„Wir sammeln Erinnerungen“ – Stoned From The Underground 2017

Text: Jensor | Ressort: Allgemein, Diary, Musik, Veranstaltungen | 30. Juni 2017

Es sind die feinen Details, von denen Ralf spricht. Die schnuckligen Kleinigkeiten, die auf der Strecke bleiben können, wenn das große Ganze noch nicht passt. Über die man sich eigentlich freuen müsste wie ein kleines Kind – das die Jungs von Elvisdead beispielsweise mit einem Festivalshirt um die Ecke gekommen sind, bei dem mir schon ein wenig der Sabber die Mundwinkel runterläuft. „Es dürfte nichts mehr schiefgehen“, meint Ralf und erzählt von Reibungslosigkeiten. „Es hat wohl tatsächlich etwas genutzt, dass wir uns im letzten Jahr mal gemeldet haben.“

Denn es hat sich doch einiges verändert im Vergleich zu 2016: Dort klang etliches genervter, dramatischer, bedrohlicher. Da war dieser Moment, an dem die SFTU-Crew selbst die Arme ausbreitete mit den „Stop. Bis hierher und nicht weiter.“ Weil irgendwie alles aus dem Ruder zu laufen schien – das Booking an sich, die Gagen, der Zeitplan ohnehin. Es war mehr Wucht drin, mehr Wut, mehr Ärger, als ich damals mit Ralf über die anstehende Festival-Ausgabe sprach. Aber auch mehr Trotzigkeit. „Leckt uns am Arsch“, sagt er noch heute, aber da schwingt schon wieder ein Lachen mit. Wenn die großen Bands nicht spielen wollen, dann eben nicht: „Darauf sind wir nicht angewiesen.“ Scheiß drauf. Dann spielen eben andere Bands, die Bock auf die Sache haben. „Mann, es gibt da draußen so viele wunderbare Bands, die man entdecken kann“, überlegt er. Und ja, genau dies war auch für mich immer ein wichtiger Grund, mir diese drei Tage am Alperstedter See zu geben – wegen Breit und Church Of Mental Enlightment, wegen Monomyth und Dead Lord, wegen Black Mood und Grandfather. Ich hatte es schon einmal an anderen Stellen wortreich niedergelegt: Ich mag diese Entdeckungsreisen. Und ich freue mich schon darauf, ein paar neue Faves mitzunehmen.

drive by shooting

DxBxSx

Stichwort Stilsicherheit. Darum geht es am Ende des Tages. Darum, dass ich mich darauf freuen kann, dass Booker Matte mal wieder ein paar schicke Überraschungen aus dem Hut zaubern wird (macht er schließlich immer). Und darauf, dass ich es hier mit Leuten zu tun habe, die auch Fans sind. Die irgendwie auch so ticken wie ich. Als ich mit Fred Bienert darüber gesprochen habe (schon beim Desertfest), wie sich eigentlich Zeke in das Line-up 2017 verirrt haben, gab’s die Antwort mit dem Brustton der Überzeugung: „Weil ich das so wollte.“ Dann sprachen wir über die Speedfreaks aus Seattle mit wachsender Begeisterung. Und Ralf bestätigt: „Ja, es geht auch darum, Bands auf das Festival zu holen, die uns etwas bedeuten. Auch wenn das eher etwas mit Punk zu tun hat wie bei Zeke. Oder wie bei CJ Ramone. Aber wir sind nun mal große Ramones-Fans. So spielen dann auch mal unsere persönlichen Headliner.“ Sonderlich großen Bammel davor, so etwas wie „musikalische Integrität“ zu verlieren (oder um es mal burschikoser zu formulieren – das Kernpublikum vor den Kopf zu stoßen), hat man eh nicht. „Mit Stoner hat die Sache doch schon lange nichts mehr zu tun“, erklärt Ralf: „Schau mal auf das aktuelle Line-up – da gibt es ja nicht nur Stoner-Kram, sondern auch Doom oder diesen psychedelischen Space-Rock von Giöbiä. Mit Noise und Punk haben wir auch überhaupt kein Problem.“ Man kann das gerne weiterführen: Auf Dool verweisen, auf deren (progressiven) Ansatz ich mal gespannt bin. Die dezente – räusper – Asi-Punkigkeit von DxBxSx (mit neuer Platte am Start, sage ich da nur). Was dann auch wieder zu einer anderen Überlegung führt – liegt das gar am Genre, dass man so etwas wie das SFTU aus dem Boden stampfen kann (der Headliner Kadavar hatte sich ja auch einmal im Sinne einer gewissen „back-to-basics“-Philosophie geäußert – zumindest was den Punkt Ticketpreise betrifft)? An dieser Übersichtlichkeit einer Szene, in der man sich kennt, meistens schätzt und immer gern wieder was miteinander zu tun hat? „Wir haben überhaupt kein Problem damit, auch mal alte Bekannte wieder auf das Festival zu holen“, erklärt Ralf. Was wiederum auch impliziert, dass diese mit Freude wiederkommen.

