans mitbringt. Was zum Beispiel bei der Auflage 6 des Up In Smoke Roadfestivals im UT Connewitz recht fein zu bewundern war: Da war ein ebenso wackeres wie feierwütiges Fähnlein an Mammoth Mammoth-Aficionados angetreten, um mit den australischen Heroen abzugehen. Was – dies lehrt die Erfahrung – bei diesem Breitbein-Rock’n’Roll, der zwischen Punkrock, AC/DC und Motörhead munter chargiert, immer auf vortreffliche Art und Weise möglich ist. Gut, inzwischen weiß man, was da geht – Frontmann Mickey Tucker pflügt sich irre durchs Volk, die Bierdusche kommt ebenfalls zum Einsatz und die ersten Reihen laben sich gemeinschaftlich am Bourbon. Fetzen tut’s trotzdem, weil bei aller Breitbeinigkeit, Straightness und Klischeeandickung die ganze Geschichte nie aus dem Ruder läuft. Irgendwie kriegt diese Band im Allgemeinen und der Sänger im Besonderen immer die Kurve. Vielleicht liegt es daran, dass sie ihre (Punk-) Rock-Rotzigkeit und mannhafte Outlaw-Attitude stets mit einer satten Portion Selbstironie aufbricht – wobei es aber auch gut möglich ist, dass Mammoth Mammoth dieses Wort in ihrem ganzen Leben noch nie gehört haben, geschweige denn wissen, was es bedeutet und die Chose intuitiv, quasi aus dem Bauch heraus konterkarieren. Soll mir aber auch recht sein, der sympathiestiftende Effekt gibt allen Seiten recht. Mal abgesehen davon sind die ja auch musikalisch so schlecht nicht – es hat schon seinen Grund, warum ein Stück wie „Lookin‘ Down The Barrel“ seinen Platz in diversen Jensor‘schen Playlists gefunden hat. Schick, schmissig, eingängig und gesegnet mit einem feinen Mitgröhlrefrain.

Greenleaf

Nach dem feinen Warm-up folgte jene Band, auf die ich mich irgendwie am meisten freute an diesem Abend. Gut, Greenleaf hatte ich irgendwie erst im Zuge der Vorbereitung auf die letztjährige Ausgabe des Stoned From The Underground auf den Schirm bekommen; aber dies dann nachhaltig. Mir gefiel doch sehr, was da zu hören war und live räumten die auch fein ab. Rechnet man dann noch die wirklich ausgezeichnete neue Platte „Rise Above The Meadow“ hinzu, kann schon mal eine gewisse Hibbeligkeit aufkommen (im Rahmen dessen, was man als alter Sack so an Hibbeligkeit aufbringen kann).

Greenleaf

Langer Rede kurzer Sinn: Das war nicht nur überzeugend. Das war schon grandios. Plättend. Und dabei irre ergreifend. Diese Band sollte nie mehr als so etwas wie ein Dozer-Seitenprojekt wahrgenommen werden – dafür haben Greenleaf viel mehr an musikalischer Substanz, die erwähnter Band in meinen Ohren immer abgegangen ist. Yeah, allein schon dieses famose Zusammenspiel von knackiger, dicker, fetter Riffigkeit aus der Gitarre von Tommi Holappa, der Emotionalität und Melodiösität des (btw. großartigen) Sängers Arvid Jonsson UND einer grandiosen Eingängigkeit, die sich aber eben auch nicht vor einer vernehmbaren Komplexität der Mittel scheut, macht mich geradezu kirre – argghhh! Da steht man gerne versunken vor den Boxen und vertieft sich mittenrein in diesen donnernden Down-/Midtempo-Orkan, bei dem einen in munterer Folge satte Riffs um die Ohren gehauen werden. Und dann taucht er auf, dieser unfassbar große „Rise Above The Meadow“-Opener „A Million Fireflies“ und es ist der schönste Moment, den man sich nur vorstellen kann. Umso mehr, da dieser Hit live sogar noch eine ganze Ecke besser rumkommt – gefühlt hat Arvid Jonsson da einfach weniger Effekte auf der Stimme und singt sich damit noch viel näher ran an meine Synapsen. Was für ein großer Sport.

My Sleeping Karma

Eine Situation, in der jede nachfolgende Band schlechte Karten auf der Hand hätte. Aber wir reden hier von My Sleeping Karma und was dies bedeutet, sollte ich an diesem schönen Abend nachhaltig kennenlernen. Dabei musste ich mit Erstaunen eines feststellen – die verfolge ich nunmehr auch bereits seit deren zweiten Platte „Satya“ von 2008. Und ich hatte sie bis dato niemals live gesehen. Da fühlte ich mich dann schon a bisserl schäbig, aber auch glücklich: Denn diese Band ist echt groß. Und zwar gerade auf der Bühne. Die schlichen sich nach dem Greenleaf‘schen Orkan auf geradezu sanften Pfoten ran an die Meute, um dann mit Wucht das Gaspedal durchzudrücken.

My Sleeping Karma

Das gewann in einer geradezu beängstigenden Art und Weise an Wucht, Dynamik und Intensität, das mir hintenraus beinahe die Haare zu Berge standen. Vor allem, wenn man sich dieses famose Quartett dazu auf der Bühne anschaut – wie es mit Freude und Glück miteinander musiziert, wie es interagiert, wie es funktioniert. Keine Chance, sich diesem geilen Happening zu entziehen. Musikalisch sind die eh eine ganz eigene Kategorie – finde ich ehrlich. Umso mehr, da ich tatsächlich nicht nur ein Schwelgen im ureigenen Kosmos erkennen kann, sondern auch erstaunliche musikalische Entwicklungen. Ich war zum Beispiel baff erstaunt darob, wie sich der My Sleeping Karma-Sound ausgehend von einer ganz anderen, psychedelisch-rockigen Ecke in eine Richtung entwickelte, die andockte an ebenso einzigartige musikalische Ideen der Bauart Mogwai. Da hat man doch gleich richtig Bock auf mehr. Up In Smoke Volume 6? Zumindest im Leipziger UT Connewitz eine fantastische Angelegenheit, bei der ich mich nach wie vor sehr darüber freue, dabei gewesen zu sein.