Der Gegenentwurf zum eventorientierten Festival – man müsste ihn erfinden, wäre er nicht seit 17 Jahren da. „Sobald irgendeiner mit drinhängt, ein Label, ein Magazin, irgendein Sponsor, dann wird es Mist“, spricht Ralf über das Prinzip Unabhängigkeit. „Wir bezahlen lieber alles aus unserem Säckel. Wir sind Underground und wir werden auch auf dem Underground-Ding beharren.“ Der Graus für jeden aufrechten Event-Manager, der hinter jedem Stein eine strategische Möglichkeit sieht. Die SFTU-Crew sieht lieber die Kraft des Beharrens, des Verweigerns – was man aber auch erst einmal hinkriegen muss. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich will dies hier überhaupt nicht in Stellung bringen gegen die Highfields dieser Welt. Zum einen, weil ich Fred, Ralf und Matte mit so einem Vergleich nicht gerecht werde – sinnlos, Äpfel mit Birnen in Relation zu setzen. Zum anderen habe ich nur wenig Bock auf Kulturpessimismus-Schelte, die stets ein wenig dröge daherkommt. Und fast immer ins Leere geht wie man bei all jenen Fußball-Traditionalisten sieht, die wortreich das drohende Ende beschwören, den Super-GAU des Kommerzialisierungswahns vorbereiten und die Müdigkeit des gemeinen Fans inszenieren. Die dann aber trocken zerbröselt werden von der Mitteilung, dass die Bundesliga mal wieder einen neuen Zuschauerrekord zu vermelden hat. Steht man immer schön blöd da mit seinem Kulturpessimismus. Davon mal ganz abgesehen – ich will ja überhaupt nicht, dass sich die Sache entwickelt. Ich will kein Wachstum. Ich will kein Event. Keine Gewinnspiele, keine PR-Trupps, keine Gaukler.

„Wir haben durchgehend positives Feedback bekommen“, meint Ralf mit Blick auf jene Dinge, die in den letzten zwei Jahren passiert sind. Positives Feedback darauf, dass sich das Stoned From The Underground in der Nische der Unabhängigkeit, der stilvollen Verweigerung einrichtet. Darauf, dass man für all jene, die darauf keinen Bock haben, einen schicken Mittelfinger übrig hat. „Es gibt Leute, die sind seit 17 Jahren auf jedem Festival dabei“, berichtet er weiter: „Auf die freut man sich ein ganzes Jahr – das macht daraus dann so eine Art Klassentreffen. Genau dies ist das Coole: Wir sammeln Erinnerungen.“ Bin ich dabei.

Das Stoned From The Underground findet vom 13. bis 15. Juli in Erfurt-Stotternheim am schicken Alperstedter See statt. Alle Infos nebst Tickets findet man am besten unter www.sftu.de.

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