Belzebong

Nur eine Handvoll Tage später machte Volume 7 in Leipzig Station – wieder unter der Woche, aber diesmal im Werk 2. Fühlt sich immer nach einem Handicap an: Einen Laden wie das UT Connewitz kann man in Sachen Atmosphäre kaum toppen. Aber diese Halle D hat man echt gut hinbekommen und zwar in jeder Hinsicht. Mal abgesehen davon kam ich aus dem Strahlen gar nicht mehr raus, als ich realisierte, dass da tatsächlich Leute am Start sind. Und zwar dicke genug Leute, um das eingangs erwähnte miese Gefühl nicht mal ansatzweise aufkommen zu lassen. Erneut sollte sich eines bestätigen – da bringt jede Band ihre Fanbase mit. Die Polen von Belzebong lockten beispielsweise diverse Metalheads und Crustpunks an, die die gleichermaßen stoische wie durchschlagende Riff-Intensität zu schätzen wussten. Irgendwie wurde ich aber das Gefühl nicht los, dass da mit dezent angezogener Handbremse agiert wird – kein Vergleich zu jener Lawine, die im vergangenen Jahr auf der Stoned-Festivalbühne losgetreten wurde und die mich mit einem schlaff-glücklichen Gefühl des absoluten Geplättetseins zurückließ. Ich will es nicht mal auf den Sound schieben, der war gut und für den Belzebong‘schen Openerslot garantiert auch nicht runtergedreht. Trotzdem vermisste ich den Punch. Andererseits hatte ich nicht eine Sekunde lang das Gefühl, hier jetzt das Feld räumen zu müssen – das war schon eine feine Inszenierung der hängenden Gitarren, der riffgewaltigen Wiederholung, der mit psychedelischen Feinheiten geschmückten Schleifen.

Mars Red Sky

Mit einem tiefen Gefühl der Glückseligkeit und Freude bin ich an diesem Abend ebenfalls nach Hause gegangen – was in erster Linie an einer fantastischen Leistung von Mars Red Sky lag. Ich meine, diese einzigartigen Franzosen hatten sich spätestens mit „Stranded in Arcadia“ aber mal so etwas von tief in mein Herz gespielt. Und weil auch noch eine neue Platte (die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte) anstand, war ich gespannt wie ein Regenschirm – auch wenn ich immer irgendwie der Meinung bin, dass ich mir bei einem Livekonzert nie endgültig einen bleibenden Eindruck erarbeiten kann. Nur soviel zum Thema neues Material: Gefühlt schien es in der Tat noch einen Tick psychedelischer und vielschichtiger. Ansonsten lebt diese Band nun mal vom Spiel der Gegensätze. Da ist diese geradezu verletzliche Stimme von Julien Pras, die allein schon Mars Red Sky eine unangreifbare Einzigartigkeit gibt – und die mir live immer besser gefällt. Eben weil sie dann keine reine Perfektion ausstrahlt, sondern Julien Pras mit jener Intensität, mit der er um seinen Gesang auch kämpfen muss, auch ein Höchstmaß an Emotionalität und Verletzbarkeit vermittelt. Gänsehaut, Alter! Und auf der anderen Seite lauert dieser unfassbare Punch, der in der Gitarrenarbeit von Julien Pras steckt. Diese Heavyness der Riffs, dieser magenerschütternde Druck, der sich da aufbaut (auf das Feinste unterstützt von einer gar ausgebufften Rhythmusfraktion) – womit ich allerdings bei einer neuen paradoxen Erkenntnis bin: Diese gewisse Verletzlichkeit, diese unterschwellige Leichtigkeit, die in diesem hohen Klargesang drinsteckt, schwingt ebenso auch bei den crunchigsten und wuchtigsten Doom-Riffs mit. Das hat mich dann schon wieder saftig umgehauen.

Stoned Jesus

Gut, ich habe einen Bogen geschlagen. Und dies aus gutem Grund: Das Thema Vielfalt wurde angeschnitten und es wurde auch bei Up In Smoke Volume 7 auf den Tisch gepackt. Naja, und manchmal ist dann eben etwas dabei, mit dem man nicht so viel anfangen kann. Mir persönlich sind Stoned Jesus einen Ticken zu nah an dem, was man problemlos als konventionelle Rockmusik durchgehen lassen kann. So die Bauart Pearl Jam meets Hardrock. Grunge mit Punch. Nicht wirklich schlecht, aber es irritierte mich in diesem Kontext dann doch gewaltig. Interessanterweise wurde es (für meine Ohren) besser, als sich die Ukrainer in das Material aus den Anfangstagen vorarbeitete. Da wich die ziemlich präsente Cheesigkeit einem stimmigen Andocken an die Doom-/Sludge-Attitudes. Was dann aber auch wieder seltsam war: Denn damit pflegten sich Stoned Jesus in den gängigen Soundkosmos ein, den sie ein paar Stücke vorher mit einer durchaus erkennbaren individuellen Handschrift verlassen hatten. Was mich dann im Nachgang noch mehr irritierte. Vielleicht sollte ich mich mit denen doch noch mal ein wenig intensiver beschäftigen.

Fotos: Klaus Nauber

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